Im Frühling diesen Jahres entwickelte sich das Sciencefiction-Drama Transcendence trotz Starbesetzung zu einem so unerwarteten wie katastrophalen Flop. Die Kritik des Regiedebüts war weitgefächert; die Handlung sei zu flach, zu kompliziert, der Film zu abgehoben oder zu vorhersehbar.
Ich persönlich fand den Film alleine genommen schlichtweg – in Ordnung.

Wally Pfister, der Regisseur des Streifens, war bisher vor allem bekannt für seine Kameraarbeit für Christopher Nolan; zusätzlich war Nolan als Executive Producer tätig, und ich denke, dass sein Einfluss in Transcendence deutlich spürbar ist. Der Film fühlt sich etwas wie ein unausgewogener, unfertiger Nolan-Film an – und nebenbei bemerkt gefällt er mir als solcher weit besser als die beiden vorhergehenden Filme, die Nolan selbst abgeliefert hat.
Für mich liegt das größte Problem von Transcendence darin, dass der Film nicht ganz sicher ist, was er eigentlich sein will. Ist es ein Krimi oder ein Thriller? Ein Drama, das sich selbst eher als philosophischen Diskurs sieht? Insgesamt scheinen schlicht die Betonungen falsch gesetzt; der Film ist sich selbst uneins. Man könnte sagen, dem Zuschauer wird für einen Großteil des Films ein klassischer Thriller vorgegaukelt, ein Kampf von Mensch gegen Technologie, bei dem der klassische Roboter-Antagonist mehr und mehr sein wahres Gesicht zeigt – bis sich dieses Bild am Ende vollkommen umkehrt, um den ganzen Film in einem anderen Licht zu zeigen und das Publikum verwirrt und betrogen zurückzulassen.
Dabei werden die viel interessanteren Fragen des Films, seine philosophischen Überlegungen und sein Drama, erst im Nachhinein offenbar. Was würdest du machen, wenn du praktisch alles tun könntest? Wie viel Macht würdest du dir selbst zugestehen; welchen Einfluss würdest du nehmen? Was ist wichtiger, die Welt zu verstehen, oder sie zu verändern?
Es ist ein wichtiges Thema, das den gesamten Film durchzieht – sobald man sich beim wiederholten Ansehen dieser Thematik bewusst wird.

In der kurzen Zeit, die wir den Protagonisten Will Caster als Mensch erleben, sehen wir keinen Visionär, sondern nur einen inspirierten Wissenschaftler. Will will die Welt nicht verändern, er will sie nur verstehen – ganz im Gegensatz zu seiner Frau Evelyn.
Genau deswegen erregt es ja jedermanns Verdacht, als Will, sobald er digitale Form angenommen hat, vollkommen neue Verhaltensmuster an den Tag zu legen scheint. Einmal mit unbegrenzten Ressourcen ausgestattet, drängt er sofort danach, seine Macht und sein Wissen zu vergrößern, und nutzt beides schließlich dazu, Stück für Stück die ganze Welt nach seinen Ideen umzuformen. Kein Wunder, dass am Ende selbst Evelyn überzeugt ist, dass es nicht Will selbst sein kann, der sich da zur neuen Nano-Technologie-basierten Gottheit aufschwingt.
Dabei sind Wills Motive nicht gar so schwer zu verstehen, schaut man sie sich einmal unvoreingenommen an. Ab dem Moment, da seine menschliche Hülle gestorben ist, scheint Will nur noch zwei Antriebsmotive zu haben: Er will seine Technologie ausbauen, und er tut alles, um Evelyn zu schützen und zu versorgen. Aber sind das denn wirklich zwei verschiedene Punkte?
Evelyn war es, die die Welt verändern wollte – und Evelyn ist der Mittelpunkt, um den sich Wills digitale Existenz dreht. Natürlich wird er ambitioniert, geradezu größenwahnsinnig – denn nun hat er alle Möglichkeiten, das zu verwirklichen, was er für den tiefsten Herzenswunsch seiner geliebten Frau halten muss. Er verändert die Welt für sie; so kompromisslos wie unwiderruflich.
Das Ende des Films kommt in all seiner Dramatik und Endgültigkeit unerwartet leise und nachdenklich daher. War Will nun wirklich böse? Wenn er gut war, kann es sein, dass er dabei trotzdem Böses bewirkt hat? Hat er seine eigene Kompetenz maßlos überschätzt, oder war er doch ein Weltverbesserer auf höchstem Niveau?
Auf jeden Fall stellt das Ende des Films mit dem Verlust von Internet und sonstigen Kommunikationsmitteln einen absoluten GAU dar: Die Technik der Erde liegt am Boden, die Menschheit befindet sich in ihrer Entwicklung Jahrzehnte zurückgeworfen, eine neue Zivilisation muss nun beginnen, sich mit diesem Stand zu arrangieren.

