Die siebziger Jahre waren für die Disney Zeichentrickstudios keine sonderlich glorreiche Zeit. Man war immer noch tief erschüttert von Walt Disneys Tod und war Film für Film damit beschäftigt, die funktionierenden Formeln der Vergangenheit anzuwenden – meistens mit eher geringem Erfolg. Dazu kam der nun allseits benutze Xerox-Zeichenprozess, ein Verfahren, das als spezielles Stilmittel eingeführt worden war und als einfaches Kostensenkungsmittel zwei Jahrzehnte lang erhalten blieb – unterstützt durch jede Menge Animations-Wiederverwertung.
Mitten in dieser Zeit, 1977, erschien mit Robin Hood ein Disney-Meisterwerk, dass all diese Punkte auf die Spitze treibt. Nicht nur, dass die Hauptdarsteller dieser simplen Farce einfachheitshalber mit Tieren besetzt sind, es sind sogar „bekannte Gesichter“: Sowohl Balu als auch Kaa haben es geschafft, in diesem Film eine Neuverwertung zu finden. Dazu die Tanzszenen aus Schneewittchen und Aristocats, die Kampfszenen aus Eine tollkühne Hexe in ihrem fliegenden Bett – nun gut.

Ich selbst muss zugeben, dass ich diese Robin-Hood-Verfilmung sehr schätze. Natürlich stellt sich auch für mich die Frage, was gewesen wäre, hätte man sich für eine vollwertige Bearbeitung der Sage entschieden, mit menschlichen Darstellern und einer ernsthaft gehaltenen Geschichte. Doch ich trauere dieser Was-wäre-wenn-Version nicht allzuviel hinterher. Der Film hat so wie er ist ja eindeutige Stärken, und auch geradezu einzigartige Stärken, die eben nur auf diese Art und Weise zum Tragen kommen konnten.
Es gibt starke Gefühle und große Momente – anders vielleicht als die Melodramatik, die man in einem ernsthafteren Film erwarten würde, aber gerade passend für diese kleine Abenteuergeschichte. Ich erwähne als Beispiele nur den Kampf und die Niederlage von Bruder Tuck, oder die düstere Dystopie, die für das leidende Volk im zweiten Teil aufgebaut wird. Und natürlich gibt es da noch das absolute Glanzstück des Films: Prinz John, den kindischen Tyrann, den Sir Peter Ustinov in der englischen wie der deutschen Sprachfassung meisterhaft in Szene gesetzt hat.
Prinz John ist ein durch und durch komischer Bösewicht, der dennoch wirklich Angst verbreiten kann – und in dieser Mischung ist die Figur meiner Meinung nach unübertroffen. Dieser Bösewicht-Preis geht für gewöhnlich an Käpt’n Hook, doch ich halte Prinz John in seiner Art für sehr viel ausgewogener. Er schwankt nicht Szene für Szene zwischen lustig und düster hin und her; dem mähnenlosen Löwen gelingt es, beide Attribute zu verschmelzen und gerade durch sein kindisches und lächerliches Gebaren eine ganz andere Art der Gefährlichkeit einzunehmen.

