Bei Wolfgang Amadeus Mozart handelt es sich wohl unstrittig um eines der größten musikalischen Genies überhaupt. Der Komponist, der in seinem vergleichsweise kurzen Dasein nicht nur eine Masse an beeindruckenden Werken geschaffen hat, sondern auch in seinem Privatleben genug von sich reden machte, bietet sich für einen dramatischen Stoff geradezu an, ob nun durch seinen Status als Wunderkind, seine Reputation als Lebemann und Freigeist, seinen frühen Tod und die Tatsache, dass seine zwei letzten Werke zwei seiner genialsten sind: Die Zauberflöte und ausgerechnet ein unvollendet verbliebenes Requiem.
All das ist mehr als ausreichend, um die Gestalt von Mozart mit einer Aureole der Faszination zu umgeben, und so gibt es auch keinen Mangel an Theaterstücken, Filmen und verschiedenen literarischen Denkmälern zu seinem Leben.

Für mich persönlich die Wichtigsten davon sind die Theaterstück-Verfilmung Amadeus, das deutsche Musical Mozart! von 1999 und das französische Gegenstück dazu (zu dem ich hier etwas geschrieben habe), Mozart – L‘Opéra Rock aus dem Jahre 2009. Und dafür, dass es sich um drei völlig unabhängige Produktionen handelt, charakterisieren alle drei Werke den jungen Künstler bemerkenswert gleich: als nicht erwachsen gewordenen Kindskopf, in seinen Einstellungen geradezu subversiv, der doch gleichzeitig innerlich zerrissen mit seinem eigenen Genie kämpfen muss. Am Ende wird in allen Dreien mit der Zauberflöte und dem Requiem ein doppelter Höhepunkt gesetzt, auch wenn die Bedeutung der beiden letzten Geniestreiche jeweils sehr unterschiedlich gewichtet wird.
Aber der interessanteste Vergleichspunkt der drei Werke liegt sicher in dem jeweiligen Antagonisten, der Mozart als Bösewicht gegenübergestellt wird: Im Film und in dem französischen Musical ist es Mozarts beruflicher Konkurrent Antonio Salieri, der ihm auf unterschiedliche Weise als Gegenpart gegenübersteht, im deutschen Musical der Fürsterzbischof und frühe Mäzen des Künstlers, Hieronymus von Colloredo.
Allen drei Rollen liegt dabei das gleiche Prinzip zugrunde; ein Mann, der eine starke Antipathie gegen den unkonventionellen Mozart hegt, aber zugleich der Einzige ist, der sein wahres Genie ganz erkennt und eine missgünstige, doch tiefe Bewunderung für Mozarts Musik in sich trägt. Das ist nicht unbedingt selbstverständlich. Wenn es nur darum geht, einen Widersacher in Mozarts Leben zu finden, so könnte man schließlich einfach einen der vielen Neider darstellen, die sein Werk nie als etwas Besonderes akzeptiert haben. Aber es ist wohl so, dass ein heutiges Publikum einen solchen „Bösewicht“ (wie er in allen drei Werken in Nebenrollen auch zu finden ist) nicht wirklich ernst nehmen könnte. Um einen komplexen, interessanten Gegenpol zu Mozart zu bieten, ist es nötig, dass sich die beiden zumindest im Erkennen seines Genies auf der gleichen Ebene bewegen.

Dabei wird der Kontrast zwischen Mozart und seinem Widersacher in allen drei Variationen schon äußerlich offensichtlich: Es handelt sich jeweils um eine dunkle Gestalt, vornehmlich schwarz gekleidet und charakterlich eindeutig gesetzter, die einen scharfen Kontrast zu dem genialen Paradiesvogel bietet. Und trotz ihres doch sehr unterschiedlichen Charakters ist das Gebaren der drei Figuren sehr gleich: Sie geben sich als scharfer Kritiker, setzen sich selbst in eine antagonistische Position, und haben auf persönlicher Ebene auch allen Grund dazu – während sie auf musikalischer Ebene Mozarts größten Bewunderer darstellen, den Einzigen, der seine Musik wirklich versteht.

Interessant ist nun, wie unterschiedlich diese, vom Ansatz her so ähnliche Rolle in den drei Werken ausgebaut wird.
In Amadeus ist es schlicht eine tiefe Verehrung, die Salieri antreibt, wenn auch durch Neid und persönlichen Widerwillen verzerrt. Er würde Mozarts Genie gerne offen bewundern, aber er kann ihn als Menschen schlicht nicht ausstehen – und dafür gibt Mozart ihm auch allen Grund: Mozart achtet Salieris Musik gering, er verhöhnt ihn offen und macht auf diese Weise Salieris von ihm selbst verabscheute Mittelmäßigkeit vor aller Augen offensichtlich. Am Ende bietet die Zauberflöte nur einen Hintergrund für das Drama um Mozarts Requiem, aber auch hier wird die innere Zerrissenheit des Komponisten im Kontrast der beiden so unterschiedlichen Werke deutlich.

