Während ich den Großen Gatsby von F. Scott Fitzgerald vor zwei Wochen aus Anlass der neuen Verfilmung zum ersten Mal gelesen habe, ging mir immer wieder ein Gedanke durch den Kopf: Dieses Buch muss verdammt schwer zu verfilmen sein. Natürlich ist so eine Einschätzung nicht allgemeingültig; es gibt genug Romane, die für unverfilmbar galten, bis ein genialer Regisseur das Publikum eines besseren belehrte. Und gerade Baz Luhrmann konnte ich mir wirklich noch als Ehesten vorstellen, um dieses Werk zu adaptieren – sein markanter Stil ist vielleicht der Einzige, der Fitzgeralds Worte für mich hätte filmisch umsetzen können.

Nun habe ich Luhrmanns Film selbst gesehen. Die Meinungen zu dem Werk sind im Internet einheitlich gespalten, und gerade diese Unsicherheit, was die Qualität des Filmes angeht, kann ich vollkommen nachvollziehen. (Ich rede hier im Übrigen nicht von Luhrmanns Intention, den Rausch der Zwanziger einem modernen Publikum durch moderne Mittel nahezubringen – dabei handelt es sich wohl um ein nicht notwendiges, aber auf jeden Fall interessantes Stilmittel, das jedoch für den inhaltlichen Wert des Films nicht von Bedeutung ist.)
Doch ganz unabhängig von solchen Spielereien hat der Film das Buch für mich nicht treffen können, genauso wenig, wie ich es von Anfang an erwartet hatte. Wie so viele andere auch denke ich, dass Luhrmann auf seine typische Art immer wieder Style over Substance setzt – allerdings scheine ich die Einzige zu sein, die der Meinung ist, dass er damit einfach noch nicht weit genug gegangen ist.

Um meine Meinung zu erklären, sollte ich vielleicht etwas weiter ausholen:
Wenn ich Inhaltsangaben des Buches und vor allem des Films lese, so läuft deren Beschreibung eigentlich immer auf eine Liebesgeschichte hinaus, und dies ist eine Sichtweise, die für mich einfach nicht passt. Sicher, der Roman selbst handelt von wenig anderem als der Suche eines Mannes nach seiner verlorenen Liebe – aber er fühlt sich dennoch so gar nicht wie ein klassisches Liebesdrama an. Die Sehnsucht, die Emotionen, die Liebe selbst gehen derart in all den anderen Schwelgereien der glitzernden Umgebung unter, dass die Geschichte an sich eher Beiwerk für die Stimmungsbeschreibung zu sein scheint als andersherum.
Im Film ist der Aufbau nun – wie wohl zu erwarten war – sehr viel konventioneller. Die zentrale Liebesgeschichte wird absolut ernst genommen und Luhrmanns ganzer stilistischer Überschwang ist nur dazu da, die Tragik der Hauptfiguren melodramatisch zu untermalen. Das Problem daran ist nicht nur, dass die Geschichte meiner Einschätzung nach nicht so gedacht ist – zusätzlich ist die Liebesgeschichte selbst objektiv betrachtet eher simpel und einfach nicht stark genug, einen derartigen Bombast alleine zu tragen.
Für mich besteht das tiefere Drama des Buches darin, dass klar wird, wie nebensächlich die Liebe in dieser Umgebung wirklich ist. Gatsby durchlebt eine tiefe menschliche Tragödie, doch niemand widmet ihm die gebührende Aufmerksamkeit – nicht einmal der Leser selbst. Stattdessen geht alles Menschliche unter im Flitter einer übersättigten Gesellschaft, die kaum bemerkt, was in Wirklichkeit direkt neben ihr vorgeht.
Schon der erste Hinweis auf die Liebesgeschichte selbst – Daisys aufgerüttelte Nachfrage „Welcher Gatsby?“ – wird im Buch nur am Rande erwähnt, ohne dass Nick oder der Leser bemerkt, was diese Frage für sie bedeuten muss. Im Film dagegen ist es eine großangelegte Szene, in der mit Hilfe von dramatischer Musik und einer intensiven Kamerabewegung jedermann sofort klargemacht wird, dass der Hauptfokus des Stückes gerade auf dieser Frage zu liegen hat.
Auch die eingefügte Rahmenerzählung des Filmes dient nur dazu, die Tragik und die Schwere der Geschichte quasi ins Unermessliche zu steigern, während Nick seine Erzählung im Buch eher nebenbei, wie mit einem leicht melancholischen Lächeln zum Besten gibt.

All diese Vorwürfe bedeuten nun bei weitem nicht, dass ich Luhrmanns Stil für falsch oder andere Verfilmungen des Stoffes für gelungener halte. In dem so gerühmten Film mit Robert Redford von 1974 geht es ja eben nur um die Liebesgeschichte an sich, ohne jeden zusätzlichen Tand – und damit ist der Versuch für mich sehr viel weiter vom Ziel entfernt als die Version von 2013.
Ich denke nach wie vor, dass Luhrmann als Regisseur an sich gar kein schlechter Ansatz war und immer wieder gelingt es ihm wirklich, die beinahe surrealistische Welt des Buches perfekt zu treffen. Bei der Szene von Daisys erstem Auftritt, als Nick sie in dem von flatternden Vorhängen erfüllten Zimmer sucht, war ich im Buch davon überzeugt, dass es unmöglich sein müsse, Fitzgeralds unwirkliche, wie aus einem Traum geborene Beschreibung filmisch darzustellen, und wirklich besteht diese Szene im Film von 1974 einfach aus ein paar wehenden Tüchern, nicht mehr und nicht weniger. Luhrmann dagegen schafft es, das flüchtig-fließende Bild auf geniale Weise einzufangen, so bemerkenswert, dass die Szene selbst wie ein übertriebener Fremdkörper wirkt. Hätte man sich nun durchgehend bemüht, eine derartige Bildsprache für den Film zu nutzen, so würde sie kaum negativ auffallen – die gesamte Geschichte könnte in einem überhöhten Bilderrausch untergehen, bis Gatsbys Liebe sich vor den Augen der Zuschauer genauso verliert, wie es im Buch für die Leser zu geschehen droht.

Doch eine derartige Überbetonung des Stils lag schließlich doch nicht in Luhrmanns Absicht. Stattdessen fühlt sich der Film an wie Romeo + Julia oder Moulin Rouge, wo einfach eine große Liebesgeschichte erzählt werden will und all der Pomp gerade dazu dient, ebendiese zu unterstreichen.
Hier, für Der Große Gatsby, hätte man sich wirklich trauen können, die Schwelgerei zum Selbstzweck zu erheben und die Geschichte darin so zu verlieren, wie Gatsbys Liebe in der übersättigten Gesellschaft seiner Zeit verloren geht – denn gerade darin liegt für mich die wahre Tragik von Fitzgeralds Meisterwerk verborgen.