Venedig ist sicherlich eine der faszinierendsten und sonderbarsten Städte überhaupt. Vollkommen auf dem Wasser erbaut, bietet jedes Bild der Lagunenstadt einmalige und unverwechselbare Aussichten auf alte Kirchen, schmale Kanäle und pittoreske Gehwege. Und die Fotos der Lagunen und der goldenen Paläste mit ihrem Prunk sind ohne Zweifel weltbekannt. Aber eine andere, sehr viel interessantere Seite der Stadt liegt zur gleichen Zeit eher versteckt – um sie zu finden muss man wirklich dort hinreisen, und einen Tag nur damit verbringen, durch unerforschte Gassen zu streifen; am besten ohne Stadtplan, Zeitlimit und vor allem ohne Ziel.

Das Venedig, das dann zum Vorschein kommt, lässt sich für mich am besten so beschreiben: Was geschähe, wenn ein wahnsinniger Multimilliardär Tim Burton die Mittel zur Verfügung stellen würde, eine ganze Stadt nach eigenem künstlerischen Gutdenken zu entwerfen und aufzubauen? Ich rede hier nicht von Spiralen und schwarz-weißen Streifenmustern, sondern von dem morbiden Stil, der so viel von Burtons Werk auf ausschlaggebende Weise durchzieht. Der Künstler, der seine Freude daran hat, Flickenpuppen und halb verweste Leichen als zarte Schönheiten darzustellen, könnte keine morbidere Stadt erschaffen, als das Venedig, das sich hinter der hauchdünnen Touristenfassade verbirgt.

Ähnlich wie Burtons Leichenbraut ist Venedig schön, obwohl es offen verwest – oder auch gerade deswegen. Jeder der kleineren Kanäle und Straßenzüge ist durchdrungen von Tod und Verfall, und was in anderer Konstellation abstoßend wirken würde, hat hier einen starken, geradezu hypnotisierenden Charme. Die Fassaden sind abgeblättert, die Wege vernachlässigt und das milchig-grüne Wasser mit den darin treibenden Abfällen erinnert wenig daran, dass man sich eigentlich am offenen Meer befindet.
Die allgemeine Verwahrlosung verwundert kaum, bedenkt man, dass die gesamte Stadt quasi unter Denkmalschutz steht und es für die Einwohner somit sehr aufwändig ist, kleinere Reparaturen durchzuführen. Es ist kein Geheimnis, dass die Stadt ausschließlich vom Tourismus lebt, und folglich ein großer Teil der Randgebiete Stück für Stück ganz von den Bewohnern aufgegeben werden. Das Resultat sind einige perfekt hergerichtete Attraktions-Viertel und die Hoffnung, dass der Hauptteil der Touristen diese vorbereiteten Wege nicht verlässt. Im Übrigen ist es wohl aussagekräftig, dass der neben dem Touristengebiet am besten gepflegte Bereich die Friedhofsinsel San Michele ist.
Der Rest der Stadt ist dem Untergang geweiht, und das in mehr als einem Sinne des Wortes. Und dennoch ist diese schleichende Zerstörung keineswegs in der Lage, Venedig um seine Schönheit und seinen Reiz zu bringen – ganz im Gegenteil. Durch Hinterleben der kleinen Kanäle zu wandeln, scheint mir bei weitem beeindruckender als jedes der großen, goldummantelten Gebäude.

