Diese Woche ist Merida auf DVD und Bluray erschienen, und nach jedem Anschauen des Films ist meine Meinung gefestigter: Bei Merida handelt es sich wirklich um eine würdige neue Disney-Prinzessin – gerade aus dem Grund, dass sie genau das offensichtlich nicht sein will.

Die allgemeine Meinung zu Pixars neuestem Werk scheint weithin zu lauten „wieder ein Prinzessinnen-Film aus dem Hause Disney“ – alternativ auch formuliert als „jetzt hat sich Pixar gänzlich an Disney verkauft“. Ein Großteil der Rezensionen könnte einen unbedarften Leser vermuten lassen, dass Filme, die eine ungestüme Prinzessin in der Hauptrolle und weit und breit keinen männlichen Helden bieten, heutzutage wie Sand am Meer zu finden sind.
Natürlich ist es das Stigma des „Prinzessinnenfilms“, das Pixar in diesem Fall zu schaffen macht. Alleine die Assoziation mit Disneys in den letzten Jahren mehr und mehr in Verruf geratener Princess-Line reicht für einen großen Teil der Kritiker aus, um dem Film jeden Anspruch auf Originalität abzusprechen. Hier und dort konnte man offen die Frage lesen, warum Pixars erste weibliche Heldin ausgerechnet eine Prinzessin sein muss – dabei ist die Antwort einfach: Genau aus dem Grund, dass Märchenfilme mit mehr oder weniger seichten Liebesgeschichten die unumstrittene Domäne von Disney sind, ist Meridas Stellung in ihrem Film und in Pixars Gesamtwerk so wichtig. Pixar fordert das Mutterstudio auf seinem ureigenen Terrain heraus, um zu beweisen, dass selbst ein „Prinzessinnenfilm“ sich allen Konventionen erfolgreich entziehen kann. Man muss die Disney-Tradition nicht à là Shrek in den Dreck ziehen; es genügt, sie zu hinterfragen und zu etwas wirklich Anderem weiterzuentwickeln.

Denn schaut man sich die Geschichte von Merida an, so ist sie wirklich alles andere als gewohnt oder formelgetreu. Natürlich gibt es auch andere aufsässige Heldinnen im Disney-Universum, mit denen sich die schottische Reiterin vergleichen lässt; vor allem der Freigeist Arielle oder die Kämpferin Mulan kommen einem in den Sinn, die sich beide (wenn auch auf völlig unterschiedliche Weise) genau wie Merida nicht den Konventionen und Rollenbildern unterordnen wollen, in die sie hineingeboren sind. Und für Arielle wie auch für Mulan geht es schließlich um Selbstverwirklichung; sie erkämpfen sich ihren Platz in der Welt, indem sie ihre Umwelt verändern.
Veränderung ist es auch, was Merida sich wünscht, aber in ihrem Falle ist es mit einem gewonnenen Kampf oder einem einfachen Zauberspruch damit nicht getan, und ihre Versuche, sich ihrer Umgebung aufzuzwängen, sind es erst, was das eigentliche Problem des Films auslöst. Denn der Hauptfokus liegt ja nicht in Meridas Versuch, sich ihrer Verehrer zu entledigen, sondern in den Schwierigkeiten zwischen ihr und ihrer Mutter – eine Beziehung, die im Disney-Kosmos geradezu sprichwörtlich vernachlässigt wird.

Das Verhältnis zwischen Merida und Elinor ist nicht nur in seiner Art ein Novum, sondern scheint gleichzeitig so perfekt getroffen, dass es nicht verwundert, dass die beiden autobiographische Züge der Regisseurin Brenda Chapman und ihrer Tochter tragen. Die Probleme zwischen Mutter und Tochter sind realistisch dargestellt, ihre Liebe ist echt und dem Ende gelingt es, motivierend zu wirken, ohne eine aufgedrückte Moral über Freiheit oder Emanzipation mit sich zu bringen.
Ein wichtiger Punkt für die Beurteilung gerade dieses Aspekts des Films ist für mich nebenbei die Frage nach Meridas Alter. Bei animierten Figuren ist dieser Punkt generell zu schwer zu bestimmen, da es neben Größe und den sekundären Geschlechtsmerkmalen äußerlich wenig gibt, wonach man sich richten kann. Ich persönlich denke, der Zuschauer ist gut beraten, Merida trotz ihrer Statur ein Alter von rund dreizehn Jahren zu unterstellen, da es genau das ist, was ihr Verhalten am besten erklärt und unterstreicht. Sie ist nicht erwachsen genug, um ihren Platz ohne fremde Hilfe zu finden, doch mit Sicherheit ist sie nicht mehr das unmündige Kind, das ihre Mutter sich vielleicht wünschen würde.

