Die menschliche Geschichte ist erfüllt von einer Unmenge grandioser Katastrophen – eine Tatsache, die wohl in der Natur des Lebens liegt. Aber dennoch scheint es oft eine ganz bestimmte Art Unglück zu sein, die sich im allgemeinen Gedächtnis festzubrennen vermag; ob nun der Untergang eines großen Reiches, die Zerstörung einer prächtigen Stadt oder das schlimme Ende einer bedeutenden Persönlichkeit.
Im Musical Elisabeth bietet der Attentäter Luigi Lucheni für diese Schwerpunktlegung eine Erklärung: „Das rührt doch jedes Herz, da schaudert man und denkt voll Sympathie: Die Großen trifft es auch! Gott sei Dank sind wir nicht reich und mächtig und erhöht wie die.“
Aber auch wenn diese Einschätzung wohl so zynisch wie wahr ist, gibt es denke ich einen größeren Rahmen, in dem die Faszination für gefallene Größen betrachtet werden sollte. Es hat etwas Mythisches, wenn Menschen versuchen, über sich selbst hinauszuwachsen und sich gegen jede höhere Macht zu stellen – und ob nun im Falle von Prometheus oder bei dem Turmbau zu Babel, in jeder der alten Religionen sind es schließlich die Gottheiten, die den Menschen für seine Hybris zur Rechenschaft rufen.

Heute ist Sonntag der 14. 4. 2013, 101 Jahre nach jenem Sonntag, an dem die Titanic in den eisigen Gewässern des Nordatlantiks auf einen Eisberg stieß. Und auch wenn es eine Vielzahl versunkener Schiffe gibt, auf die sich das menschliche Interesse mit der gleichen Inbrunst richten könnte, der Fall der Titanic nimmt eine einmalige Stellung ein, von den allerersten damaligen Schreckensmeldungen bis heute, über ein Jahrhundert nach ihrem Untergang.
Der Grund dafür liegt nicht nur im Reichtum und Ansehen der damals anwesenden Gäste; in jeder künstlerischen Adaption ist der Fokus genauso auf die Passagiere der dritten Klasse gerichtet, die von den Zuschauern sicher nicht beneidet werden sollen. Das, worum es hier geht, lässt sich in einem einzigen (wenn auch ursprünglich fehlübersetzten) Wort ausdrücken: unsinkbar. Es handelte sich um ein Schiff von unwahrscheinlicher Größe und Luxus, das von Anfang an mit dem Vorsatz geschaffen wurde, dass nichts, weder Gott noch Natur, ihm etwas anhaben sollten. Wie Kapitän Smith in gelassener Überzeugung meinte: „Modern shipbuilding has gone beyond that.“
Diese Art der menschlichen Selbstüberschätzung erinnert nur zu genau an die thematischen Grundvoraussetzungen der althergebrachten Lehrstücke; eine ideale Gegenüberstellung von menschlichem Hochmut und menschlichem Versagen. Und wirklich stellt der gesamte Aufbau der Katastrophe eine derartige Ansammlung von Schicksalszeichen auf der einen und beliebig erscheinenden Zufällen auf der anderen Seite dar, dass ein Künstler es nicht besser hätte erfinden können. Von den mangelhaft vorhandenen Booten über die nicht beachteten Eiswarnungen bis hin zu scheinbar unbedeutenden Versäumnissen wie den fehlenden Ferngläsern spricht aus jedem Detail des Unglücks eine beinahe vorsätzliche Herausforderung eines Schicksals, das schließlich so gnadenlos wie gezielt zurückgeschlagen hat – es heißt, wäre die Bruchstelle nur einen halben Meter kürzer gewesen, so hätte sich das Schiff noch über Wasser halten können.
Dass es schließlich gerade die Jungfernfahrt war, auf der all diese Versäumnisse durch ein antagonistisches Naturereignis gerächt wurden, ist der letzte Tropfen, der aus dem menschlichen Drama eine übersteigerte Fabel zu machen scheint. Hätte ein Mensch sich diese Geschichte ausgedacht, so hätte er die Akzeptanz seiner Zuhörerschaft wohl definitiv überstrapaziert. Doch dem ist nicht so; es handelt sich um die reine Realität, und durch diese Tatsache wird das Schicksal der Titanic zu einem einmaligen Sinnbild für menschlichen Hochmut und göttliche Strafe.

Man kann im Nachhinein nicht sagen, dass die Menschheit etwas aus diesem Vorfall gelernt habe – und das wäre auch kaum zu erwarten gewesen. Es liegt in der menschlichen Natur, sich zu übersteigern und die Grenzen des Möglichen auszureizen. Wäre dem nicht so, wäre es unserer Spezies kaum je gelungen, voranzuschreiten und uns die Natur so weit Untertan zu machen, wie es bisher gelungen ist.
Was bleibt, ist jedoch Faszination. Die Faszination des Schreckens, aber vor allem einer Schicksalhaftigkeit, die – aus Zufall oder welchem anderen Grund auch immer – immer wieder aufwacht, wie um zu zeigen,  dass wir die Folgen unseres Handelns nie wirklich überblicken können.