Im Mai 2011 erblickte der vierte Teil der von mir hochgeschätzten Fluch-der-Karibik-Reihe das Licht der Kinosäle – und ich war seinerzeit verrückt genug, mal eben eine Woche nach Los Angeles zu fliegen, um die Weltpremiere von Pirates of the Caribbean – On Stranger Tides persönlich mitzuerleben.
Was folgt ist der hautnahe, brühwarme und noch in derselben Nacht geschriebene Bericht zu Disneys bislang neuestem Piraten-Abenteuer:
 

Ich muss zugeben, als ich heute Nachmittag in Disneyland ankam, war mir etwas mulmig zumute. Ich fühlte mich etwas erschöpft, einigermaßen overdressed und absolut durchgeknallt, mich auf diese Sache eingelassen zu haben.
Da ich ja nicht einfach den Teppich entlangwuseln und im Nirwana des Frontierlands verschwinden wollte, habe ich mich erstmal durch den Seiteneingang hineingeschlichen und die Lage sondiert. Das Ergebnis sah beeindruckend aus: Die gesamte Mainstreet war, soweit man blicken konnte, zu beiden Seiten mit Kameras, Reportern und Menschenmassen überfüllt. Die glücklichen Fans der ersten Reihe sollen schon seit fünf Uhr morgens auf ihre Gelegenheit gewartet haben. Dementsprechend war auch die Stimmung; schon vor der Ankunft der großen Stars riss das Gejohle und Gepfeife nicht ab, die normale Disneyland-Hintergrundmusik war nicht einmal zu erahnen.

Schließlich stellte es sich als geniale Idee heraus, erst einmal unauffällig abzuwarten, denn die Filmcrew ließ sich noch eine gute Stunde Zeit – und als sie schließlich kamen, hatte ich einen Platz, an dem ich sie erstmal hautnah an mir vorbeiflanieren sah, bevor sie den umjubelten schwarzen Teppich betraten.
Diese junge Dame war übrigens der einzige Star, den ich nicht kannte und trotzdem fotografiert habe – weil ich sie wirklich bildschön fand, aber vor allem, weil mir ihre ungezwungene Art gefiel. Ich war wirklich überrascht, sie später auf der Leinwand wiederzufinden.
Dabei war ich die Einzige, die so lange dort stehen bleiben durfte, ohne weggescheucht zu werden – vielleicht ist eine etwas glamourösere Aufmachung doch von Vorteil?
Als dann die Stars langsam zum Teppich wanderten, machte ich mich auch auf, zeigte stolz meine „Guest“-Karte vor und wanderte, umrahmt von den schreienden Fans, an den Stars vorbei. Wow, ist das ein Gefühl!

Die Schauspieler waren voll und ganz mit Interviews beschäftigt und wurden von der Security perfekt vor aufdringlichen Verehrern (-> mir) geschützt. Doch bei einem etwas unbekannteren Gesicht hatte ich doch Erfolg:
Hans Zimmer schien sich zu freuen, ein paar Worte mit einem Landmann zu wechseln – auch wenn seine ersten Sätze noch einen deutlichen englischen Akzent hatten! Er sagte, er hoffe sehr, dass sich seine Arbeit für den vierten Teil als so erfolgreich herausstellt, wie die anderen Soundtracks – das sei jedes Mal ein neues Wagnis. Mittlerweile kann ich ihn zumindest in meinem Namen voll und ganz beruhigen, doch dazu später mehr.
Frontierland und Adventureland waren für das Ereignis voll abgesperrt und bis zum Anfang des Films fand dort eine riesige Party inklusive verschiedenster Künstler und toller Büffets statt.
Es heißt, „It never rains in Southern California“ – aber für die Piraten hat Calypso eine Ausnahme gemacht, auf dass wirklich Fremde Gezeiten anbrechen. Sobald der Film anfing, kam ein leichter Nieselregen auf, der sich die ganze Vorführung über immer mal wieder bemerkbar machte. Doch was ein echter Freibeuter ist, der lässt sich von sowas nicht erschüttern – und wie gesagt, kann man bei diesem Film etwas anderes erwarten?

Und damit komme ich also zum interessantesten Teil: Die Kinovorführung von Pirates of the Caribbean – On Stranger Tides.

