Ich liebe die Kunstrichtung der animierten Filme. Bei der Animation – wörtlich etwa „Beseelung“- geht es mehr als bei allen anderen Kunstarten darum, aus dem Nichts neues Leben zu schaffen, und das auf eine Weise, die dem Künstler selbst so unendlich viele Wege öffnet, sich auszudrücken.
Es ist an sich schon faszinierend, wie viele Möglichkeiten es überhaupt gibt, eine Reihe bewegter Bilder zu einer Geschichte zusammenzuflechten. Die Option, aus einer Reihe von Fotos einen normalen Live-Action-Film zu komponieren, ist ja nur eine unter so vielen. Alle anderen Optionen, ob es nun um Puppentrick geht, um gezeichnete Bilder, Schattentheater oder computergenerierte Filme, wird dabei ganz selbstverständlich unter den einen Begriff der Animations- oder Trickfilme gesteckt. Nun ist solch eine Verallgemeinerung ja nicht ein Problem an sich, man sollte sich nur bewusst sein, welch riesiges Potenzial an Kunst und moderner Kultur hinter diesem Begriff verborgen liegt. Es handelt sich hier um extrem starke Art der künstlerischen Ausdrucksmöglichkeit – ein Bereich, der nicht in seiner Gesamtheit als einfache Kinderunterhaltung abgestempelt werden sollte.
Aber natürlich wird dieses enorme Potenzial selten wirklich genutzt. In den meisten Fällen sind Animationsfilme doch in ihrem Aufbau schlicht Nachahmungen von Live-Action-Filmen und begnügen sich, eine einfache Geschichte im gefälligsten Stil zu erzählen. Es ist eher selten, dass dieses Medium mit wirklichem künstlerischem Anspruch genutzt wird – auch wenn wohl niemand bestreiten wird, dass Gelegenheiten wie die historische Zusammenarbeit von Walt Disney und Salvador Dalí mit Destino zu einem Kurzfilm geführt hat, der in jeder Weise künstlerisch beeindruckt.

Doch mein Punkt ist nun nicht, dass man für wahre Kunst auf eine solche Jahrhunderts-Zusammenarbeit warten muss. Denn wer sich Zeichentrickfilme bewusst anschaut, der sollte wissen, dass genau diese Art Kunst auch in einer großen Reihe „gewöhnlicher“ Filme zu finden ist. Ob nun Disney oder ein anderes Studio, immer wieder ist es den Künstlern gelungen, in ihre Werke Szenen einzuschmuggeln, die ganz anderen Gesetzen, ja, einer ganz anderen Logik folgen als der Rest des Films. Ob es nun die absurde Traumwelt der „Rosa Elefanten“ in Dumbo ist, die bunte Phantasmagorie „Nur‘n kleiner Freundschaftsdienst“ in Aladdin oder die bedrückende Albtraumszene im Prinz von Ägypten. Das alles sind Szenen, die sich abheben, aber mehr noch: Es sind Szenen, die anderen Regeln gehorchen.
Wir gehen in einem animierten Film gewöhnlich davon aus, dass die Zeichentrickfiguren einfach normalen Menschen entsprechen, und ihre Welt in groben Zügen eine Darstellung unserer Welt ist. Mit dieser Vorbedingung lassen wir uns auf den Film ein, wir nehmen seine Realität an. Wenn die Filmwelt nun unerwartet in eine Traumwelt wie die der „Heffalumps und Wusel“ in Winnie Puuh abgleitet, so gibt es beim Zuschauer dafür schlicht keine Entsprechung.
Es ist etwas, das das Publikum mit einem Mal grundlegend aus seiner Gewohnheit entreißt, das die „genormte“ Weltsicht verzerrt und verdreht. Natürlich kann dieses Prinzip als geniales Stilmittel verwendet werden, aber gleichzeitig ist es noch mehr: Eine solche Szene bietet eine Spielwiese für den Künstler und eine wahre Möglichkeit, etwas Großes zu schaffen.