Verglichen mit dieser tiefen, verzweifelten Antipathie ist die Darstellung Salieris in Mozart – L‘Opéra Rock sicher sehr viel simpler. Der Grund für den persönlichen Zwist ist hier reines Konkurrenzdenken; Salieri gehört unter den Hofmusikern zur bestehenden Klasse und müht sich schlicht, den Vormarsch des Neuankömmlings zu hintertreiben. Damit ist seine Motivik um einigen einfacher, und die nur kurz angeschnittenen Hofintrigen ähneln eher einer Schulhofrangelei, bei der Salieri seinen Platz im Kreise der Coolen behalten will. Besonders deutlich wird dies bei der Zauberflöte, in der Salieri als Einziger am Hofe ein wahres Meisterstück erkennt, und mit „Victime de ma Victoire“ („Opfer meines Sieges“) doch der abfälligen Meinung der anderen folgt, um seinen eigenen Stern zu bewahren.

Die Gestalt des Colloredo in Mozart! ist sicherlich eine deutlich andere Figur, aber dennoch handelt es sich um einen bestechend ähnlichen Typus: Wie Salieri in den anderen Werken, so ist auch Colloredo hin- und hergerissen zwischen Bewunderung und Verachtung für das nonkonforme Wundergenie.
Allerdings ist hier das Rollenverhältnis ein durchweg anderes. Zwischen den zwei Männern gibt es keinerlei musikalische Konkurrenz, und der Fürsterzbischof hat Mozarts Erfolg in keiner Weise persönlich zu fürchten. Die Konkurrenz verschiebt sich hier auf ein ganz anderes Gebiet: Es ist die durchgängige Unterscheidung zwischen weltlicher Macht und göttlichem Genie, die das ganze Musical durchdringt. Nachdem sich ihre Wege getrennt haben, könnte es Colloredo völlig egal sein, was Mozart weiter treibt – doch sein Problem besteht darin, dass er gerade diese Überlegenheit des Künstlers spürt und als unerträglich empfindet. Er weiß, dass es sich um eine himmlische Gabe handelt und dass die Musik Mozarts unerreicht bleibt.
Colloredo selbst ist dem unverschämten Jüngling in dieser Hinsicht unterlegen, und er kann rein gar nichts dagegen tun. Und genau wie bei dem Widerstreit mit Salieri liegt auch hier das eigentliche Problem in Mozarts Charakter: Vielleicht könnte Colloredo das reine Genie noch akzeptieren und bewundern, aber nicht in dieser Form – nicht, wenn es in Gestalt eines derartig vulgären und kindischen Aufschneiders erscheint. Hier stellt die Zauberflöte Mozarts großen Triumphzug dar; den letzten Tropfen, den Colloredo nicht ignorieren kann, und der ihn in „Wie kann es möglich sein“ dazu bringt, seine Niederlage einzugestehen.

Alle drei Figuren sind gefangen in ihrem Widerstreit aus Bewunderung und Verachtung, dem sie nie entkommen können, und gerade deshalb stellen sie einen so starken Gegenpol zu Mozarts unbedarfter Genialität dar.
Vergleicht man Mozarts Stellung von damals mit seiner heutigen Rolle, so stellt gerade dieser Widerstreit einen interessanten Kontrapunkt zu unserer Einschätzung des Komponisten dar: Heute wird Mozart beinahe uneingeschränkt bewundert, da für uns nichts „Störendes“ von seiner Persönlichkeit mehr übrig bleibt. Man könnte nun vielleicht behaupten, dass unsere Gesellschaft aufgeklärter ist und einem unangepassten Exzentriker im Zweifel mehr verzeihen kann – doch das halte ich für eine schmeichelhafte Lüge. In Wahrheit würde Mozart heutzutage genauso stark anecken und stören; das ist gerade der Grund, warum Zeilen wie „Nur Tote Künstler sind beliebt“ in dem Lied „Hier in Wien“ so prägnant erklingen.
Der eigentliche Punkt ist der: Mozarts Musik hat die Zeiten überlebt, aber sein Charakter, seine Persönlichkeit nicht – diese lebensfreudige Seite von ihm findet sich heute wohl allerhöchstens noch in Reklamebildern für gewisse Süßigkeiten. Und ob es ihm nun gefallen würde oder nicht, heute hat Mozart schlichtweg keine Möglichkeit mehr, sich durch seine aneckende Art selbst zu sabotieren. Somit ist alles, was am Ende bleibt, reines, körperloses Genie.