Wie ich am Ende meines letzten Artikels angedeutet hatte, ließ das nächste Event meiner Los-Angeles-Tour nicht lange auf sich warten. Nach dem bombastischen Disneyland-Kinoereignis machte ich mich am nächsten Abend auf den Weg nach Hollywood, um dort in einem altmodischen Kino Hamlet zu sehen. Das vierstündige, vollständige Meisterwerk in 70 mm auf der großen Leinwand – das alleine wäre es sicher wert gewesen. Aber anschließend sollte tatsächlich eine Podiumsdiskusion mit Kenneth Branagh, dem Hauptarsteller und Regisseur stattfinden!

Also, Schlaf ade und auf gen Nordwesten.

Kenneth Branaghs Hamlet-Version war meine erste Begegnung mit Shakespeares Kronjuwel und ich muss sagen, das Stück hat seinen Platz am Theater-Olymp wirklich verdient. Als ich den Film das erste Mal sah, saß ich die gesamte Zeit mit offenem Mund da und habe mich gefragt, wie es möglich ist, gewöhnliche Worte so zusammenzufügen, dass sie so grandios schmecken wie eine Mozart-Arie. Und gleichzeitig besitzt der Text eine Tiefe, wie sie selbst Mozart (und auch Shakespeare) nur selten erreicht.
Was mich an Kenneth Branaghs Darstellung mit am meisten beeindruckt, ist, dass ich ihn vorher nur als ausgeblasenen Professor Lockhart kannte – und während des Stückes nicht einmal grinsend daran denken musste. Gleichzeitig schafft er es scheinbar mühelos, selbst die ikonischsten Szenen wirkungsvoll, doch ohne Patina oder Klischee zu präsentieren.

Wow.

Und dann kam, nach einem äußerst harsch abgewürgten Abspann, Kenneth Branagh persönlich auf die Bühne. Er wurde von tosendem Beifall empfangen, den es hier laut dem Gastgeber so noch nicht gegeben hatte.

Ich muss zugeben, mein erster Gedanke war, dass die letzten 15 Jahre nicht spurlos an ihm vorbeigegangen sind; der Unterschied zu dem gerade verstorbenen „sweet prince“ waren zu offensichtlich. Aber nach wenigen Worten wurde klar, dass Kenneth Branagh in dieser Zeit nichts an Bühnenpräsenz verloren hat, ich habe wohl noch nie ein so interessantes und gleichzeitig so lustiges Interview gehört.

Als erstes beglückwünschte er uns zu unserer Geduld und gab zu, dass er beim Anschauen seines vierstündigen Werkes auch selbst schon unter einen gewissen Duck geraten sei – er meinte, ein paar Klopausen würde wohl auch Shakespeare verzeihen.

Generell verlor er einige Worte zu der einigermaßen modernen Inszenierung des Stückes und erklärte dabei auch, wie er versucht habe, die Shakespeare‘sche Intention auf unsere Bühne, sprich die Kinoleinwand, zu übertragen und auch die Intensität mancher Szenen durch Kamerafahrten, Flashbacks und ähnliche Stilmittel zu verstärken.

Dann erzählte er ein paar Anekdoten zu den Schauspielern, wie der Morgen, als eine völlig aufgelöste Kate Winslet hereinstürmte und rief: „Ich, ich – ich hab gerade die Rolle in Titanic bekommen!“, worauf er zu ihrem großen Unmut nur meinte: „Was ist das? Irgendein neuer Film?“
Oder seine farbenfrohe Charakterisierung der „majestätischen“ Julie Christie und Derek Jakobis: Wenn er Derek Jacobi bäte, eine lange Shakespeare-Rede zu halten, währenddessen mit der linken Hand zu jonglieren und dabei auf einem Fuß stehend das Times-Kreuzworträtsel zu lösen, sei dessen Antwort: „Klar, kann ich sonst noch was für dich tun?“
Julie Christie sei dagegen etwas schwieriger zu gängeln gewesen. So bat er sie bei einer Szene, während der die Kamera um die Schauspieler fuhr: „Ich traue mich kaum zu fragen, aber könntest du deinen Körper vom rechten auf den linken Fuß verlagern, wenn die Kamera hinter dir vorbeifährt?“

„Was meinst du?“
„Naja, könntest du einfach dein Gewicht verlagern?“
„Während ich rede?“
„Ja, du redest dabei.“
„Nein, das kann ich nicht machen. Warum sollte ich das an der Stelle überhaupt tun?“
„Weil hier die Kamera ist.“
„Die was?“
„Hier steht die Kamera.“
„Wann?“
„Während du redest.“
„Die habe ich gar nicht gesehen, ich rede doch mit ihm. Kannst der das nicht tun?“
Und Derek Jacobi begeistert: „Ja, lass mich das machen!“
Besonders nett fand ich auch die Erwähnung von Gertruds Schoßhund Amazement – Ihr wisst schon, der, von dem Hamlet sagt: „Look, amazement on my mother sits.“

Dann erzählte Kenneth Branagh, der Hamlet vor dem Film schon viele hundert Male live gespielt hat, von den Schwierigkeiten, den wohl berühmtesten Monolog der westlichen Kultur aufzunehmen. Neben den Problemen mit den vielen Spiegeln in der Szene und dem Kameramann, der ihm befehlen wollte, wie er sich zu bewegen habe (und wie nicht), sei sein Acting Coach wieder und wieder nicht zufrieden gewesen. Nach dem siebten Take meinte der dann schließlich: „Du sprichst das wunderbar, einfach perfekt, ich glaube nur kein Wort von dem, was du sagst. Du hast abolut kein Gefühl für den Mann, das ist alles.“
Nun, das Ergebnis des elften Takes überzeugt (mich zumindest) vollkommen.


Zum Schluss kamen noch einige Publikumsfragen, die sich zum Teil mehr mit Gegenwart und Zukunft beschäftigten, wie die Frage, mit wem schwerer umzugehen sei – Shakespeare- oder Comic-Puristen. Ihm zufolge lieferten die beiden Gruppen sich, was Leidenschaft und Überzeugung angeht ein Kopf-an-Kopf-Rennen.
Er erwähnte auch, wie begeistert er gewesen sei, als nach elf Tagen der Anruf kam, Thor habe 242 Millionen Dollar verdient. Bei Hamlet habe es nach dieser Zeit geheißen, naja, er läuft noch.

Auf die unumgängliche Frage, ob wir in nächster Zeit wohl noch mehr Shakespeare-Adaptionen von ihm erwarten dürften – vielleicht ein schottisches Stück? – meinte er, er hoffe doch.
Allerdings müsse man für jedes der unendlich vielen Themen den richtigen Moment abwarten, an dem einem die innere Stimme Bescheid gibt.
Nun, das ist doch erstmal verheißungsvoll genug.


Ach ja, und Kenneth Branagh ist übrigens überzeugt, Hamlet sei bis zum Schluss definitiv nicht verrückt sondern täusche alles nur vor. Für mich reicht das, um die Diskussion endgültig abzuschließen. 😉
Mit freundlicher Genehmigung von SirDonnerboldsBagatellen: ein Nachdruck meines Gastartikels vom 19.5.2011