Wahrscheinlich kennen einige der Leser das Gesellschaftsspiel „Tabu“, bei dem die Mitspieler vorgeschriebene Begriffe erklären müssen, ohne bestimmte naheliegende Assoziationen zu verwenden. Als wir dieses Spiel einmal in größerer Runde spielten, stellte mein neunjähriger Bruder die Frage: „Wer hat Fluch der Karibik geschrieben?“ Ich war mir ziemlich sicher, dass Ted & Terry keine mögliche Tabu-Antwort darstellen, und ich brach die Runde ab, um ihn nach der vermeintlichen Lösung zu fragen. So kamen wir darauf, dass der zu erratende Name „Shakespeare“ war – die Erklärung meines Bruders: „Romeo und Julia durfte ich ja nicht sagen!“
In der darauffolgenden allgemeinen Heiterkeit wurde ihm klar, dass er einen Fehler gemacht hatte und er wandte sich beleidigt ab. Ich musste ihm schnell erklären, dass wir nicht ihn auslachen, und dabei stellte sich die Frage: Warum ist diese spezielle Fehlannahme so amüsant?

Die offensichtliche Antwort ist einfach. Shakespeare ist Hochkultur, Stoff für den Englischunterricht und so alt, dass er schon ein Klassiker war, als andere heutige Klassiker erst geschrieben wurden. Fluch der Karibik dagegen – ist Blockbuster-Unterhaltung. Soweit der erste Gedankengang, aber denkt man nur ein wenig weiter, so ist die Assoziation meines Bruders alles andere als albern.
Worin besteht denn der unvergängliche Reiz der Werke von Shakespeare? Sie sind großangelegte Spektakel, die mit einer Mischung aus Herz, Komik, Dramatik und Spannung ihre Zuschauer seit Jahrhunderten begeistern. Dass das quasi für alle Schichten gleichermaßen gilt, liegt daran, dass es höchst intelligente Unterhaltung ist, die aber in einen allgemeingefälligen Mantel gepackt ist – genauso wie die PotC-Filme für ein heutiges Publikum. Und wirft man den Filmen vor, sie würden sich zu sehr dem Massengeschmack anbiedern, so will ich nur daran erinnern, dass es ein Shakespeare-Stück gibt namens „Wie es euch gefällt“ – und ja, der Name ist hierbei Programm. Aber es ist nicht nötig, nach Schwachstellen in Shakespeares Werk zu suchen. Der Sommernachtstraum und der Sturm, zwei seiner meistgefeierten Komödien, sind wunderbare Fantasy-Stücke, die in ihrer Figurenkonstellation nur zu sehr an die Piratensaga erinnern.

Fluch der Karibik hat alles, was den Inhalt einer guten Shakespeare-Komödie ausmacht: Einen den äußeren Rahmen absteckenden Krieg zwischen Piraten und Navy, darin verfangen das heldenhafte Liebespaar, ein paar närrische Nebenfiguren, die für simplen Humor sorgen – und insbesondere diese eine Figur, die mit Wortspielen und genialer Selbstinszenierung allen anderen Personen rücksichtslos die Show stiehlt.
Yep, Jack Sparrow ist definitiv eine Rolle, die in die Stücke des Barden gepasst hätte. Er erinnert an einige der genialsten Shakespeare-Figuren, schlagfertig, hintertrieben und fähig, jeden um den Finger zu wickeln. Ebenso wie Mercutio überstrahlt er das Hauptliebespaar in sämtlichen seiner Auftritte und bewahrt Coolness und Witz noch in der Sterbeszene.
„Ich? Ich bin unehrlich! Und bei einem unehrlichen Mann kannst du darauf vertrauen, dass er unehrlich ist. Ehrlich! Die Ehrlichen, vor denen musst du dich in acht nehmen. Weil du nie vorhersehen kannst, wann sie etwas wirklich unglaublich Blödes machen!“ So definiert Jack selbst seinen Charakter und damit erinnert er mich an Antonio, der im Sturm auf die Frage nach seinem Gewissen antwortet: „Ei, Herr, wo sitzt das? Wär‘s der Frost im Fuß, müsst ich in Socken gehn; allein ich fühle die Gottheit nicht im Busen. Zehn Gewissen, die zwischen mir und Mailand stehn, sie möchten gefroren sein und auftaun, eh sie mir beschwerlich fielen.“
Auch die Fortsetzungen stehen ganz in der ehrwürdigen Tradition: Die Meerjungfrauen werden ebenso berückend neu definiert wie einstmals im Sommernachtstraum die Elfen; die Einbringung einer mythischen Gestalt wie Davy Jones passt zu dem altenglischen Robin Goodfellow (besser bekannt als Puck), und spätestens, wenn die weibliche Hauptfigur Männerkleidung anlegt, um unbemerkt zu ihrem Liebsten zu gelangen, befinden wir uns zweifellos auf Shakespear‘schem Terrain.

Spinnt man diesen Gedankengang weiter, so ergibt sich schnell die Frage, was in einigen hundert Jahren von unserer heutigen Kultur überleben wird. Fluch der Karibik nimmt trotz großer Beliebtheit heute nicht den Kultstatus ein wie vielleicht Star Wars oder der Herr der Ringe – von der pseudokulturellen Anhängerschaft eines Kubrick ganz zu schweigen – aber wer kann schon sagen, was das für die zukünftige Entwicklung heißt? Shakespeare hätte sich sicher nicht vorgestellt, dass er einmal auf einer kulturellen Stufe mit Homer stehen würde, wenn nicht gar darüber.
Und weiter gedacht bezieht sich diese Überlegung auf das gesamte Filmgenre, das im heutigen öffentlichen Bewusstsein noch nicht wirklich den Status einer kulturellen Kunstrichtung innehat, obwohl es sicherlich einen Löwenanteil der Kunst unseres Jahrhunderts darstellt. Für mich hat die Vorstellung einen ganz eigenen Reiz, wie die Popcorn-Unterhaltung unserer Tage in einigen hundert Jahren zur umjubelten Hochkultur erklärt werden wird.

Mit freundlicher Genehmigung von SirDonnerboldsBagatellen: ein Nachdruck meines Gastartikels vom 7.1.2013