Ganz wie in der Anfangssituation von Nolans neustem Hit, Interstellar.
In der Tat – schaut man sich die beiden Filme genauer an, so ähnelt das Anfangsbild von Interstellar auf verblüffende Weise der Endsituation von Transcendence. Vor dem Beginn von Interstellar hat sich irgendeine namenlose Katastrophe ereignet, der Stand der Technik hat sich zurückentwickelt, die Menschheit ist auf einen Bruchteil reduziert und steht kurz vor dem Hungertod.
Es wird im Film nie ausgesprochen, was genau geschehen ist, und es spielt für die Handlung auch absolut keine Rolle. Man könnte interpretieren, dass gar nicht Spezielles vorgefallen sei; es reicht, dass die Pflanzenarten eine nach der anderen aussterben und die Menschen mit nichts als der täglichen Nahrungssuche beschäftigt sind – doch ich halte diese Erklärung für zu simpel. Der Wechsel zwischen hochzivilisierter Raumfahrtskultur und einfachem Farmerleben muss sich innerhalb weniger Jahrzehnte abgespielt haben, und in dieser Zeit ist die Menschheit nicht nur verarmt, sondern grundlegend zu Boden geworfen worden, die Technik ist vernichtet worden und in Verruf geraten, kurz: Es hat sich ein neues Weltbild mit einem völlig neuen Selbstverständnis ausgebreitet. Ich denke, solch ein fundamentaler Wechsel kommt nicht innerhalb einer halben Generation von selbst zustande.
Nein, für ein derartiges Umdenken, eine so grundlegend neue Gesellschaft, braucht es einen großen, traumatischen Unfall. Nichts, was das Leben auf der Erde grundlegend bedroht, aber eine Katastrophe, die die Menschheit niederschlägt, die Technik vernichtet, und die die gesamte Kultur von vorne anfangen lässt.

Etwa ein Unfall wie der globale Crash des Internets?Je mehr ich über die Handlungsparallelen von Transcendence und Interstellar nachdenke, desto überzeugter bin ich, dass genau das geschehen sein muss. Der Einbruch am Ende von Trancendence ist genau das, was nötig wäre, um 20 Jahre später eine Kultur und ein Selbstbild wie in Interstellar zu erzeugen. Und die Tatsache, dass beide Filme durch Christopher Nolan verbunden sind, lässt diese Überlegung für mich von einer reinen Fan-Spekulation zu einer realistischen Theorie anwachsen.
Aber was würde es bedeuten, diesen Zusammenhang als gegeben anzunehmen? Was bedeutet es, wenn der Untergang von Will der ganz direkte Auslöser für die Anfangssituation von Interstellar ist?

Nun, beide Filme bieten auf ihre Weise ein tiefgründiges Argument zu dem Thema Technik und menschlicher Fortschritt. Beide spielen mit dem Widerstreit zwischen ambitioniertem Technikwahn und den ganz pragmatischen täglichen Problemen der Menschen. Nur die Fronten zwischen diesen Parteien sind in den beiden Filmen einigermaßen unterschiedlich gesetzt.
In Interstellar wird speziell die NASA als Schutzherrin des Fortschritts ganz klar positiv gezeichnet, als nötiges Gegengewicht gegen die sturen Lehrer mit ihrer bewusst ignorant gehaltenen Lehrmeinung. In Transcendence dagegen ist dieser Widerstreit um einiges differenzierter dargestellt: Auf der einen Seite steht der digitalisierte Will mit seiner absoluten, an Größenwahn grenzenden Technophilie, auf der anderen Seite stehen die bewusst menschlich gezeichneten Rebellen und später auch die Regierung, vereinigt in ihrem Versuch, den übermächtig gewordenen Computergeist aufzuhalten. Dabei werden die Sympathien der Zuschauer die meiste Zeit über zunehmend auf Seiten der Menschen gehalten, bis dann das Ende ebendiese Fronten bewusst verwischt, um Will zumindest in seinen Absichten hinreichend zu rehabilitieren.
Ist Interstellar nun die letzte, absolute Ehrenrettung von Will und Evelyn, und die Billigung ihrer Absichten? Sind die Aufrührer ganz direkt diejenigen, die für den Verlust unserer Kultur verantwortlich sind?

