Sin City – der Originalfilm – beginnt mit einer unabhängigen Episode um Liebe und Mord, so intensiv und berückend, wie sie kurz ist. Es gibt keine Erklärung dazu, der unbedarfte Zuschauer weiß von den Handlungsimpulsen und den äußeren Umständen praktisch gar nichts, doch er fühlt alles. Die Sequenz ist gerade für diesen Film ein genialer Startschuss; sie schafft Atmosphäre und zieht das Publikum unweigerlich in diese verstörende Welt hinein.
Ganz am Ende des Films wir diese Szene noch einmal kurz aufgegriffen; mit einem letzten Schlussbild wird die Verbindung zu einer anderen Geschichte gezogen und so als Buchende der gesamte Film perfekt abgeschlossen.

Sin City: A Dame to Kill For beginnt ebenfalls mit einer Kurzepisode. Wir treffen Marv, eine der Hauptfiguren beider Filme, und erleben ihn in einem kurzen Einzelabenteuer. Es gibt keine direkte Verbindung zum ersten Film, und doch sind sofort alle Zusammenhänge klar ersichtlich.
So werden die Fans von Sin City perfekt abgeholt; sofort ergibt sich das Gefühl, wieder ganz in der altvertrauten Welt angekommen zu sein. Und dass sich der Stil im Vergleich zum ersten Film leicht verändert hat, gerade durch das Hinzufügen der genial-stilisierten 3D-Effekte, verstärkt den Sog des Filmes höchstens noch.

Man merke: Dieser Sog wirkt für Fans von Sin City. Die Zuschauer, die mit dem aktuellen Film erstmals in die Welt von Frank Miller eintauchen, oder die auch nur den neun Jahre alten Film nicht mehr ganz in Erinnerung haben – diese Zuschauer werden beim Start von Sin City: A Dame to Kill For ganz bewusst nicht berücksichtigt. Natürlich, auch hier etabliert die erste Szene die Stimmung und den Ton des Films – allerdings ist es für Neulinge allzu leicht, die mühsam komponierte düstere Atmosphäre hier für eine reine Gewaltorgie zu halten. Die Szene überfällt den Zuschauer, sie reißt ihn in die Sin-City-Welt hinein, ohne diesen Einstieg in irgendeiner Weise vorzubereiten.
Natürlich ist es überhaupt kein Problem, wenn Fortsetzungen das Wissen über ihren Vorgänger voraussetzen. Ich halte es für einen genial-mutigen Schritt, dass in keiner der Fluch-der-Karibik-Fortsetzung die Anwesenheit des toten Affen in irgendeiner Weise erklärt wird und man schlicht erwartet, dass die Zuschauer die Nach-Abspann-Szene(!) des ersten Films in Erinnerung behalten haben. Doch bei der Fortsetzung von Sin City sieht die Sache etwas anders aus: Der erste Film war bereits so kühn, einen Episodenroman in sich zu bieten – was hätte besser gepasst, als dieses Konzept auf eine ganze Film-Reihe auszuweiten und mit jedem Film ein geniales Einzelwerk zu liefern? Stattdessen ist Rodriguez den entgegengesetzten Weg gegangen, und hat eine klassische Fortsetzung geschaffen, die sogar die Episodenhaftigkeit des Originals relativiert.
Sin City: A Dame to Kill For ist ein Sequel, das ist überdeutlich. Und darin ist der Film nicht schlecht! Er tut, was man von einem Sequel erwarten würde: Die alten Geschichten werden neu aufgegriffen, es wird mehr über die vertrauten Figuren erzählt. Dazu kommt eine ganz neue Geschichte, neue Figuren werden angerissen – auch wenn diese Sequenz eher nebensächlich erzählt wird.
Auch der Stil des ersten Films wurde beibehalten, und dabei sogar mit Hilfe der neuen technischen Möglichkeiten genial weitergeführt. Abgesehen von Flugszenen habe ich in anderen Filmen noch nie einen so großartig eingesetzten 3D-Effekt gesehen.
Der Zuschauer bekommt genau das, was er von einem Sequel zu Sin City erwarten darf – in dieser Hinsicht zeigt sich die Fortsetzung als durchaus sättigend. Was er nicht bekommt, ist ein eigenständiger Film, der an sich nur annähernd so genial wäre wie der erste.

