Bei der Geschichte von dem Zauberergesellen Krabat handelt es sich um eine alte Sage, die jahrhundertelang in unterschiedlichen Ausprägungen überliefert wurde. Den festen bildet die Gestalt des kroatischen (daher der Name „Krabat“) Zauberers, der durch die Lande wandelt, ob nun mit guten oder bösen Intentionen.
Die heutzutage bei uns bekannteste Version dieser Sage ist wohl Krabat von Otfried Preußler, auch wenn das 1971 erschienene Buch insgesamt betrachtet nur eine von vielen modernen Bearbeitungen des Stoffes ist: Gerade drei Jahre zuvor veröffentlichte Jurij Brězan seine Adaption Die schwarze Mühle.
Im Gegensatz zu den zuvor gängigen Geschichten über den Zauberer Krabat stellt Brězan in seinem Buch die Vorgeschichte in den Vordergrund. Beinahe die Hälfte des Buches beschäftigt sich mit Krabats Lehrzeit auf der Mühle und seinem wachsenden Widerstand gegen den Meister. Die Betonung liegt dabei immer auf dem Hauptbestreben des jungen Mannes: Er sucht nach Wissen, und er will alles dafür tun, dem Meister seine geheimen Bücher abzuluchsen.
Dieser erste Teil des Buches ist höchst atmosphärisch gehalten, mit einem minimalistischen, märchenartigen Stil, der eine gewisse Stimmung suggeriert, ohne sie allzu deutlich zu prägen. Er endet damit, dass Krabat gemeinsam mit seinem Mitgesellen und angenommenen Bruder Markus den Müller herausfordert und die beiden die Mühle verlassen können, nachdem ihre Mutter sie unter den Raben erkannt hat.
Ab dieser Befreiung geht das Buch allerdings über in eine märchenhaft-abstruse Verfolgungsjagd und einen nicht enden wollenden Machtkampf zwischen Müller und Gesellen. Es gibt einige gute Ideen, wie der Trick des Müllers, Krabat dazu zu bringen, seinen Bruder zu töten, doch sie gehen unter in einem banalen Kräftemessen, das mehr zu den simpleren Grimm-Märchen als zu der düsteren Krabat-Legende zu passen scheint. Gerade die Figur des Meisters ist hier enttäuschent eindimensional gezeichnet; er verwandelt und tötet seine Burschen aus reinem Vergnügen und hat nichts von der ambivalenten Vaterfigur, die er gerade bei Preußler ganz klar für Krabat innehat.
Auffallend gerade im Vergleich zu Preußlers Buch ist auch, dass viele kleine Momente in beiden Werken gemeinsam auftauchen, doch was bei Preußler schlicht gegeben erscheint, hat bei Brězan reelle Gründe: Krabat gibt dem Müller die linke Hand, weil seine Rechte sicht weigert, den Bund zu schließen; das Rad der Mühle steht still, weil es der Bevölkerung gelingt, dem Müller den Bach abzugraben.

