Der seltsame Fall von Dr. Jekyll und Mr. Hyde von Robert Louis Stevenson ist sicherlich eines der ikonischsten Werke unserer Weltliteratur. Es handelt sich bei dem Phänomen „Jekyll vs. Hyde“ heutzutage eher um ein allgemeines erzählerisches Prinzip denn um einen simplen Roman – und gerade das ist es, was Stevensons Geschichte selbst das Genick bricht.
Der Roman ist an sich eigentlich ein sehr direkt erzählter Krimi, bei dem die Auflösung – Achtung, Spoiler – darin besteht, dass Dr. Jekyll und Mr. Hyde die ganze Zeit über ein und dieselbe Person waren. Da das allerdings das Einzige ist, was so ziemlich jede Person unseres Kulturkreises über die Geschichte weiß, ist die große Überraschung einigermaßen hinfällig. Die Folge ist einerseits, dass das Buch selbst veraltet scheint, und andererseits, dass folglich jede Adaption des Stoffes irgendeinen neuen „Twist“ benötigt, um ihr Publikum dennoch zu fesseln. Im Allgemeinen läuft das auf eine spezielle Fokussierung auf Jekylls Psychologie hinaus, bei der er zu einer tragischen Heldengestalt hochstilisiert wird – und das, obwohl er im Ursprungsmaterial alles andere als ein Gutmensch ist. Stevensons Hauptfigur handelt aus egoistischer Verzweiflung, in der Hoffnung, seine unterdrückten Spannungen endlich ausleben zu können und die Dualität zwischen Jekyll und Hyde ist nicht die zwischen gut und böse, sondern zwischen „normal“ und ungehemmt.

Ironischerweise ist die für mich bislang getreueste Verfilmung eigentlich die eines anderen Buches: Mary Reilly von Valerie Martin. Der Film, der von Roman Polanski über Tim Burton schließlich in Stephen Frears‘ Hände überging, zeigt neben den Hauptdarstellern Julia Roberts und John Malkovich auch Glenn Close in einer Nebenrolle, und bringt somit das Grundteam von Gefährliche Liebschaften erneut zusammen – und umso erstaunlicher scheint es, dass ein derart starbesetzter Film so völlig in der Versenkung verschwinden kann.
Die Erklärung, warum ich Mary Reilly für die beste Verfilmung des Jekyll-und-Hyde-Stoffes halte, ist einfach: Dadurch, dass hier eine der Dienstmägde im Hause Jekyll zur Hauptfigur erhoben wird, wird die oben erwähnte Problematik geschickt umgangen. Nicht mehr der Zuschauer selbst soll herausfinden, worin das Geheimnis des Doktors besteht, sondern Mary, und durch ihre Augen gesehen erscheint auch dem Zuschauer das Geheimnis so undurchschaubar wie eh und je.
Doch natürlich dient Mary nicht nur als reiner Avatar. Sie ist keine gewöhnliche Dienstmagd, sondern ein spezieller Schützling von Jekyll, der sich seine Gefühle für das Mädchen nur mühsam eingesteht – ganz im Gegensatz zu seinem Alter Ego Hyde, der sich begeistert daran macht, Jekylls unterdrückte Begierden offen auszuleben. Mary selbst wird unterdessen mehr und mehr von ihrem Arbeitgeber ins Vertrauen gezogen und bekommt mit, wie Jekyll die geheimnisvollen Untaten seines „Assistenten“ vertuschen muss, ohne dass sie das Rätsel um die beiden Männer wirklich durchschauen kann. Sie bewundert Jekyll und fürchtet Hyde, doch hingezogen fühlt sie sich zu beiden – und wie der unbedachte Leser von Stevensons Roman erfährt sie selbst erst ganz am Ende, dass sie es die ganze Zeit mit ein und demselben Mann zu tun hatte.
Somit fungiert Mary zum einen als die perfekte Projektionsfläche für den Zuschauer, um die Geschichte so unheimlich und rätselhaft zu erleben, wie sie gedacht war, zum anderen wird durch die eingeflochtene Liebesgeschichte doch dem heutigen schwarzromantischen Geschmack genüge getan: Hyde wird durch seine Gefühle für Mary menschlicher und Jekyll erscheint interessanter und weniger bieder. Doch auch dieser zusätzliche Einschub ist kein rein sentimentaler Zusatz, sondern hilft der Grundgeschichte psychologisch weiter – während in Stevensons Buch nur angedeutet wird, was Jekyll zu seiner Tat getrieben hat, manifestieren sich all seine unterdrückten Begierden hier anschaulich in der Figur von Mary. Natürlich erhält die Geschichte (und insbesondere Hydes Figur) notgedrungen eine gewisse zusätzliche Portion an Schmalz, doch dieser Faktor wird nie überreizt; die Änderungen fügen sich immer noch gut in die eigentliche Charakterisierung ein.