Alles in allem kann eine derartige Szene richtig genutzt ein unwahrscheinliches Erlebnis sein. „Das Farbenspiel des Winds“ in Pocahontas ist eine künstlerisch geniale Szene, die rein oberflächlich betrachtet einfach nur wunderschön ist. Zusätzlich kann die Szene durch ihren Stilbruch aber ihr tieferes Ziel genau erreichen: Sie reißt den Zuschauer aus seiner Komfortzone, indem sie ihn die ganze Welt auf eine neue, beeindruckende Weise sehen lässt. Ein ähnliches Prinzip liegt in der Transformationsszene in Bärenbrüder.

Ich liebe diese Art von Szenen, und halte sie für ein extrem starkes filmisches Mittel. Und gerade weil ich mich bemühe, alle Stilrichtung gleich zu schätzen, stellt sich mir die Frage, weshalb diese Art Stilbruch-Szenen nicht in CGI-erzeugten Filmen zu finden sind. Man mag mich gerne korrigieren, aber mir ist hierzu kein einziges entsprechendes Beispiel eingefallen.
Vielleicht könnte man argumentieren, dass diese Kunstrichtung noch zu jung für derartige Spielereien ist, aber das halte ich für Quatsch. Der erste Toy-Story-Film ist nun beinahe 20 Jahre alt, und wann wenn nicht in seinen Jugendjahren hat eine Kunstart die Möglichkeit, sich kreativ auszutoben? Fantasia war nicht zufälligerweise bereits das dritte Disney-Meisterwerk. Außerdem haben die CGI-Film spätestens mit Rapunzel und der Eiskönigin einen Pfad betreten, der keinen prinzipiellen Unterschied zu den klassischen Meisterwerken mehr aufweist.

Wenn ich bei CGI-Filmen nach entsprechenden Szenen suche, so fällt mir noch am ehesten die alte Sage ein, die Meridas Mutter ihrer Tochter erzählt. Doch auch wenn diese Szene in Stimmung und Kameraarbeit eine einigermaßen spezielle Richtung einschlägt, so unterscheidet sie sich doch kaum von entsprechenden Szenen in realen Spielfilmen, wie beispielsweise dem Prolog im Herr der Ringe.
Das führt nun zu der Frage, inwieweit es entsprechende Szenen nicht doch auch in Live-Action-Filmen zu sehen gibt. Und natürlich gibt es auch dort immer wieder Traumszenen wie die Drogentrips in From Hell, oder das absurde Albtraumszenario von Davy Jones‘ Reich in Pirates of the Caribbean – Am Ende der Welt.
Besonders auffallend sind die unterschiedlichen Stile, in denen am Anfang von Titanic das seinerzeit geschehene Unglück gleich dreimal „erzählt“ wird: zum einen in den Schwarz-Weiß-Aufnahmen der damaligen Abfahrt in Southampton, dann in der traumartigen Bilderwelt des versunkenen Wracks, und schließlich in einer trocken kommentierten Computersimulation des Unglücks selbst.
Und dann sind da natürlich noch die Trickszenen, die sich ab und an auch in Realfilmen unerwartet finden – denn was wäre die „So ein schöner Ferientag mit Mary“-Szene in Mary Poppins anders als ein so umfassender wie gewollter Stilbruch zum Rest des Films?

Also, wenn es derartige Szenen auch in Spielfilmen zu finden gibt, wo liegt dann der Unterschied zu der Trickfilmvariante?
Ich denke, dass Spielfilme sich am Ende einfach als mehr realitätsgebunden zeigen, als ihre Trickfilm-Brüder. Ja, auch hier können Sachen geschehen, die den allgemeinen Stil brechen und die gewohnte Welt umkehren – aber sie müssen eben noch eher in der Realität verankert sein. Ob es nun Träume sind, ob Erzählungen oder nur Gedanken, in Spielfilmen sind es gewöhnlich einfach andere Bewusstseinsebenen und innere Bilder, die auf diese Weise visualisiert werden.
Was dabei fehlt, ist die völlige stilistische Narrenfreiheit der Animation.