Es ist nicht ganz klar, wie die gegenseitige Befruchtung der beiden Bücher aussah. Auch wenn Die schwarze Mühle drei Jahre früher erschienen ist, so hat Preußler doch über ein Jahrzehnt an seinem Krabat gearbeitet, so dass man wohl annehmen darf, dass beide Werke wirklich unabhängig voneinander entstanden sind.
Krabat konzentriert sich nun vollständig auf die Herkunftsgeschichte des Zauberers und seine Zeit in der Mühle – soweit, dass er hier nach seiner Befreiung selbst gar nicht mehr zaubern kann. Schauplatz ist alleine die schwarze Bühle im Koselbruch, die Lehrzeit bei dem teuflischen Müller und schließlich Auflehnung und Überwindung der schwarzen Zauberkunst. Fokus und Intention liegen in dieser Fassung auf Krabats eigenem Umgang mit der verbotenen Kunst, es ist ein Entwicklungsroman um Beziehung zu Macht, zu Verführung und Erlösung. Die Jungen sind verflucht, doch es ist vor allem ihr eigener Antrieb, der sie in den Bann des verlockenden Wissens zieht – und es ist gerade das absolut Reine, die Liebe, die sie am Ende befreien kann und der Zaubermacht ein Ende setzt.
So ist es hier auch die Kantorka, Sängerin der Osterhymne, die anstelle der Mutter die Erlösung bringt. Sie nimmt für Krabat keine Elternposition ein – das tut vielmehr der Meister selbst, der Krabat behutsam auf seinen Weg führen will. Die Kantorka ist nur heller Leitstern, an dem er sich aus eigener Kraft orientieren muss.
Krabat kann wohl mit gutem Recht als Preußlers größtes Werk beschrieben werden, und das Buch ist gerade in seiner Vielseitigkeit wirklich faszinierend. Alleine von seiner Form her ist kaum zu sagen, ob sich um ein Kinderbuch, eine Novelle, einen Roman oder eine schlichte Legendenerzählung handelt. Und folglich spricht das Werk auch ein großes Publikum an, Leser unterschiedlichster Gruppen, die das Buch jeder auf seine Lesart annehmen können.
Das Resultat sind eine Reihe von Bearbeitungen, die von Zeichentrickfilm über Fantasy-Epos bis hin zum Mittelalter-Rock-Album vielseitigste Bereiche abdecken.

Die erste größere Filmversion der Sage war Die schwarze Mühle, eine DEFA-Adaption von Brězans Buch von 1975. Es ist meiner Meinung nach klar der schwächste der drei mir bekannten Filme, und so ist es kaum erstaunlich, dass er heute eher in Vergessenheit geraten ist.
Das Problem mit dieser Bearbeitung liegt für mich darin, dass Brězan in seinem Werk sehr gut darin ist, Stimmungen zu erschaffen, ohne sie direkt darstellen zu müssen. Ein Film dagegen muss implizit alles, was er an Stimmung darstellen will, auf die eine oder andere Weise auch reell zeigen, sei es durch Regie, Kameraführung oder Musik. Und diese „leeren Stellen“ des Buches werden im Film nun auf höchst simple, DEFA-mäßige Weise dargestellt. Der Film schlägt die Richtung eines simplen Märchens ein, mit einem guten Burschen, einem klassischen bösen Zauberer, einer Liebesgeschichte im Hintergrund und dem verqueren Plot einer einfachen Abenteuererzählung für Kinder.

Nur zwei Jahre später erschien auch eine Verfilmung von Preußlers Buch; Krabat, ein altertümlicher, stilistisch extrem einfach gehaltener Zeichentrickfilm. Dieser Film ist für mich die stimmungsvollste Bearbeitung des Buches, ein bewusst klein gehaltener Film, der versucht, die einfache Seele des Buches einzufangen. Der Stil der Bilder orientiert sich direkt an den Zeichnungen des Buches, so dass die Bilder buchstäblich zum Leben erweckt scheinen. Passend dazu wird die Handlung auch rein durch Krabats Erzählerstimme getragen; außer dem Meister und der Kantorka spricht keine der Filmfiguren ein Wort.
Der Film ist bewusst einfach gehalten, und so stellt er das Buch nur sehr grundlegend dar. Gerade durch das Fehlen von Gesprächen ist es kaum möglich, tiefer in die Beziehungen zwischen den Figuren einzutauchen. Es fehlt eine Menge der versteckten (oder auch nicht so versteckten) Untertöne des Buches, und die Geschichte ist auf ihren absoluten Kern gebündelt.
Es besteht keine Frage, dass dieser Film eine andere Messlatte ansetzt als „übliche“ Bearbeitungen des Stoffes oder Buchverfilmungen allgemein. Es ist ein faszinierendes Werk, durchweg atmosphärisch und beeindruckend, doch dann auch wieder in seinem Eigenanspruch immer wieder enttäuschend niedrig gehalten.