Für diesen gelungenen Drahtseilakt verantwortlich ist sicherlich nicht zuletzt die hochkarätige Besetzung des Filmes, Julia Roberts und John Malkovich, die in ihrer dualen Dreiecksbeziehung ein eindringliches Zusammenspiel bieten.
Ich bin allgemein ein großer Fan von Julia Roberts, doch man muss ehrlich sagen, dass sie für gewöhnlich nicht die Aufgabe hat, in ihren Filmen wirklich zu „spielen“.  Ihre Erfolge verdankt sie immer derselben Rolle: Sie gibt das sympatische, leicht schusselige Mädchen von nebenan, das zwar Schwächen hat und sich derer auch bewusst ist, aber sich im Allgemeinen so charmant gibt, dass ihr alles sofort vergeben wird (und das selbst wenn sie Schneewittchens Stiefmutter spielt).
Mary Reilly ist für mich nun der lange ersehnte Beweis, dass Julia Roberts wirklich schauspielen kann, wenn man sie denn lässt. Kein einziges Mal glitzert ihr patentiertes Strahlelächeln über die Leinwand, stattdessen bietet sie ein intensives Spiel und lässt die leisen Zwischentöne hervortreten. Dazu kommt eine perfekte Chemie mit dem großartigen Charakterdarsteller John Malkovich, der eine gewohnt überzeugende Performance abgibt.
Was John Malkovich selbst angeht, so ist die Entscheidung, Jekyll und Hyde von demselben Schauspieler darstellen zu lassen, zumindest eine nähere Überlegung wert. Wie auch im Buch werden die beiden Gestalten mit eindeutig unterschiedlichem Äußerem dargestellt, so dass keine der umstehenden Personen auch nur auf die Idee einer tieferen Verbindung kommt – ein Effekt, der durch das markant-eindeutige Aussehen des Schauspielers zumindest in Frage gestellt werden muss. Natürlich hat man sich im Film bemüht, John Malkovich durch Haare und Kleidung jeweils ein anderes Erscheinungsbild zu verleihen und sein Spiel ist definitiv unterschiedlich genug, aber dennoch bleibt es eine gewisse Herausforderung an den Zuschauer, zu glauben, dass wirklich niemand mehr als eine gewisse Ähnlichkeit zwischen den Männern bemerkt.
Inszenatorisch dagegen ist diese Besetzungsentscheidung jedoch absolut nötig. Im Gegensatz zu Mary ist dem Zuschauer die Natur der beiden Männer natürlich klar, und alles andere als eine Doppelbesetzung wäre wohl lächerlich bis verwirrend erschienen. Nur so ist es möglich, die Psychologie von Jekyll sowie Hyde wirklich anschaulich darzustellen – eine Aufgabe, in der John Malkovich schlichtweg brilliert.

Ich könnte noch bemerken, dass die eher computerlastige Verwandlungsszene am Ende nicht hätte gezeigt werden müssen; Mary verschreckter Blick selbst würde genügen, und eine subtilere Szene hätte besser zum ruhigen, realistischen Stil der Verfilmung gepasst. Doch was mich angeht, so ist das schon der einzige wirkliche Kritikpunkt an dem Film überhaupt, und damit sicherlich eine Kleinigkeit.
Für mich bietet Mary Reilly eine grandiose Bearbeitung des Themas, das ich eigentlich schon für durchgearbeitet gehalten hatte, und nicht zuletzt die mit Abstand beste Performance von Julia Roberts.