Dass die Nibelungensage in ihren verschiedenen Ausprägungen ein Stück absoluten deutschen Kulturgutes darstellt, ist nicht erst seit der Stellungnahme von Dr. King Schultz in Django Unchained klar. Schultz bezeichnet die Heldenlegende um den Drachentöter Siegfried als die bekannteste deutsche Sage, und wenn er den Helden seiner eigenen Geschichte, Django, mit Siegfried vergleicht, soll dies zweifellos ein enormes Kompliment für seinen neuerworbenen Freund darstellen.
Ich bin froh, zu bemerken, dass Django 1858 spielt, also ganze 16 Jahre bevor das Opernepos des „urdeutschen“ Komponisten Richard Wagner seine Premiere feierte. Würde Schultz den Ring des Nibelungen kennen, so hätte er wohl entweder eine andere Meinung von Siegfried, oder meine eigene Meinung von Waltz‘ bislang wohl sympathischster Leinwandgestalt müsste durch diese Einschätzung erheblich leiden. Denn um die Wahrheit zu sagen: Bei Wagner zeigt sich der große Held Siegfried als ein einziger Widerling.
Siegfried ist arrogant, unverschämt, er schreckt weder vor Körperverletzung, Mord, noch (augenscheinlich) vor Vergewaltigung zurück. Und das ist nicht mein einziges Problem mit Wagners Opernzyklus – aber von Anfang an:

Ich bin generell ein großer Opernfan, vor allem wenn es um die Zeit der Klassik und um Mozart geht, aber ich liebe auch Opernkomponisten des neunzehnten Jahrhunderts wie Weber, Humperdinck oder Strauss. Auch Wagners Fliegenden Holländer finde ich zwar musikalisch gewöhnungsbedürftig, doch ich halte ihn für ein grandioses Stück, das vor allem von Geschichte und Dramatik her absolut überzeugen kann. Nun wollte ich mehr vom Meister kennenlernen, insbesondere das große Opernwerk Der Ring des Nibelungen – nicht zuletzt auf die indirekte Empfehlung zweier Männer hin, die mir geschmacklich in ganz unterschiedlicher Hinsicht nahe liegen: König Ludwig II und Loriot. Dessen kongenialer Zusammenschnitt des Ringes auf einen Abend Spielzeit mit eingefügten Inhaltserklärungen in Loriots unverwechselbarem Stil ist übrigens unbedingt empfehlenswert und stellt auch den Grund dar, warum ich mit Inhalt der Opern und einem Teil der Musik seit jeher gut vertraut bin.
Aber wie gesagt, jetzt wollte ich die Opern in ihrer Gänze kennenlernen und das erste Problem, auf das ich gestoßen bin, war die Frage der Inszenierung. Ich wollte eine Aufnahme einer schönen, phantastischen Inszenierung, die zu dem Gedanken der Götter- und Sagenwelt passt – und das ist in deutschen Opernhäusern offenbar seit Jahrzehnten absolut nicht aufzufinden. Hiesige Regisseure überschlagen sich in ihren Bemühungen, etwas „Neues“ im Ring zu finden und kommen mit immer abstrakterem und schlicht hässlicherem Firlefanz auf die Bühne; ob Brünnhilde nun in einem Armeepanzer schläft, die Rheinjungfern sich in engen Glasbadewannen aalen, oder die ganze Bühne nur noch aus abstrakten Lichtstrahlen besteht. Schließlich wurde klar, für eine klassische Inszenierung im Stil des Schöpfers muss ich mich an die Amerikaner wenden: In der Aufführung der New Yorker Metropolitan Opera unter James Levine. Dort habe ich dafür eine wirklich grandiose Version gefunden, die nicht nur dem Geist des Originals, sondern sogar Wagners einzelnen Bühnenangaben extrem getreu ist (bis vielleicht auf das logische Problem eines Zwillingsgeschwisterpaares unterschiedlicher Hautfarbe).

Der Ring des Nibelungen beginnt mit Das Rheingold, dem „Vorabend“ des Spieles. Die Oper erzählt von der mythischen Vorgeschichte der gesamten Saga und kommt damit als einzige ohne Menschen aus; die Protagonisten sind Götter, Nibelungen, Riesen und Rheinjungfern.
Wagner wollte diese Vorgeschichte eigentlich nicht als einzelne Oper schreiben, sondern in Rückblicken in die anderen Teile einfügen – ein Gedanke, der zwar stilistisch nachvollziehbar ist, aber in Bezug auf die Menge an zu erzählender Geschichte beinahe lächerlich erscheint. Das Rheingold ist nicht nur die kürzeste der Opern, sondern auch die, die mit Abstand am meisten Inhalt aufzuweisen hat. Hier werden die Schicksale von Welten entschieden, göttliche Verträge werden gebrochen und allmächtige Ringe werden geschmiedet, gestohlen und auf ewig verflucht. Im Gegensatz zu den anderen Opern, die nur einzelne Szenen der Familiensaga um Siegfried erzählen, wirkt das hier bei weitem gewaltiger und ist damit meine liebste der vier Opern – und die einzige, die mir wirklich gefallen hat.
Anzumerken ist dabei natürlich die Assoziation zu einem anderen großes Fantasy-Werk des letzten Jahrhunderts, in dem Drachen erschlagen werden, Kämpfer durch magische Gegenstände Unsichtbarkeit erlangen, und Menschen wie Götter um einen verfluchten Ring streiten, der zurück an seinen Ursprungsort gelangen muss. Ein Ring, sie zu knechten, oder so ähnlich …