Und dann kam 2008 eine neue Krabat-Verfilmung heraus, ein Film, der in jeder Hinsicht andere Wege einschlägt, als es seine Vorgänger taten. Diese Bearbeitung nimmt Preußlers schlicht gehaltenes Sagenwerk und füllt es aus mit dem Pomp eines modernen Fantasy-Blockbusters.
Es wäre wohl zu einfach, zu behaupten, dass dieser Film keine Seele habe. Aber unter seiner betont düsteren, ahnungsschwangeren Aura hat die einfache Symbolik der Geschichte schlichtweg keinen Raum, zu atmen. Es wurden Actionszenen eingefügt, ein durchgehender, nicht allzu subtiler Horrorfilm-Beigeschmack, und ein spektakuläres Fantasy-Element nach dem anderen. Doch während die Worte im Koraktor hier feurig glühen, stehen die Figuren blass daneben und schauen dem Geschehen zu. Am Ende stellt sich dem Zuschauer die Frage, was genau er da gerade eigentlich gesehen hat, und er wendet sich schulterzuckend wieder dem Buch zu.

Zeitnah zu dem neuen Film erschien noch eine andere, durchaus beachtenswerte Adaption von Preußlers Buch: Zaubererbruder – der Krabat-Liederzyklus, ein erzählerisches Rock-Album von ASP.

Das Projekt begann mit dem Lied „Krabat“, das auf beeindruckende Weise die Handlung des Buches mit ihren wichtigsten Punkten zusammenfasst. Was mir an dem Lied besonders gefällt ist, dass es keine allzu genaue Erklärung für den eigenen Inhalt bietet. Es könnte sich bei dem Erzähler auch gut um einen anderen der Müllerburschen handeln, oder es würde auch in einem ganz anderen mystisch behafteten Zusammenhang gut passen. Es ist beinahe schade, dass durch den klaren Titel Zusammenhang und Sinn so eindeutig festgelegt sind.
Dieses Lied stellte den Einstieg in das Projekt dar, in dem nun das gesamte Buch in fünfzehn Liedern erzählt wird. Doch Krabat ist nicht die alleinige Quelle dieses Albums, genauso schöpft die musikalische Nacherzählung aus Die schwarze Mühle und aus älteren, ursprünglichen Versionen der Sage. So ist gerade auch der allgemeiner gehaltene Name Zaubererbruder für diese eigenständige Bearbeitung eine sehr gute Wahl, wenn es auch reine Rechtefragen waren, die die Band davon abhielten, ihr Werk schlicht Krabat zu nennen.

Die erste Hälfte des Albums orientiert sich fast vollständig an Preußlers Krabat, von der Ankunft des Jungen in der schwarzen Mühle, über die Lektionen des Meisters bis zu der verbotenen Liebe Krabats zu der Kantorka. Es gibt auch hier Anleihen an Brězans Buch, wie das Zitat „Zwölf ist mein Prinzip“, doch erst mit der offenen Konfrontation zwischen Krabat und dem Meister und mit den Tode der Kantorka verlässt das Album Preußlers Wege und nähert sich den älteren Erzählungen an: Krabat verlässt die Mühle und wandert einige Jahre alleine durch die Lande, im Kopf immerzu den Gedanken an Rache und die Befreiung seiner Kameraden. Mit dem Lied „Zaubererbruder“ lehnt sich das Album wieder stark an Die schwarze Mühle und das dort vorherrschende Bruderthema an, genau wie mit Krabats Plan, die anderen Müllerburschen mit Hilfe ihrer Mütter zu befreien und seinem finalen Kampf mit dem Müller.