Die zweite Hälfte des Filmes muss sich generell eher den Vergleich mit einem anderen Disney-Meisterwerk gefallen lassen, nämlich Bärenbrüder: Genau wie dort wird ein Mensch in einen Bären verwandelt, auf dass er sich ändern soll, und genau wie dort kommt zu dem inneren Dilemma noch die äußere Gefahr eines Bärenjägers, der seinen Bruder beziehungsweise seine Frau in der neuen Gestalt nicht erkennt. Aber damit hören die Gemeinsamkeiten auch schon auf, und macht man sich die Mühe, Merida als eigenständiges Werk zu beurteilen, sieht man schnell, dass diese Parallelen für die eigentliche Handlung keine große Rolle spielen.
Ich habe die Meinung gehört, der zweite Akt von Merida sei einfach die kurze Bärenbrüder-Szene, in der Kenai verzweifelt versucht, sich der Schamanin verständlich zu machen, und das auf einen ganzen Film ausgewalzt. Doch gerade das ist ja der Punkt des Filmes: Weit mehr als in Bärenbrüder geht es für Merida und Elinor genau darum, sich zuzuhören und zu verstehen; es ist ein anderer Fokus, und somit eine völlig andere Bedeutung, die den Verständnisproblemen zwischen Mensch und Bär, zwischen Mutter und Tochter zuteilwerden muss.
So seltsam es auch scheint, wusste die Hexe ascheinend doch sehr wohl, was sie mit ihrer Verzauberung tat: Genau dadurch, dass die beiden nun nicht mehr miteinander reden können, sind sie zum ersten Mal wirklich gezwungen, einander zuzuhören. Auf diese Weise lernt Elinor die Vorzüge des kämpferischen Lebens ihrer Tochter kennen und Merida strengt sich im Schloss zum ersten Mal an, die diplomatische Rolle ihrer Mutter auszufüllen. Die perfekte Kombination beider Lebensstile ist am Ende erreicht, als Merida durch den Wald galoppiert und gleichzeitig auf dem Rücken ihres Pferdes den Wandteppich wieder zusammennäht.

Aber selbst das ist nur der halbe Weg, um den Fluch schließlich zu brechen. Natürlich war der Rat der Hexe nicht einfach wörtlich zu nehmen, soviel dürfte jedem filmerfahrenen Zuschauer schnell klar gewesen sein. Doch für mich war es nur umso beeindruckender, wie die Entzauberungsszene schließlich gelöst ist. Mehr Mut als zum Kämpfen oder Reiten braucht Merida für etwas anderes: Sie gibt ihren Fehler zu, sie entschuldigt sich. Der englische Titel des Films, Brave, spricht das eigentliche Thema der Geschichte an, das sonst im Film selbst eher nur angedeutet wird. Es geht um Tapferkeit, darum, was Merida wirklich tun muss, und was sie aufzugeben bereit ist.
Die Stichszene für all dies ist wohl Meridas Rede vor den versammelten Clan-Häuptlingen. Im Wald hatte sich Elinor ihrer Tochter untergeordnet, doch hier ist es Merida, die sich an die Lehren ihrer Mutter erinnert, und die wahrhaft tapfer ist, um das Richtige zu tun. In diesem Moment erst kann Elinor Merida wirklich zuhören und sie verstehen; beide wachsen aneinander, und nur so gelingt es ihnen, die beidseitigen Probleme zu lösen.
Es ist keine typische Selbstverwirklichungs-Szene, wie man sie bei der Grundkonstellation des Films vielleicht erwartet hätte. Es geht nicht darum, dass Merida mit ihren Fähigkeiten den Tag rettet – das hatte sie während des Bogenturniers schon versucht, ohne damit an ihrer Lage etwas ändern zu können. Hier geht es darum, miteinander zu reden, sich zu verstehen, und sogar zurückzustecken, wenn es wirklich nötig ist. Und das ist Tapferkeit.