Auch wenn die Rocky Horror Picture Show 1975 in den Kinos noch einen herben Misserfolg erfuhr, so hat sich die einzigartige Horror-Comedy-Trash-Mischung von einem Musical doch sehr schnell gefangen und wurde bis heute nicht nur ein absoluter Kultklassiker, sondern auch der am längsten regelmäßig im Kino gezeigte Film überhaupt, mit weiterhin wachsender Dauer.
Doch während die Rocky Horror Picture Show ein längst zum Selbstläufer ausgewachsenes Phänomen darstellt, so sind sich selbst unter den echten Fans nur wenige der Tatsache bewusst, dass mit Shock Treatment eine Fortsetzung zu diesem schrägen Machwerk existiert. Und dabei ist nicht die Rede von einer uninspirierten 08/15-Produktion, die nur vom Studio angeleiert wurde – auf so etwas wäre man bei dem anfangs ziemlich erfolglosen Original kaum gekommen. Nein, Shock Treatment wurde von Richard O‘Brian selbst (dem Komponisten und Riffraff-Darsteller des Originals) sechs Jahre nach dem ersten Film ins Leben gerufen. Es ist dasselbe Team wie in der Rocky Horror Picture Show dabei, und auch ein Großteil der Schauspieler findet sich in dieser Produktion wieder, die in Skurrilität und Humor dem Original wenig nachsteht.

Dabei handelt es sich nicht im eigentlichen Sinn um eine „Fortsetzung“, und die offizielle Bezeichnung ist „Follow-Up“ des Originals. Kurz gesagt sind es schlicht die weiteren Erlebnisse von Brad und Janet, die nun frisch verheiratet in ihren Heimatort zurückgekehrt sind.
Danton, die Kleinstadt, von der im ersten Film nur der Friedhof zu sehen ist, hat sich mittlerweile in eine 24-stündige Reality-Fernsehshow verwandelt, in der jeder Einwohner entweder Darsteller oder Publikum ist. Janet räumt bei einer Spielshow den großen Preis ab, und das Ergebnis ist, dass Brad zu Verbesserungszwecken für einige Zeit in eine psychische Anstalt eingewiesen werden soll – alles selbstverständlich als Teil der Liveaufnahme. Währenddessen wird Janet von dem mysteriösen Produzenten zur neuen Diva der Show hochstilisiert, bis sie sich beim großen Showdown vor laufender Kamera für ihren wahren Partner entscheiden muss.
Die Verantwortlichen der ganzen Sache sind dabei vor allem das Ärzte-, Geschwister- und Liebespaar Dr. Cosmo und Nation McKinsley, die genau wie die Krankenschwester Ansalong altvertraute Rocky-Horror-Gestalten darstellen.

Das Ganze stellt eine blanke Satire auf das Krankenwesen und das Prinzip des Reality-TVs dar – und das lange Zeit, bevor sich dieses Format allgemein durchgesetzt hatte.
Mit der Rocky Horror Picture Show verbindet den Film inhaltlich nicht viel. Eine Handvoll derselben Schauspieler tauchen in anderen (auffällig parallelen) Rollen wieder auf, während Brad und Janet mit bewusst unterschiedlichen Darstellern neu besetzt wurden. Auch was Requisiten, Kulissen etc. angeht, ist durchgehend eine gewisse liebevolle Anlehnung spürbar, wie wenn Frank‘N‘Furters Stuhl – nun knallrot gestrichen – als Janets Thron fungieren darf.
Stellt man sich nun die Frage, weshalb Shock Treatment im Gegensatz zu dem großen Bruder so ungeliebt in der Versenkung verbleiben muss, so ist die Antwort scheinbar offensichtlich: Der Film hat wenig mit seinem Vorgänger zu tun, er ist in Stil wie in Handlung völlig eigenständig und versagt auf ganzer Linie, die Erwartungen einer treuen Fangemeinde zu erfüllen. Aber andererseits ist genau das seine eigentliche Leistung: Shock Treatment gelingt es, genauso zu sein wie die Rocky Horror Picture Show – nur eben vollkommen anders.

Die Frage, die man sich als enttäuschter Fan stellen muss, ist schließlich genau diese: Wünscht man sich wirklich eine Fortsetzung, in der die Transsilvanier zurückkommen, in der Frank auf unerklärte Weise wieder auftaucht und in der sich die Geschichte des ersten Films mehr oder weniger wiederholt?
Zugegebenermaßen, vielleicht schon. Aber eigentlich ist klar, dass so ein Film nicht gut wäre; nicht für sich selbst, und auch nicht für den dadurch geschändeten „ersten Teil“ (denn nicht mehr wäre die RHPS dann noch). Wie viele Hollywood-Filme versuchen jährlich, die Zuschauererwartungen an eine „passende“ Fortsetzung so weit wie möglich zu erfüllen, und erreichen am Ende nur einen erbärmlichen Abklatsch?
Sicher, wenn Shock Treatment zumindest ein ähnliches Setting oder den grundlegend gleichen Stil aufweisen könnte, dann wäre der Film mit größter Wahrscheinlichkeit um einiges erfolgreicher gewesen. Er wäre von der eigentlichen Zielgruppe, der Fangemeinde des Originals, sehr viel gnädiger aufgenommen worden und hätte sich einen dauerhaften Status als Teil des Rocky-Horror-Kosmos sichern können. Aber stattdessen hat man einen anderen, sicherlich souveräneren Ansatz gewählt.

Shock Treatment ist dasselbe Prinzip wie die Rocky Horror Picture Show noch einmal neu angewandt, in derselben Absurdität und Genialität, und nicht zuletzt mit demselben bizarren Ohrwurmcharakter. Es handelt sich um einen gewagten Versuch, der hier zum zweiten Mal fehlgeschlagen ist, nur dass dieses Mal keine nachträgliche Rehabilitierung erfolgte. Vielleicht auch nur noch nicht?
Auf jeden Fall bedeutet das Scheitern dieses Versuches nicht, dass man ihn in seiner offenen Couragiertheit nicht weiterhin würdigen sollte.