Ich bin im Allgemeinen der Erste, der sich dagegen verwehrt, ein Werk als unantastbar einzustufen, nur weil es als hohe Kultur gilt. Keiner der großen Meister war wirklich unfehlbar, und viele althergebrachte Kunstwerke wurden seit Ewigkeiten so auf einen Sockel gestellt, dass ihre Schwächen gar nicht mehr wahrgenommen werden dürfen. Wenn dann doch einmal eine Adaption sich bemüht, ihr Ursprungsmaterial noch zu perfektionieren, so kann das Ergebnis überraschende und beeindruckende Züge annehmen. Aber gleichzeitig gilt sicherlich auch das Gegenargument: Wenn ein Buch, ein Bildnis oder ein Theaterstück seit Jahrhunderten als genial gelten, so hat das in den meisten Fällen auch seine Gründe, und ein moderner Bearbeiter sollte seinerseits einen wirklich guten Grund haben, diese Klassiker zu verändern.
Shakespeare kann wohl als Musterbeispiel für beide Seiten der Überlegung gelten. Größere Klassiker als die Stücke des Barden gibt es in unserem Kulturkreis kaum, und seine Texte wird man wohl mit jedem Recht als genial bezeichnen. Doch auf der anderen Seite haben auch die grandiosesten seiner Werke oft dieselben inhaltlichen Schwächen: Die Handlung wird von konstruierten Zufällen angetrieben, die Nebenfiguren sind zwei- bis eindimensional und nicht immer sind die Geschichten selbst wirklich durchdacht.

Als Theaterstücke leben Shakespeares Werke per Definition erst in ihren Adaptionen, und gerade das letzte Jahrhundert hat dazu geneigt, immer freiere Bearbeitungen zu schaffen. Eines der populäreren Beispiele für eine solche Adaption ist sicherlich West Side Story, Leonard Bernsteins Musicaladaption von Romeo und Julia, die so frei ist, dass nicht einmal die Namen von Stück und Figuren übernommen wurden. Doch trotzdem hangelt sich die Geschichte des Musicals sehr genau an ihrer Vorlage entlang und es sind nur wenige Punkte, in denen das Musical wirklich eine charakterlich andere Stimmung einschlägt.
Der erste wirklich entscheidende Punkt ist für mich das Missverständnis, durch das Romeo/Tony von Julias/Marias angeblichem Tod erfährt.
Im Stück schickt Pater Lorenzo ihm einen Brief, um ihm zu sagen, dass Julia nicht wirklich gestorben ist, doch der Brief geht verloren und Romeo hält seine Geliebte für tot. Es ist ein Zufall, der gerade richtig kommt, um das dramatische Finale einzuläuten – nicht schlimm genug, um den Zuschauer herauszureißen, aber doch so sehr konstruiert, dass er eine klare Möglichkeit für Verbesserungen bietet.
In West Side Story ist diese Situation für mich absolut ideal gelöst: Marias Freundin Anita soll Tony eine Nachricht überbringen, und obwohl Anita selbst von Hass auf die Jets erfüllt ist, gelingt es Maria, ihrer Freundin ihre eigenen Gefühle nahezubringen. Doch ehe Anita ihre Botschaft überbringt, wird sie von Tonys Freunden aufgehalten. Die Jets demütigen das Mädchen und machen sie so lange fertig, bis sie ihre Meinung ändert und Tony ausrichten lässt, seine Maria sei gestorben. Diese Begründung für das Missverständnis ist nicht nur realistisch, sie ist auch tiefgreifend und auf geradezu ideale Weise mit dem Grundtext der Geschichte verwoben.

Nachdem das Musical Shakespeares Stück in dieser Hinsicht also geradezu perfektioniert hat, stellt sich mir nur eine Frage: Wieso wurde das Ende der Geschichte auf so sträfliche Weise pervertiert?

Das eigentliche Drama von Romeo und Julia rührt daher, dass sich das Liebespaar durch seine eigenen Gefühle selbst zerstört. Die Welt der Montagues und Capulets ist so erfüllt von Hass, dass niemand zögert, eines anderen Leben zu nehmen – und mitten in dieser Welt finden sich zwei Liebende, die nicht ohne einander leben können, und daher beide freiwillig in den Tod gehen. Genau das ist die Faszination, die Tragik, die diese Geschichte über Jahrhunderte aufrechterhalten hat.
Die Vorbereitung für dieses Ende ist in West Side Story perfekt gegeben; Tony denkt, Maria sei gestorben und macht sich in selbstmörderischer Stimmung auf den Weg in die Straßen. Doch statt des ikonischen zweifachen Selbstmords entwickelt sich ein geradezu banales Ende: Tony wird von dem rachsüchtigen Chino erschossen, und Maria trauert um ihn.

Ich muss offen sagen: Mir fehlt an diesem Ende jeder tiefere Sinn. Ja, Marias Schicksal ist in der Tat schrecklich – aber so ist die Welt, die in West Side Story dargestellt wird, menschenverachtend und schrecklich. Tony ist nicht mehr als irgendein beliebiges Opfer des Kampfes und Maria nicht mehr als eine von vielen Witwen, die dadurch ihren Mann verloren hat. Dass diese Episode dazu führen soll, dass sich Jets und Sharks dauerhaft versöhnen, ist mehr als unrealistisch – es ist nichts geschehen, was dort nicht jeden Tag geschieht.
Das Ende von West Side Story ist mit Sicherheit tragisch, und wahrscheinlich ist sie auch realistischer als Romeos und Julias Doppelselbstmord. So ist es, wie Straßenkrieg wirklich abläuft; es gibt sinnlose Opfer, und ein paar zerstörte Leben reichen nicht aus, um das Grauen zu beenden. Man hätte diese Botschaft in irgendeiner neuen Geschichte erzählen können – aber es ist nicht nötig, dafür Shakespeares Stück als Quellmaterial zu verwenden. Warum Romeo und Julia adaptieren, wenn man dem Drama dann gerade das nimmt, was es im Innersten ausmacht?

Was West Side Story meiner Meinung nach fehlt, ist das, was die Geschichte zu einem Idealfall macht. Es geht in Romeo und Julia nicht um ein dramatisches Beispiel für Straßengewalt, sondern um ein übergeordnetes Prinzip. Die Geschichte der Liebenden von Verona und ihres gemeinsamen Todes ist möglicherweise nicht realistisch – aber sie ist ewig.