Natürlich wäre das an sich kein Drama. Wie schon gesagt, gibt es genügend hochgelobte Fortsetzungen, die erzählerisch ganz von ihrem Vorgänger abhängen – es dürfte sogar die absolute Mehrheit sein. Und zum andern bin ich persönlich mit dem Ergebnis absolut zufrieden. Und trotz allgemein grausamer Kritiken bin ich dabei nicht die Einzige; gerade die Leute, die den ersten Film in guter Erinnerung halten – ohne ihn dabei zu idolisieren – sind zu guten Teilen mit der Fortsetzung absolut zufrieden.
Was ist also das Problem, das dem Film an den Kinokassen das Genick gebrochen hat?
Es wird oft bemerkt, dass die Fortsetzung neun Jahre nach dem Original schlicht zu spät erschienen ist. Ich denke, dass der Zeitpunkt nicht prinzipiell zu spät ist; Sin City wird nach wie vor hoch geehrt, und ein guter zweiter Film wäre sicherlich immer willkommen. Aber was nach neun Jahren nicht mehr verlangt wird, ist eine direkte Fortsetzung.
Sin City: A Dame to Kill For ist kein in sich wirklich guter Film; dafür hätte man beim Drehbuch einen ganz anderen Weg einschlagen müssen. Und bei diesem Material wäre das absolut möglich gewesen. Man hätte neue, voneinander unabhängige Geschichten erzählen können, mit neuen Hauptfiguren, bei denen die alten Figuren höchstens am Rande auftauchen, um die Stimmung zu verdichten. Man hätte wieder eine packende Rahmenhandlung erzählen müssen – unabhängig vom Rest des Films, aber gerade deswegen geeignet, den Zuschauer ganz in die Welt hineinzuziehen. Man hätte verschiedene Zeitlinien wählen müssen, die sich, wenn überhaupt, nur entfernt kreuzen.
Aber das ist nicht der Weg, den Rodriguez gewählt hat – es ist eben nicht ein neuer Film, sondern ganz klar eine Fortsetzung vom ersten. Die Geschichten handeln von denselben Figuren, es sind klare Pre- und Sequels, die neuen Figuren erscheinen nur am Rande. Sowohl Anfang als auch Schluss hängen erzählerisch direkt an dem Original und verleihen dem neuen Film keine Eigendynamik. Und zeitlich war man viel eher bemüht, die unchronologischen Fäden von Sin City zusammenzuknüpfen, als ein eigenes weitläufiges Geflecht zu weben.

Nein, dieser neue Film ist an sich kein Prequel – es ist eine klare Fortsetzung; zeitliche Chronik hin oder her. Und als solches funktioniert er! Ich denke, als solches hätte der Film auch den Zuschauern gefallen – drei Jahre nach Original. Wenn die Leute Sin City noch direkt im Kopf gehabt hätten, wenn sie sich an die unregelmäßige Zeit erinnert, die Figuren und die Stimmung gekannt hätten. Dann wäre das Publikum genau dort, wo der zweite Film es abholen will.
Heute dagegen stehen die Zuschauer an einer anderen Ursprungslage. Das heißt nicht, dass sie einen neuen Sin-City-Film nicht mögen würden, nur, dass sie ihn erst neu kennenlernen müssten. Johnny, Ava, selbst die Kellnerin Bertha, all das sind faszinierende neue Gestalten in dieser düsteren Welt. Eine leicht geänderte Bildästhetik, der neue 3D-Effekt, all das hätte wunderbar dienen können, um den Film in eine neue Zeit zu ziehen – wenn eben all das wirklich neu eingefangen worden wäre. Dann hätte der Film mit wenig Aufwand genau so gut wie das Original sein können; Teil einer unabhängigen Filmreihe, die aus einzelnen Episoden besteht.
Was er nun ist, ist ein gutes Sequel – und genau das will Sin City: A Dame to Kill For ganz offensichtlich auch sein. Er schenkt den Zuschauern Zeit mit den bekannten Figuren, er lässt Altbekanntes wieder aufleben.
Schade nur für Rodriguez, dass es nicht das ist, was das Publikum gewollt hat.