Margaret Mitchells 1936 erschienener Roman Vom Winde verweht ist nicht nur einer der großen Klassiker der Weltliteratur, die unstete Hassliebe zwischen Scarlett O’Hara und Rhett Butler ist auch in die Geschichte eingegangen als eines der ganz großen Liebesdramen unserer Zeit. Dabei stellt sich mir immer wieder die Frage, weshalb Buch und Film alleine für die Liebesgeschichte solch notorische Bekanntheit erlangt haben? Gerade im Buch nimmt die Beziehung der beiden ja beileibe nicht den größten Raum ein; es ist ein Entwicklungsroman, ein Kriegsdrama, die Verherrlichung einer untergegangenen Zeit – all das steht weit mehr im Vordergrund als die so berühmt gewordene Liebesgeschichte. Und doch ist das Erste und oftmals Einzige, womit der Durchschnittsmensch die Geschichte beschreiben würde, sicherlich die Liebesbeziehung zwischen den beiden Maultieren im Pferdegeschirr.
Diese Einschätzung geht schließlich so weit, dass Film und Buch heutzutage gerade bei Menschen, die den Inhalt gar nicht kennen, als typische Kitschromanze verschrien sind. Dabei wüsste ich keine Liebesgeschichte, die diese Einschätzung weniger verdient.

Aber woran liegt es, das in diesem Werk die eigentlich eher untergeordnete Liebesbeziehung einen solch hervorstechenden, ikonischen Status erreicht hat? Sicherlich eine große Rolle spielt dabei der höchst ungewöhnliche Charakter der weiblichen Hauptfigur.
Rhett lässt sich vereinfacht sicherlich als ein klassisches Rebellenideal bezeichnen. Er lebt gegen alle Regeln und Konventionen, entzieht sich der gesellschaftlichen Kritik und dennoch kommt er auf jedem politischen Terrain mühelos zu Reichtum und einer gewissen Achtung. Er ist unverschämt und rücksichtslos, und dabei schlagfertig genug, um in jeder Diskussion obenauf zu bleiben. Er ist ein klassischer Bad Boy mit einer Schwäche für genau eine einzige, ganz besondere Frau. Kurz: Alle Frauen wollen ihn, alle Männer wollen sein wie er.
Auf der anderen Seite steht Scarlett – und wenn sie und Rhett auch perfekt zusammenzupassen scheinen, so stellt Scarlett im Gegensatz zu ihm doch alles andere als ein Idealbild dar. Scarlett ist eine selbstverliebte junge Frau, eigensinnig und stur, und so egoistisch, dass sie um die eigenen Ziele zu verfolgen vor nichts zurückschreckt. Trotz ihrer Gerissenheit und ihres Unternehmergeistes zeigt sie sich oft erstaunlich dumm, gerade wenn es um die Gefühle der sie umgebenden Menschen geht – einfach deshalb, weil ihr diese meist wenig bis nichts bedeuten.
Und dennoch: Gleichzeitig zeigt Scarlett ein Durchhaltevermögen und eine Kampfeswut, die ihresgleichen suchen. Gerade in den aussichtslosesten Situationen gelingt es ihr, sich durch jede Schwierigkeit durchzubeißen. Und wenn sie sich auch all das, was Rhett scheinbar so mühelos in den Schoß fällt, erst mühsam erkämpfen muss, so gelingt es ihr doch, ihm immer wieder auf Augenhöhe entgegenzutreten.

Ja, in Scarlett zeigt sich eine wahrhaft faszinierende Charaktermischung, die gewöhnlich sehr viel eher zum Bösewicht einer Geschichte passen würde als zu der Hauptfigur. Im Gegensatz zu Rhett stellt sie kein klassisches Ideal dar, und gerade deshalb ist Scarlett als Hauptfigur so interessant. Rhett würde als Protagonist schnell seinen Biss verlieren, während Scarletts vielschichtiger Charakter durch die intensive Betrachtung nur immer mehr gewinnt. Es macht Sinn, dass sie die Geschichte des Buches quasi im Alleingang durchschreitet, während Rhett nur immer wieder für ein paar knisternde Szenen erscheint, um dann wieder für hundert Seiten spurlos zu verschwinden.
Und es ist ja gerade diese Vergänglichkeit, die stete Spannung zwischen den beiden, die jede einzelne Szene zwischen ihnen so unvergesslich macht. Es gibt kein Aufeinandertreffen, in dem es zwischen Scarlett und Rhett nicht funkt, aber dennoch wird dieses stete Knistern niemals wirklich aufgelöst. Die einzige Ausnahme stellt vielleicht die berüchtigte Szene am Abend nach Melanies Geburtstag dar, doch auch hier wird die Auflösung am nächsten Morgen gleich wieder zerstört. Ansonsten endet jede Szene der beiden sehnend, spannungsgeladen, und dennoch unbefriedigt.
Nebenbei bemerkt ist es sicherlich kein Zufall, dass die Namen der Hauptfiguren beide „rot“ bedeuten, während „Ashley“ an farblos graue Asche erinnert.
Dieses Prinzip des Nicht-Auflösens gilt am allermeisten für den Schluss des Buches. Sogar hier – gerade hier – bleibt die Spannung zwischen den beiden ungelöst im Raum stehen; es gibt ein offenes Ende, die ultimativ andauernde Anspannung.
Eigentlich handelt es sich in seiner Unaufgelöstheit um ein absolut unerträgliches Ende, aber gerade dieses Ende ist das einzig passende für diese ständig rastlose Liebesgeschichte. Es ist eben kein Ende, das nach einer Weiterführung verlangt – Margaret Mitchell wusste selbst nicht, wie die Geschichte weitergehen mag – und so schwer es sein mag, mit diesem Ende zu leben, so stellt jeder Versuch einer Fortsetzung doch ein Sakrileg an der Seele dieses Werkes dar.

