Wenn man sich die Unterschiede anschauen will, die in der heutigen Auffassung zwischen Opern- und Musicalaufführungen gemacht werden, betritt man schnell ein weites Feld – ich könnte von bemühter Kulturrettung reden, von Subventionierungen und prätentiösen Inszenierungen, bei denen mehr Wert auf das Ego des Regisseurs gelegt wird als auf das Interesse der Zuschauer. Aber ich denke, dass einer der bedeutenderen Punkte, die nicht allzu offensichtlich scheinen, in der Frage besteht, welche Stellung der Gesang selbst in der Inszenierung innehat.

Opernbesetzung von Aida (auf Italienisch)

Auf den ersten Blick scheint die Oper in diesem Punkt klar zu siegen. Traditionell wird bei Opernsängern sehr viel mehr Wert auf die Gesangsqualität gelegt als auf Punkte wie Aussehen oder Schauspielkunst – ganz im Gegensatz zum Musical, wo eine äußerliche Rollentauglichkeit Grundvoraussetzung ist. Die unterschiedlichen Sichtweisen, die sich hierin zeigen, sind klar: In der Oper wird die Musik mehr als Kunst an sich betrachtet, während im Musical mindestens genauso viel, wenn nicht mehr Wert auf die Darstellung der Geschichte gelegt wird.

Musicalbesetzung von Aida (in Landessprache)

Die Frage, welche dieser Sichtweisen zu bevorzugen ist, liegt wohl stark im persönlichen Geschmack. Für mich beinhaltet der Ausdruck Musiktheater am deutlichsten, was ich mir von der Oper wie vom Musical gleichermaßen wünsche: ein groß inszeniertes Theaterstück, bei dem die Musik ein unverzichtbares Mittel ist, um Emotionen und Handlung voranzubringen – und dafür wünsche ich mir Akteure, die nicht nur guten Gesang, sondern im gleichen Maße auch eine gute Darstellung bieten.
Der Unterschied der verschiedenen Besetzungs-Ansätze wurde für mich nie so deutlich wie in der Aufführung von Humperdincks Hänsel und Gretel, die ich gerade in der Pariser Oper besucht habe. Schon die Tatsache, dass die Oper in Frankreich in ihrer originalen deutschen Fassung gebracht wurde, ist symptomatisch für die heutige allgemeine Auffassung: Opern sind Kunst und somit (wenigstens was die Musik angeht) unantastbar, sie haben sich nicht dem Publikum anzupassen – auch wenn das Publikum die Originalsprache leider nicht versteht.
Doch in diesem Fall ging die Verkünstlichung des Gesanges noch weiter: Da der größte Teil der Opernbesucher den Text der Musik sowieso nicht verstand, scheinen sich die Sänger in diesem Fall nicht einmal mehr Mühe gegeben zu haben, deutlich zu singen. Ich kenne einen Großteil der Oper auswendig, und trotzdem war es unmöglich, die gesungenen Sätze wirklich zu verstehen – es war wie zu erwarten perfekte Gesangsqualität, doch der Gesang hatte nichts mehr mit dem eigentlichen Text zu tun; die Stimmen waren Instrumente, nicht mehr und nicht weniger. Somit stellte diese Inszenierung ein perfektes Beispiel dafür dar, welche Stellung das Textverständnis in der heutigen Opernszene innehat.
Nebenbei ist Hänsel und Gretel schon wenige Jahre nach seiner Premiere in der Pariser Oper aufgeführt worden – da allerdings in französischer Übersetzung. Ich könnte mir vorstellen, dass der Text damals noch verständlich vorgetragen wurde.

Eine andere Folge der ausländischen Texte ist, dass die Sänger so notgedrungen häufiger in einer Sprache singen, die nicht ihre Muttersprache ist und die sie oft nicht einmal verstehen – auch ein Punkt, der nicht unbedingt zum allgemeinen Textverständnis beiträgt. Während in Musicalaufführungen ein starker Akzent der Hauptdarsteller (vielleicht mit der traditionellen Ausnahme von Cats) so gut wie ausgeschlossen ist, gehören derartige Besetzungen in der Oper beinahe zur Regel.
Die Konsequenz ist, dass der Text in der Oper traditionell weniger und weniger Bedeutung innehaben kann. Gerade in nicht durchkomponierten Werken wird in den Sprechtexten oft genug der Inhalt der Lieder verständnishalber noch einmal wiedergekaut. So wird den Zuschauern langfristig aberzogen, die gesungenen Worte verstehen zu wollen, und umso mehr scheint es auch nicht mehr nötig, sie überhaupt verständlich zu singen.


Und damit ist meine Überlegung wieder am Ausgangspunkt angekommen: Die Zuschauer bekommen anerzogen, dass Oper „Kultur“ bedeutet – man muss den Gesang nicht verstehen, die Handlung ist zweitrangig, es geht ausschließlich um die Darstellung der altehrwürdigen Musik. Kein Wunder, dass moderne Regisseure das Bedürfnis empfinden, sich den Inszenierungen auszutoben; sie haben unter dem Deckmantel der abstrahierten Kunst quasi einen Freifahrtschein.
Eine gloriose Ausnahme bieten oft die Opernfestspiele, die alljährlich in den Sommermonaten stattfinden. Diese Aufführungen sind es, die im Allgemeinen wirklich für die Zuschauer inszeniert werden und emotionale Erlebnisse statt abstrakter Kultur präsentieren. Und in meinen Augen stellen sie dadurch bei weitem mehr Kunst dar, als die Produktionen der allermeisten Theaterhäuser.