Wenn man Tim Burtons heute unverwechselbar düster-makaberen Stil bedenkt, erscheint für es viele verwunderlich, auf welch buchstäblich märchenhafter Bahn die Karriere dieses Regisseurs begann. Nachdem er in den 80er Jahren lange Zeit als Zwischenzeichner für Disney gearbeitet hatte, kam er gerade noch dazu, einige außergewöhnliche Konzeptzeichnungen für Taran und der Zauberkessel anzufertigen, ehe er im Schwung der von der Entwicklung des Films enttäuschten Künstler von Disney schied und auf den eigenen Regisseurssessel wechselte. Dort schuf Burton zuerst einige Kurzfilme – unter anderem auch für das Disney-Studio – bevor er sich nach der heute so geheimnisvollen wie berüchtigten Hänsel-und-Gretel-Verfilmung im Martial-Arts-Stil und Pee-Wees großes Abenteuer einer klassischen Märchenverfilmung widmete: Aladdin and His Wonderful Lamp.

Es handelt sich um eine dreiviertelstundenlange Folge der amerikanischen Serie Faerie Tale Theatre, die in 26 Folgen klassische Märchen in stilistisch modernisierter Form neu interpretiert, mit einem teilweise erstaunlichen Schauspieler-Aufgebot. Dabei mag es sich vielleicht generell um eine nette Idee handeln, die aber von der Umsetzung her äußerst gewöhnungsbedürftig ist – and I mean that in a very caring way. Auch wenn hinter den verschiedenen Folgen unterschiedliche Regisseure und Produktions-Teams stehen, so zieht sich der allzu eindeutige Stil doch durch die gesamte Serie; die Märchen sind äußerst theatralisch dargestellt, laut und melodramatisch, und dabei vollkommen kindisch inszeniert, so dass der Zuschauer sie in keiner Weise, weder als Fantasy-Werke, noch als liebevolle Parodien, ernstnehmen kann.
Obwohl ich fest vorhatte, mir sämtliche Folgen der Serie anzuschauen, habe ich mich nur gezwungen, die allererste Folge The Frog Prince (immerhin mit Robin Williams in der Hauptrolle) ganz anzuschauen, vom Rest haben einzelne Ausschnitte vollauf genügt. Aber da Tim Burtons Frühwerk Aladdin and His Wonderful Lamp immerhin der Hauptgrund war, weswegen ich mir die Sammlung zugelegt habe, bin ich um dieses Stück Filmgeschichte natürlich nicht herumgekommen. Ich wollte mir auf jeden Fall meine eigene Meinung darüber bilden, ob sich Burtons Stil bei einem solchem Gemeinschaftswerk durchsetzen würde – ganz von der Frage abgesehen, inwieweit sich dieser Stil zu der Zeit schon gefestigt hatte.

Der Film selbst ist bereits vom ersten Blick an enttäuschend; die Inszenierung unterscheidet sich in nichts von der kindlichen und doch gleichzeitig so wenig charmanten Machart der anderen Folgen. Simple Kulissen, die bewusst an Plastikspielzeug zu erinnern scheinen, hölzerne Darsteller (bis auf James Earl Jones als Dschinn, der sich wenigstens alle Mühe gibt) und ein allzu schwaches Skript, bei dem sich die Sprecher meist nicht einmal bemühen, den sinnlosen Dialogen Fleisch zu geben. Den Vogel schießt der Hauptdarsteller Robert Carradine ab, der als 32 (gefühlte 42) Jahre alter Aladdin konsequent als Junge bezeichnet und behandelt wird. Ich persönlich kann für alle Beteiligten nur hoffen, dass die Schuld bei einer für die gesamte Serie zu strikten Vorgabe liegt, die die Regisseure zurückgehalten hat, selbst etwas an dieser Misere zu ändern.

Also, gibt es in dieser Aladdin-Verfilmung nichts qualitativ Hochwertiges zu sehen, das das Anschauen zumindest für Burton-Liebhaber rechtfertigen würde? Handelte es sich um einen reinen Fehlkauf? Nein, nicht ganz. Trotz allem hat es der Regisseur geschafft, seine höchst individuelle Handschrift in das Werk mit einfließen zu lassen, wenn auch nur in einer einzigen, kurzen Szene.
In dem Moment, als Aladdin aus dem billigen, vor einer rosa Leinwand aufgestellten Sandkasten in die Höhle hinabsteigt, wird plötzlich alles anders: Im Inneren der Wunderhöhle schafft sich Tim Burton seine ganz persönliche Spielecke.
Schon im ersten Höhlengewölbe begegnen dem „Jungen“ unerwartet düstere Totenschädel und Skelette, doch das ist erst der Anfang. Durch einen Gang, der Alices Wunderland würdig wäre – dem, das Burton hätte verfilmen sollen, statt dem Missgriff von 2010 – krabbelt Aladdin auf allen Vieren in die eigentliche Schatzgrotte, und nun ist auf den ersten Blick klar, wer hier die Kulissen designt hat. Die Wände sind voller schattenhafter Burton-Monster, die Rahmenschale der Wunderlampe ist geradezu gänsehauterzeugend, und als Aladdin sie ergreift, folgt eine kurze Spukszene, die direkt in Beetlejuice oder Nightmare before Christmas gepasst hätte. 
Damit versinkt die Verfilmung allerdings schon wieder in das bereits gewohnte Einerlei; die Inszenierung ist teilweise ganz lustig, vor allem dank James Earl Jones bewusst übertriebener Darstellung, aber dennoch durchgehend vollkommen vergessenswert. Höchstens eine kurze Szene, in der der Dschinn den Wesir quält, und das geschnörkelte Design der Schlösser lassen entfernt die Handschrift des zukünftigen Meisters erahnen.

Wie man an meinem Lamento wohl unschwer erkennen kann, hat Aladdin and His Wonderful Lamp zumindest für mich keinen allzu großen Sehgenuss dargestellt und wird auch so bald nicht wieder im Player landen. Einen Kauf ist der Film demnach wohl hauptsächlich für absolute Burton-Liebhaber wert, die wertschätzen können und wollen, wie der Kultregisseur es geschafft hat, in einem Stück seelenloser Fließbandarbeit seine fünf Minuten ganz eigenen Glanzes zu verstecken.