Diese Neufassung der Sage hat zumindest als alternative Version mit Sicherheit ihren Charme. Die Stimmung der Lieder ist bestechend, und gerade das Ende bietet in seiner abgewandelten Form einen ganz neuen Blick auf die Geschichte. Auf der anderen Seite kann man sicher argumentieren, dass durch diese Veränderungen ein gewisser Teil der Klarheit und Stringenz von Preußlers Version verlorengehen. Es ist in Krabat ja ganz unvermeidbar, dass es gerade die reine Kantorka sein muss, die Krabat und die anderen Burschen befreit – hier wirkt das Bitten der zu Hilfe kommenden Mütter eher wie ein Nebengedanke.
Doch insgesamt gelingt es dem Album, mit musikalischen Mitteln eine klare eigene Version der Geschichte zu schaffen, die sich auch mit verschiedentlich kombiniertem Inhalt harmonisch zusammenfügt. Die Lieder sind divers genug um nicht eintönig zu werden, doch passen sie allesamt gut zusammen – vielleicht mit der einen Ausnahme von „Krabat“ selbst: Das Lied, das ursprünglich als Einzelstück gedacht war, fasst ja alleine fast das ganze Buch zusammen und wirkt so zwischen den anderen, inhaltlich knapperen Stücken leicht überladen. Der Rest der Lieder ist nicht unbedingt „handlungstreibend“ wie man es beispielsweise bei einem Musical erwarten könnte, sondern die Lieder bieten generell etwas wie einen Ausblick auf einen speziellen Teil der Geschichte. So können gerade Stücke wie „Elf und Einer“ oder „Spottlied auf die harten Wanderjahre“ in sich wunderbar alleine stehen und haben jedes eine ganz eigene Dynamik, die dem Buch absolut gerecht wird. Auch die Verwendung des Volksliedes „Der Schnitter Tod“ ist eine wunderbare Idee, die sich in den von der Sage aufgespannten Rahmen nahtlos einfügt. So werden auf musikalische Weise weniger der Inhalt als viel mehr die unterschiedlichen Nuancen und Stimmungen des Buches aufgegriffen – und in seiner atmosphärischen Art ist Krabat ein dankbares Buch dafür.
Eine besondere Erwähnung verdient die Wahl des letzten Liedes des Albums, das nach dem großen Kampf gegen den Müller noch einen ruhigeren Schlusston setzt. „Am Ende“ stellt augenscheinlich die inneren Abschiedsworte des Meisters dar, der sein Leben überdenkt und sich auf seine letzte Reise vorbereitet. Alleine durch dieses aus seiner Sicht geschriebene Lied wird die gesamte vorherige Verteufelung des „schwarzen Müllers“ relativiert und in ein ganz anderes Licht getaucht: Er erzählt von seinem Leben, von Freundschaft und Liebe und seinen eigenen Anfängen als wandernder Betteljunge.
Doch das wirklich Interessante an diesem Lied ist für mich etwas anderes: Betrachtet man den Text, so könnten die Abschiedsworte bis auf eine Strophe genauso gut aus der Sicht Krabats selbst sein. Es sind nur wenige Zeilen, die sich auf den teuflischen Bund des Müllers und auf den Höllenzwang, den Koraktor, beziehen, in allem anderen gleicht sein Weg dem von Krabat aufs Haar.
Und natürlich ist es gerade dieser Unterschied, der am Ende entscheidend ist. Wie in Preußlers Roman, so wird auch hier klar, wie ähnlich sich Krabat und der Müller eigentlich sind, was für ein gutes Team sie abgegeben hätten, wäre Krabat auf das Angebot seines Meisters eingegangen. Aber es ist eben genau diese Entscheidung Krabats, die ihn vom Müller unterscheidet, und durch die er die Müllerburschen schließlich rettet.

Für mich ist Zaubererbruder die beste Adaption von Krabat neben Preußlers Werk selbst. Es ist sicher nicht die originalgetreueste Fassung des Buches, doch das zeigt eben auch, dass das in diesem Falle überhaupt nicht der Punkt ist. Es ist eine neue Version der Sage, die sich aus den verschiedenen althergebrachten Fassungen speist – eben gerade so, wie es eine Volkssage gewöhnlich tut. Und das Ergebnis ist eine würdige Bearbeitung eines wirklich faszinierenden Themas.