Als zweite Oper folgt Die Walküre und es geht weiter mit dem Zwillingspaar Siegmund und Sieglinde, Kinder von Wotan, die zusammenfinden, um Siegfried, den „den hehrsten Helden der Welt“ zu zeugen – und dafür beide schließlich sterben müssen. Außerdem bietet die Oper den Auftritt der Walküre Brünnhilde, einer anderen Tochter Wotans und damit Siegfrieds Tante. Sie zieht sich für ihren Ungehorsam und den Schutz des Kindes Wotans Ärger zu und wird in einen göttlichen Flammenwall eingeschlossen, um dort über Jahrzehnte auf ihren Helden warten zu müssen.
Die Oper ist dramatisch und emotional berührend, wenn auch meiner Meinung nach durchweg etwas zäh; so zieht sich die Verabschiedung von Brünnhilde und ihrem Vater am Ende über eine halbe Stunde, ehe sie durch seinen Zauber endlich einschläft.

Und dann kommt Siegfried. Die dritte Oper widmet sich ganz dem großen Helden und erzählt, wie er das Schwert seines Vaters neu schmiedet, den riesigen Drachen besiegt, und schließlich seine holde Brünnhilde erlangen kann.
Was so zusammengefasst ganz nach einer typischen Heldengestalt klingt (und es in der Ursprungssage auch ist) zeigt sich hier allerdings als ein unausstehlicher Kotzbrocken: Von Anfang an erlebt der Zuschauer nur mit, wie Siegfried seinen Ziehvater beschimpft und misshandelt („Wär‘ mir nicht schier zu schäbig der Wicht, ich zerschmiedet‘ ihn selbst mit seinem Geschmeid, den alten albernen Alp!“), wie er arrogant und selbstgerecht durch die Welt stapft, um sich des Spaßes halber an einem unschuldigen Drachen zu vergehen, und schließlich wie er Brünnhilde wild bedrängt – vergewaltigen tut er sie wohl nur deshalb nicht, weil ihr plötzlich einfällt, dass ihr seine mehr als aufdringliche Art ja doch gefällt.

Die letzte Oper, Götterdämmerung, führt diese Entwicklung weiter – Siegfried verlässt Brünnhilde und überlässt sie dem neu gewonnenem Bundesmann Gunther, während er selbst nun dessen Schwester Gutrun Treue schwört -, nur dass Siegfried hier zugegebenermaßen unter dem Einfluss eines Zaubertrankes steht und für seine Handlungen nur bedingt verantwortlich gemacht werden kann. Doch dennoch hilft diese Entwicklung nicht gerade, doch noch Sympathie für den Helden der Saga aufzubauen. Dazu kommt, dass auch der Gesang generell so langatmig ist, dass ich am Ende wirklich nur noch gehofft habe, Hagen möge dem Helden endlich den langverdienten Speer in den Rücken stoßen.

Sieht man sich den gesamten Ring an, so bemerkt man eine überdeutliche Verschiebung, die sich im Laufe der Opern vollzieht; von Mythen zu Legenden und weiter zur „Realität“ wird der Inhalt immer kleiner und gleichzeitig banaler. Doch im gleichen Zug, wie die Menge an Geschehnissen abnimmt, steigt die Länge der Opern: Von immerhin stolzen knapp drei Stunden wachsen die Opern auf vier, mehr als vier und schließlich beinahe fünf Stunden Länge an. Dieser am Ende überdeutliche Kontrast von zu wenig Inhalt auf zu viel Laufzeit dürfte auch wohl der Hauptgrund so vieler gängiger Opernklischees sein. Und wenn eine knappe halbe Stunde vor Ende die lange Abschlussarie Brünnhilde beginnt, bei der sich alleine ihr Gesang auf stolze zwanzig Minuten beläuft, kann man nur noch sagen „It ain‘t over till the Fat Lady sings“ …

Doch abgesehen von diesen Längen habe ich persönlich ein sehr viel größeres Problem mit dem Inhalt gerade der letzten zwei Opern, genau genommen mit unser aller Nationalhelden Siegfried. Es wäre ja kein Problem, wollte Wagner seine Hauptfigur eben in einem anderen Licht darstellen – beispielsweise Wolfgang Hohlbein hat in seinem Roman Hagen von Tronje gezeigt, wie wunderbar das möglich ist – doch das Unheimliche ist, dass Wagner seine Heldendarstellung durchaus ernst gemeint hat! Laut ihm entstand Siegfried durch seine „Sehnsucht auf den Urquell des ewig Reinmenschlichen“, ja, er personifiziert gar den „menschlichen Jesus von Nazareth“.

Ich weiß nicht, ob ich es bin oder Wagner, der hier unter einer monumentalen Fehleinschätzung leidet, aber ich muss zugeben, wenn der arrogante und grausame Siegfried in diesem Werk als Menschheitsideal dargestellt werden soll, dann kann ich nun sehr viel besser nachvollziehen, wie sich die abgöttische Bedeutung Wagners für die Vertreter des Nationalsozialismus erklären lässt.