Das Prinzip von Jukeboxmusicals, also Shows, die bereits bekannte Schlager in eine mehr oder weniger zusammenhängende Geschichte einbetten, gibt es schon seit den 60er Jahren, doch spätestens seit dem Abba-Zusammenschnitt Mamma Mia! erlebt diese Art der Musical-Produktion ein völlig neues Hoch. Ob nun Ich war noch niemals in New York oder Hinterm Horizont, die Hits bekannter Stars zu nutzen, um vor allem die nostalgiebelastete Generation damit in die Musical-Säle zu locken, ist ein nahezu risikofreies Erfolgsprinzip. Dabei ist die eigentliche Geschichte, die sich zwischen den Liedern versteckt, beinahe gleichgültig, dient sie doch kaum zu mehr als zu einem Alibi um die wahren musikalischen Stars zum Scheinen zu bringen. Das heißt natürlich nicht, dass solch ein Unterfangen aus künstlerischer Sicht von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist – gerade die Filmversion von Mamma Mia! hat mir sehr gefallen, nicht zuletzt deshalb, weil trotz des Gute-Laune-Charakters von Geschichte und Musik auch durchaus für tiefgreifendere Momente Raum gelassen wurde. Und auch eine simple Story mit garantiertem Happyend kann schließlich zu gefallen wissen, solange sie authentisch aufgebaut ist und sich traut, sich selbst ernst zu nehmen.

We Will Rock You ist nun das erste Jukeboxmusical, das ich live besucht habe, und der Grund dafür liegt in dem Potential, das ich selbst in der Geschichte und vor allem der Musik gesehen habe. Die Hits von Queen sind heute bereits zeitlose Ohrwürmer mit großem emotionalen Potenzial, und mehr noch als die eher seichteren Abba-Schlager bieten sie sich als Trägermaterial für eine starke und eindrückliche Geschichte an. (Eine professionelle Aufnahme der Londoner Aufführung ist übrigens leicht im Internet zu finden.)

Ich selbst habe die Gelegenheit genutzt, die Show vor einigen Wochen in Basel zu sehen, und ich muss als Erstes sagen, dass ich mit der Besetzung mehr als zufrieden war: Jessica Kessler, die ansonsten oft zu einer etwas schrillen Belt-Stimme neigt, ist in diesem Stück als Scaramouche perfekt aufgehoben, und auch der Sänger des Galileo Figaro war grandios. Dies nur als Vorab-Erklärung, dass meine Enttäuschung von der Show nicht besetzungsabhängig war – soweit es mich betrifft, hätte kein Sänger der Welt dieses Material retten können.
Ich muss betonen, dass ich nicht generell von der Handlung des Stückes rede. Jedem, der sich auch nur die kürzeste Inhaltsangabe durchliest, sollte klar sein, dass es sich nicht um eine besonders subtile Geschichte handelt; soviel war mir im Vorhinein klar, und darin liegt nicht der Grund meiner Beschwerde. Mein Problem ist, dass das Musical sich selbst, und damit auch sein Publikum in einem Fort verarscht – ich bitte um Verzeihung, aber es gibt dafür kein anderes Wort. Dem Zuschauer wird niemals gestattet, den Inhalt, der sich vor seinen Augen abspielt, auch nur ansatzweise ernst zu nehmen.
Ich verlange sicher nicht, dass jedes Musical die dramatische Schwere von Elisabeth hat. Aber auch einwandfreie Gute-Laune-Stücke wie Mamma Mia! bieten echte Emotionen; selbst die Gefühle der tanzenden Kätzchen in Cats darf man als Zuschauer ernst nehmen. In We Will Rock You dagegen wird in jeder Sekunde eine bewusste Selbstveralberung betrieben, mit Sätzen wie: „Wir dürfen Britney Spears nicht im Stich lassen, er [sic] hat sich für uns geopfert.“ Dass diese ganze Flapsigkeiten erstaunlich gut ins Deutsche übertragen wurde (wie mittels der unterschiedlichen englischen und deutschen Bedeutung des Wortes „Rock“), macht das Ganze nur schlimmer; nichts wird somit durch die Übersetzung kaschiert oder in seiner Peinlichkeit gemildert.
Dazu kommt eine Emporhebung der vergleichsweise simplen Botschaft, die dadurch regelrecht ins Absurde geht – es ist nicht das Problem, dass die Aufforderung zu Individualismus und „echter“ Musik zu sehr betont wird, sondern dass sie in buchstäblich jedem Gespräch auf plakativste Weise offen ausgesprochen werden muss. Dass das Musical gleichzeitig jede Gelegenheit nutzt, sich über „kommerziell verkommene“ Systeme wie Disney lustig zu machen, hilft nur, diese Peinlichkeit zu unterstreichen. Mir persönlich würde kaum ein Disney-Meisterwerk einfallen, das die Aufforderung zu Authentizität und Individualität nicht tausendmal sinnvoller verpackt als dieser ach so revolutionäre Blödsinn.
Genau ein einziges Mal gelingt es der Show, seine Aussage ansatzweise überzeugend rüberzubringen, und zwar wenn im großen Finale bei dem Lied „We Will Rock You“ deutlich wird, dass gute Musik immer und überall, selbst ohne Instrumente geschaffen werden kann. Zur gleichen Zeit ist allerdings der Anblick eines gesamten Saales an Menschen, die einhellig im Takt klatschen, wunderbar geeignet, die Individualitäts-Message ad absurdum zu führen.
„Wir sind alle Individuen!“

All diese Punkte bieten mehr als genug Grund dafür, dass ich We Will Rock You als eine durch und durch schlechte Show empfinde. Doch meine persönliche Enttäuschung liegt an einem ganz speziellen Punkt: Es ist die Inszenierung des Liedes „Who Wants To Live Forever“. Die Geschichte des Musicals strotzt schließlich trotz aller erzählerischen Patzer nur so von Dramatik, Lebensgefahr und Liebe, und damit scheint es geradezu unmöglich, dieses Lied nicht effektiv unterzubringen – aber natürlich ist genau das den Autoren dennoch gelungen.
Statt die leidenschaftliche Ballade als tragisches Abschiedslied im Angesicht der Gefahr zu inszenieren, wird sie mitten in einen durch und durch sinnlosen Comedy-Moment gequetscht. Ohne, dass in diesem Moment eine akute Gefahr oder Tragik für die Liebenden besteht, wird das Lied mit einer unpassenden Bemerkung eingeleitet – gerade, als ob man sich bewusst dagegen verwehren wollte, irgendwelche tieferen Gefühle entstehen zu lassen.

Und gerade das ist der Eindruck, den die ganze Show erweckt: Mein Problem liegt nicht darin, dass das Musical nicht vollkommen perfekt gelungen wäre, sondern dass die Geschichte wie bewusst geknebelt wirkt. Es scheint, als ob man jedwede Emotionalität um jeden Preis hätte vermeiden wollen, und ich kann mir wirklich nicht erklären, weshalb – hätte es wirklich schaden können, der Geschichte so etwas wie Authentizität zu verleihen?
Am Ende sind solche Fragen natürlich müßig. Die Show wird kaum noch eine wirkliche Veränderung durchgehen, und damit stellt We Will Rock You für mich nach Love Never Dies das zweite Musical meines Lebens da, das ich mir mit vollkommener Sicherheit niemals wieder anschauen werde.