Dabei ist die große Nachfrage der Leserschaft nach einer Fortführung, eben nach einer Auflösung des Liebesdramas absolut verständlich. Schließlich bildet sich jeder Leser ja auch ganz von selbst seiner eigenen Überlegungen oder zumindest Vermutungen, was das weitere Schicksal der beiden Figuren angeht. Und eigentlich läuft es ja auf eine ganz simple Fragestellung hinaus: Wer zeigt sich am Ende sturköpfiger, Scarlett oder Rhett?
Ich selbst habe für mich eine ganz persönliche Antwort auf diese Frage gefunden (auch wenn die Suche nach einer Antwort selbst ja schon einen gewissen Verrat am Buch darstellt). Für mich liegt die Antwort auf alle Fragen, die die letzte Szene von Vom Winde verweht aufwerfen mag, in der Celine-Dion-Ballade It’s All Coming Back To Me Now.
Bei dem Lied handelt es sich um eines der größten Meisterwerke von Jim Steinman, und nach eigenen Angaben hatte der Komponist selbst eine sehr genaue Vorstellung von der literarischen Zuordnung des Liedes. Aber die Kunst gehört dem Rezipienten, und so ist es mein gutes Recht, diesem Stück für mich einen neuen, fest fixierten Rahmen zu geben. Also stellt It’s All Coming Back To Me Now für mich nun das inoffiziell offizielle Lied zu Vom Winde verweht dar, ein zumindest angedeutetes Ende der Geschichte von Scarlett und Rhett, und ja, auch die lange ersehnte Auflösung ihrer Spannungen.

Und ja, der Gedanke, das Lied mit dem Film zu assoziieren kam mir sicher auch wegen der im Lied vorkommenden Zeile „It was Gone with the Wind“. Es ist eine eigentlich unerhebliche, wahrscheinlich zufällige Fügung, und doch stellt die Zeile ein nettes Zeichen dar. Doch hier geht es um das Lied als Ganzes.

Das Lied erzählt von dem Nachspiel einer großen, leidenschaftlichen Liebesaffäre. Die beiden müssen sich gut gekannt haben, sie haben sich geliebt und sich lange Zeit über gegenseitig wehgetan. Das, was war, war großartig und es war zerstörerisch, eine starke Kraft, die beide für immer verändert hat.
Irgendwann kam es zum Bruch, sie wurde verlassen und hat die schwerste Verletzung erleiden müssen. Und doch war sie stark genug – waren beide stark genug – die Vergangenheit hinter sich zu lassen und nach vorne zu gehen.
Doch nun bricht all das Vergangene erneut auf. Der Zuhörer erfährt nicht, wie oder warum, und es spielt auch keine Rolle. Alles was zählt, ist dass die beiden schließlich nicht voneinander lassen konnten – sie haben sich wiedergefunden und nun kommt alles mit einem Schlag zurück.

Dieses Lied stellt für mich die ultimative Zusammenfassung der Beziehung zwischen Scarlett und Rhett dar. „I finished crying in the instant that you left“ – trifft diese Zeile das Ende des Buches nicht ideal? Und wenn ich den Vers höre „There were moments of gold And there were flashes of light“, so überlege ich, ob das nicht alles ist, woran Scarlett sich im Nachhinein erinnert, wenn sie an ihre gemeinsame Zeit denkt. Schließlich war sie nie ein Mensch, der die Gegenwart besonders zu schätzen wusste, oder der sich an gute Zeiten lange erinnert. „I can barely recall, But it’s all coming back to me now“. Wobei sie wenigstens eine Gelegenheit noch ganz genau im Kopf haben dürfte: „There were nights of endless pleasure, It was more than any law allowed“.

Wie gesagt, ich halte es bei kaum einem Werk für so wichtig wie bei diesem, dass dem Leser am Ende seine eigene Interpretation gelassen wird, und ich würde nichts weniger tun wollen, als vorzuschreiben, wie die Geschichte weitergehen soll. Aber was meine eigene Meinung angeht? Ich sehe mir an, wie die Charaktere die gesamte Geschichte über gezeichnet sind.
Rhett ist in seiner Natur unstet und wechselhaft, er liebt es, Scarlett zu ärgern und sie hin und wieder für das Leid zu bestrafen, das sie ihm verursacht. Und auch wenn er immer wieder versucht, sich aus ihrem Bann zu lösen und zu fliehen, so schafft er es doch über den gesamten Zeitraum des Buches nicht, sich endgültig aus ihrem Bannkreis zu lösen.
Auf der anderen Seite steht Scarlett, die fest Entschlossene, die Frau mit dem eisernsten Willen, den man je gesehen hätte. Abgesehen von jener Traumphantasie namens Ashley Wilkes hat Scarlett in ihrem Leben nie darin versagt, sich zu erkämpfen, was sie haben wollte.
Nein, ich möchte gar nicht wissen, wie genau diese Beziehung weitergehen könnte. Vom Winde verweht ist in sich als Geschichte vollkommen, das Ende verlangt nicht nach mehr.
Aber dennoch, wenn ich an die Zukunft dieser beiden rein erfundenen und doch so faszinierenden Personen denke, so bleibt für mich ein Lied, das all meine Gedanken wunderbar zusammenfasst. „It was dead long ago, But it’s all coming back to me now“