Doch neben diesen Punkten gibt es für mich speziell eine Szene, die alle Vorzüge des Films perfekt zusammenfließen lässt: das dramatische Ende des Bogenschützenturniers.
Das Undenkbare ist eingetreten; Robin Hood ist gefangen. Gefesselt steht er vor Prinz John, der ihn hämisch begutachtet.
Es ist eine generell unwahrscheinliche Szene für diesen Film. Robin Hood war bis zu diesem Punkt eine reine Slapstick-Komödie – eine derartige Gefangennahme passiert da eher nicht. Wenn, dann wäre sie albern gehalten, mit fetter Pointe und nicht dramatisch ernsthaft. Aber genau das geschieht: Zwischen Robin und dem Prinzen spannt sich ein ernstgemeintes Aufeinandertreffen an. Unter den Augen seiner Geliebten, die durch ihre eigenen Gefühle selbst in Gefahr geraten könnte, wird Robin zum Tode verurteilt. Es ist der erste und beinahe einzige „echte“ Moment in dem Film.
Aber es gibt noch einen Ausweg: Marian bittet für den Gefangenen und Prinz John macht zumindest Anstralten, sich gnädig stimmen zu lassen. Und dabei ist klar, bei dem Prinzen handelt es sich immer noch um eine Witzfigur – es würde für Robin kaum ein Problem darstellen, ihn offen zu übertölpeln. Das hat er  im Verlauf des Filmes schon zu Genüge bewiesen. Die Lösung ist eigentlich offensichtlich; Robin Hood muss ein paar spaßige Sprüche bringen und sich auf diese Weise aus der Situation herausreden, um sich als der Cartoon-Held zu beweisen, der er doch ist.
Was passiert, ist so etwa das Gegenteil.
Denn Prinz John hat den König beleidigt, und selbst wenn es um sein eigenes Leben geht (und das geht es hier ganz eindeutig), kann Robin diese vermeintliche Schmähung so nicht stehen lassen. Er spricht laut für Richard, löst damit einen allgemeinen wenn auch kurzfristigen Jubel aus – und verurteilt sich auf diese Weise ganz unzweifelhaft zum Tode.

Was nun kommt, gehört zu den düstersten Sekunden, die Disney zu bieten hat. Der Scharfrichter, begleitet von dumpfen Trommelschlägen, der langsam auf den Delinquenten zugeht, Maid Marians Angst, Prinz Johns Besessenheit, Robins Todesverachtung – es ist ohne Zweifel eine große dramatische Szene
Und natürlich dauert es nur Sekunden, dann wird diese Szene durch Little John in einer reinen Lachnummer unterbrochen, um direkt darauf in die wildeste und abstruseste Verfolgungsjagd einzuleiten, die man sich in diesem Film nur vorstellen könnte.
Es ist klar, dass es hier um Erleichterung geht; der Sinn des ausgelassenen Treibens liegt sicher nicht zuletzt darin, die Kinder die soeben durchlittene Anspannung verarbeiten zu lassen. Aber vergessen werden sie sie dennoch nicht.

Die hier beschriebene Verurteilungsszene ist eine heldenhafte Szene; eine Szene, die nicht auffällt, und die sich doch über den Rest des Filmes aufschwingt zu etwas Höherem. Für einen Moment geht es hier nicht um reinen Spaß, sondern um Idealismus, der bereit ist, dafür in den Tod zu gehen. Und das kommt aus dem Mund des fröhlichen anthropomorphen Fuches nur umso stärker.
Und auch wenn der Film generell sicher zu den leichtesten, belanglosesten seiner Art zählt, so steht diese Szene doch nicht ganz alleine da. Man muss nur das gesamte Finale betrachten; es gibt viel Dunkles, Ernsthaftes in diesem Film – Dinge, die in einem Disney-Meisterwerk so nur möglich sind, weil sie eben durch eine fröhliche Tierwelt erzählt werden. Das durch Prinz John gebeutelte Nottingham stellt genaugenommen die dunkelste Disney-Dystopie bis zum Glöckner von Notre-Dame dar, und gerade dort sieht man ja nur zu deutlich, dass die richtige Auflockerung einer solchen Szenerie gar nicht so einfach ist.

Ich werde hier nicht behaupten, dass Disneys Version der klassischen Sage ein großes Meisterwerk sei. Das ist sie nicht, und das will sie auch gar nicht sein. Aber der Film Robin Hood ist mehr, als die meisten ihm zutrauen – mehr, als er auf den ersten Blick zu sein scheint.
Es ist ein kleiner Film, dem es gelingt, in sich etwas Großes zu präsentieren. Und dafür liebe ich ihn.