Bei dem Vergleich der verschiedenen Teile ist für mich der erste Teil der Reihe der mit Abstand beste. Die Fortsetzungen finde ich einigermaßen gelungen, doch der geniale Knalleffekt, den Fluch der Karibik für mich darstellte, war nicht mehr vorhanden. Und ich denke, in aller Post-Event-Euphorie kann ich doch eindeutig sagen: Jack is back!
Ich finde den Film wirklich großartig – vom Disney-Logo am Anfang bis zur letzten Szene. Meiner Meinung nach hat er (und insbesondere auch unser aller Kapitän) den Pfeffer und das Abenteuer-Flair des ersten Teils, ohne allzu sehr in epische Fantasy-Gefilde abzugleiten. Momentan ist der erste Film zwar immer noch mein Liebling, doch das könnte sich nach mehrfacher Sichtung durchaus ändern.
Ein wichtiger Punkt wäre dafür auch die definitive Bekanntgabe von Teil 5. Dieser Film ist nämlich der erste, der eindeutig Teil einer langangelegten Reihe ist. Während „Fluch der Karibik“ perfekt abgeschlossen und die anderen beiden nur jeweils halbe Filme waren, haben wir jetzt eine Geschichte, die ein paar offene Fäden aufnimmt und ein paar andere zurücklässt. Prinzipiell gefällt mir das, doch sollte die Reihe nun doch abgebrochen werden, wäre es wirklich sehr enttäuschend.
In dieser Hinsicht ist mir auch aufgefallen, dass die Inhalte der letzten beiden Teile so weit wie möglich ignoriert wurden – jeder Kinobesucher, der den ersten Film kennt und ansonsten nur weiß, dass sich seitdem im FdK-Universum etwas getan hat, wird trotzdem voll auf seine Kosten kommen.
Die neuen Crew-Mitglieder – vor allem Angelica und Blackbeard – können auf ganzer Linie überzeugen und fügen sich perfekt in die Piraten-Welt ein. Der Einzige, dessen Rolle mich leicht enttäuscht hat, war ausgerechnet der gute alte Hector. Da wäre meiner Meinung nach noch sehr viel mehr Potential gewesen; noch ein Grund, den nächsten Film sehnsüchtig zu erwarten.
Dann komme ich zu dem Punkt, auf den ich mich wohl am Meisten gefreut habe: Meerjungfrauen!
Die Meerjungfrauen könnten meiner Meinung nach gut der Grund sein, warum man auf den Tanzszenen-erfahrenen Regisseur Rob Marshall gekommen ist und sorgen für die atemberaubendsten 3D-Aufnahmen, die ich je gesehen habe.
Und keine Sorge, das hier sind nicht Arielles Schwestern. Die Meermädchen aus Peter Pan sind erwachsen geworden und schaffen es so sogar in die Altersfreigabe-Begründung. Um sich ein Bild davon zu machen, betrachte man einfach diese Shirts:
Während ich die Nixen also als ideale Bereicherung des übernatürlichen FdK-Kosmos betrachte, sieht es bei den Zombies und den sonstigen Einschüben etwas anders aus; da fühlte sich für mich manches hölzern und unnötig an.
Auch bei den Gastauftritten war es halb-halb; den einen fand ich genial, den anderen absolut konstruiert (oder folgt da noch was im nächsten Film?).
Apropos: Wer rennt mir da wohl auf dem Bild davon?
Dann zu einem heiß spekulierten Thema: Jacks erster Auftritt. Bisher habe ich mich ja sehr spoilerfrei gehalten, doch wenn es darum geht, ist vielleicht eine kleine Warnung angebracht; im Notfall den Absatz einfach überspringen.
In diesem Film hat nicht nur Jack, sondern quasi jede Hauptperson einen sehr speziellen ersten Auftritt spendiert bekommen. An sich haben die mir auch alle gefallen, nur fand ich es irritierend, dass ich wirklich jeden im Voraus erahnen konnte – normalerweise bin ich in der Hinsicht nicht die Schnellste. Naja, eine Riesennase lässt sich in Sachen Vorhersehbarkeit eben schwer toppen.
Der Soundtrack war wie gesagt gewohnt gut. Nach dem ersten Mal sind bei mir zwar keine neuen Melodien hängengeblieben, doch das bekannte Material wurde genial zusammengesetzt, wobei Hans Zimmer gekonnt mit Assoziationen und Erwartungen spielt.
Zu dem 3D-Effekt kann ich leider nicht viel sagen, außer, dass es wirklich ungünstig ist, im 3D-Kino am Rand zu sitzen. Schaut euch das Foto an; ich war in der mittleren Reihe auf dem dritten Platz von links…
Aber wie man sieht, konnte ich mich mit einer genialen Sicht auf die Jolly Roger trösten, und als während des Abspanns noch ein Feuerwerk genau hinter dem Schiff aufstieg und rote Raketen zu „He‘s A Pirate“ im Takt knallten war ich voll und ganz ausgesöhnt.
Apropos Abspann: Ja, die Szene ist richtig gut – wieder ein Extra, das perfekt an den ersten Film anschließt. Völlig überrumpelt war ich nur von der Tatsache, dass nicht einmal die Hälfte der Besucher den Abspann abgewartet hat; direkt nach dem Feuerwerk und dem Schlussapplaus leerten sich die Reihen. Ich hätte gedacht, dass bei so einem Event wirklich nur Hardcore-Fans dabei sind, die keine Sekunde verpassen wollen.
Übrigens gilt auch die Entschuldigung nicht, dass sich alle so schnell wie möglich zu den Attraktionen verkrümelt haben: Als ich direkt nach dem Ende in die „Pirates of the Caribbean“ gegangen bin, habe ich zum allerersten Mal eine komplett leere Bahn erlebt.
Ich muss zugeben, dass ich da erst angefangen habe, im Film nach Referenzen zu suchen. Ich nehme an, dass es noch mehr gibt, aber zwei sind mir sofort aufgefallen; eine ist mehr als offensichtlich (und wiederum wunderbar umgesetzt) und eine so vage, dass ich sie mir auch eingebildet haben könnte. Die zweite würde aber auch nur in der amerikanischen Attraktion zutreffen.
Noch interessanter fand ich die Feststellung, dass die neueste Filmanpassung in der Bahn schon gestartet hat: Blackbeards düstere, auf einen Wasserfall über den Booten projezierte Miene.
Tja, und irgendwann musste ich mich dann auch auf den Heimweg machen, in der Tasche viele nette und auf der Tasche ein richtig cooles Souvenir von Hans Zimmer:

Wobei „Heimweg“ heißt, dass ich jetzt seit vier Stunden im FedEx sitze und schreibe. Immerhin hat die Zeitumstellung dafür gesorgt, dass mein Schlafrhythmus völlig im Eimer ist, aber jetzt ist es hier 5 Uhr morgens (Update: 6 Uhr, es ist hell) und ich freue mich auf mein Bettchen – und morgen auf Hollywood und das nächste (Halb-)Großereignis.

Mit freundlicher Genehmigung von SirDonnerboldsBagatellen: ein Nachdruck meines Gastartikels vom 8.5.2011