Diese so fesselnde Kombination von Schönheit, Verfall und Tod, die Venedig durchdringt, ist auch in der Kunst nicht unbemerkt geblieben – kein Wunder, scheinen doch Künstler und insbesondere Schriftsteller generell einen erhöhten Drang zum Morbiden zu verspüren. Es ist beeindruckend, wie gerade Thomas Manns Der Tod in Venedig und Daphne du Mauriers Wenn die Gondeln Trauer tragen die krankhafte Seite Venedigs perfekt zu Papier bringen.
Beide Werke haben als Hauptfigur einen betont nüchternen Besucher der Stadt, der im Laufe der Geschichte sich selbst immer mehr an Venedigs dunkle Seite verliert. In Der Tod in Venedig ist es Gustav von Aschenbach, ein alternder Schriftsteller, der sich trotz seiner angeschlagenen Gesundheit immer krampfhafter an dem ungesunden Klima der Lagunenstadt festhält. Der Grund ist ein junger Knabe von faszinierendem Äußeren, dessen göttliche Schönheit den alten Mann in seinen Bann schlägt – so sehr, dass nicht einmal die Warnung einer tödlichen Seuche ihn aus der Stadt vertreiben kann. In Wenn die Gondeln Trauer tragen ist es der Ehemann und Vater John, der mit seiner Frau Zeit in der Stadt verbringt, um den Tod ihrer Tochter zu verarbeiten. Während sich in Venedig die Mordfälle häufen und die Frau von zwei übersinnlich begabten Schwestern gewarnt wird, die Stadt sofort zu verlassen, sieht John mehrmals die Gestalt eines kleinen Mädchens und andere Erscheinungen, die ihn in Venedig festhalten – so lange, bis er das Geheimnis der Mordanschläge am eigenen Leib erfährt.
In beiden Werken ist es die Schönheit und der Schrecken von Venedig, die die Besucher in ihrer Mischung anziehen. Die Protagonisten scheinen auf den ersten Blick durch und durch rationale Menschen zu sein, aber mit einem fremdartigen, geradezu ungesunden Einschlag – und Venedig ist die ideale Brutstätte, diesen Einschlag zum Leben zu erwecken. Am Ende gehen beide Männer offenen Auges in den Tod: Die Nachricht von dem Serienmörder, beziehungsweise der Krankheit, ist ihnen wohlbekannt, doch sie bleiben trotzdem.
Das Schicksal der Protagonisten ist in beiden Geschichten unausweichlich und wird die gesamte Zeit angedeutet, angefangen mit den Titeln der Werke. Sowohl von Aschenbach, als auch John ziehen bei Anblick von Venedigs schwarzen Gondeln schon früh den Vergleich mit fließenden Särgen, und auch das unverlässliche Scheindasein der Stadt wird in beidem immer wieder durch Vergleiche und Assoziationen unterstrichen.
Doch nicht nur im übertragen Sinne lassen sich diese Parallelen finden; die Beziehung von Schönheit und Tod zeichnet sich auch ganz direkt in beiden Werken ab. Sowohl in Wenn die Gondeln Trauer tragen, als auch in Der Tod in Venedig tritt der personifizierte Tod in der Gestalt eines (scheinbaren) Kindes auf und lockt den erwachsenen Mann auf diese Weise ins Verderben.
Würde ich mit einem Kind nach Venedig fahren, ich würde es jeden Abend mit einem roten Mantel bekleidet auf ahnungslose Touristen loslassen …

Insgesamt treffen beide Werke den Kern der Stadt auf geradezu unheimliche Weise; die ganze Stadt ist krank, aber sie fesselt den Besucher mit ihrem Zauber und ihrer Schönheit unrettbar an sich. Venedig ist wie ein Traum, fremdartig, verlockend, doch es ist klar, dass man sich auf dieses Bild nicht verlassen darf. Unter der Oberfläche bleibt die Stadt düster und gefahrenvoll, und nicht zuletzt dem Untergang geweiht – denn heute ist ja nicht einmal klar, ob es überhaupt möglich sein wird, dieses Wunderwerk auf Dauer zu bewahren.
Vielleicht wird Venedig dem Vorbild anderer untergegangener Städte wie Atlantis oder Rungholt folgen, so dass die Gondeln und Paläste einst nichts mehr sein werden als düstere Ruinen im Meer. Dann hätte diese so schauerliche wie schöne Stätte wohl ihre endgültige Ruhe gefunden.