Bei Zeichentrickfilmen liegen die Grundbedingungen einfach grundlegend andere: Man befindet sich sowieso in einer abstrahierten, auf irgendeine Weise stilisierten Welt, und so ist es sehr viel organischer, auf diesen Bruch in der Wahrnehmung schließlich noch etwas draufzusetzen. Auf diese Weise lassen sich zum einen Träume und Geschichten freier interpretieren, wie beim Glasfenter-Prolog in Die Schöne und das Biest oder auch „Ich kenn Geschichten“ aus der Fortsetzung. Aber vor allem ist es hier viel einfacher möglich, ganz assoziativ zu arbeiten und auf Stimmungen und flüchtige Ideen zu reagieren, wie zum Beispiel bei der völlig zusammenhanglosen Stiländerung zu chinesischer Malerei in Mulans „Die Frau, für die ein Kampf sich lohnt“.
Sobald es um die Visualisierung von etwas Fremden geht, am besten etwas Irrealem und nicht „faktisch“ darstellbaren, wie den drei Wünschen in Dornröschen, befindet sich das Medium Zeichentrick in der einigermaßen erlesenen Situation, dass ein Stilbruch oder ganz generell ein assoziatives Arbeiten dem Zuschauer gegenüber kaum gerechtfertigt werden muss.

Ein Hauptgrund für diese außergewöhnliche Position liegt mit Sicherheit in einem der wichtigsten zusätzlichen Stilmittel gerade von Disney-Zeichentrickfilmen: den Liedern.
Woran es nun historisch und gewohnheitsmäßig auch liegen mag, es ist heute doch so, dass plötzliche Lieder und die damit verbundenen Realitätsbrüche in Zeichentrickfilmen mehr gelitten werden als in quasi jedem anderen Medium. Und wenn der Zuschauer problemlos akzeptiert, dass Tiana mit „Ganz nah dran“ unvermutet in Gesang ausbricht, um von ihrem Wunsch zu erzählen, weshalb sollte es dann nicht gleich eine vollkommen andere Realität sein?
Das gleiche gilt für viele Liebesszenen, beispielsweise in Bambi, Cinderella oder Dornröschen: Der Zuschauer ist die eingefügten Lieder schon so gewohnt, dass ihn ein Liebeslied kaum noch erstaunen wird – also ist der fremde Stil beinahe nötig, um ihm die traumartige Realität frisch Verliebter begreifbar zu machen.

Es bleibt die Frage, warum all diese Beispiele im Medium des Zeichentricks zu finden sind und nicht in computeranimierten Filmen.

Ich denke, am Ende kann man den Grund vielleicht doch schlicht auf das Alter schieben – nicht das Alter des Mediums, sondern das Alter des künstlerisch-freien Umgangs mit diesem Medium. Denn wenn Pixar auch seit langem große und gute Filme macht, so habe ich doch das Gefühl, dass die Studios allgemein ihre Zeit brauchen, um die virtuelle Realität in den Computer-Simulationen einigermaßen loszulassen.
Die Filme von Pixar sind, egal in welch fremden Welten sie auch spielen, doch immer stark in der Realität verhaftet – es ist ein weltlicher, wenig traumhafter Umgang mit der Wirklichkeit. Das ist der Pfad, den Pixar einmal gesetzt hat; das ist der Pfad, auf dem alle anderen Studios nachgefolgt sind. Es ist kein Zufall, dass schließlich wieder Disney nötig war für die Geburt von großen, fantastischen CGI-Musicals.
Wer weiß, die nächste Freiheit mag nun darin liegen, die festen Modelle der Computeranimation ein wenig loszulassen und sich auch in diesem Medium ganz auf künstlerische, abstrakte Ebene zu trauen. Und sei es auch nur für Dauer eines Liedes.