Aber es ist ja nicht nur die Technik, und damit zusammenhängend unsere Kultur, die in Interstellar brachliegt. Die Erde selbst, und damit auch die gesamte Menschheit wird hier ganz direkt bedroht, von zerstörerischen Sandstürmen und Plagen, die ganze Pflanzenarten auf einmal ausrotten. Und auch diese Entwicklung kann man mit dem Ende von Transcendence in direkten Zusammenhang setzen.
In seinem (moralisch unklaren) Größenwahn hat Will schließlich die Erde selbst in Angriff genommen; er hat angefangen, die gesamte Natur in sich aufzunehmen und in seinem digitalen Nano-System zu vernetzen. Während Wills Gegner diese Entwicklung instinktiv als abartig und grauenhaft empfinden, wird am Ende klar, dass auch dieser Schritt nur in bester Intention geschah. Will wollte die Erde verbessern und in gewisser Weise perfektionieren, bis schließlich die gesamte Natur zu einer direkten Einheit vereinigt wäre. Doch sein Plan geht nicht auf; durch den Gegenschlag der Regierung wird auch diese Technik praktisch vollkommen zerstört.
Natürlich wird im Film nicht klar, was durch diesen Eingriff mit der Erde nun wirklich geschieht. Die reellen Folgen eines derart futuristischen Nano-Eingriffs sind realistisch nicht abschätzbar.
Es wäre nun sicher gut vorstellbar, dass der Rückschlag am Ende des Films für die gesamte Tier- und Pflanzenwelt weitreichende Folgen hat. Will hatte bereits einen Großteil der Natur mit seiner Nano-Technologie vernetzt – ein brutaler Eingriff in dieses System würde die gesamte Erde auf kaum abschätzbare Weise beeinflussen. Gut möglich, dass das schließlich genau zu der instabilen Flora führen würde, die die Erde in Interstellar nun unbewohnbar zu machen droht.

Aber wenn man diese Theorie als gegeben annimmt, was sagt das über die Katastrophe aus? Ist es Wills Schuld, dass die Erde bis in ihre tiefste Struktur vergiftet wurde? Waren es die Rebellen, die etwas zerstört haben, was sie selbst nicht ansatzweise verstehen konnten? Fest steht, es ist im weiteren Sinne definitiv ein menschlicher Eingriff, der für diesen GAU verantwortlich ist. Aber war es idealistischer Größenwahn oder paranoide Technikangst, die diese Katastrophe bewirkt haben?

Und: Ist die Schuldfrage am Ende wirklich von Bedeutung?
Gleich, ob nun Will oder die Terroristen die Verantwortung tragen, es war ganz klar der technische Fortschritt, mit dem es die Menschen geschafft haben, ihre eigene Welt zu zerstören. Aber es ist auch die Technik, die in Interstellar schließlich für die Rettung sorgt – gegen alle Bedenken der misstrauisch gewordenen Menschen.
Technik und Innovation als Wert an sich – ist diese Einschätzung valide? Ist es nötig, Fehler hinzunehmen, um auf dem gleichen Weg die Rettung erst möglich zu machen?

Ich finde, dass es sich dabei um wahnsinnig spannende Fragen handelt, und dass sie durch die bewusste Ambiguität gerade von Transcendemce nur noch interessanter werden. Ob nun gut oder schlecht, der Film wirft große Fragen auf, ohne dass er sie wirklich abschließend beantworten will, und alleine das macht dieses Werk für mich absolut sehens- und schätzenswert.
Und wenn man nun Interstellar nicht als Antwort auf diese Fragen, sondern eher als Corollar versteht, so dient die implizite Fortsetzung dazu, viele dieser Fragen sowohl direkter, als auch komplexer werden zu lassen.
Ich finde beide Filme, so unterschiedlich sie in ihrem Stil (und wohl auch in ihrer Qualität) sein mögen, absolut faszinierend. Und es ist wunderbar, dass sich diese Werke auf diese Weise verbinden lassen – eine Weise, die beide Filme gemeinsam auf eine noch weitergehende Ebene hebt.