Das großangelegte Western-Spektakel Lone Ranger stellt Disneys diesjährigen (leider spektakulär gescheiterten) Versuch eines erfolgreichen Sommer-Blockbusters dar. Und sieht man sich die Hauptverantwortlichen des Filmes an, so wird klar, dass die Trailer-Ankündigung „von dem Erfolgsteam von Fluch der Karibik“ durchaus begründet ist: Erneut haben sich hier Produzent, Regisseur, Komponist, die beiden Drehbuchschreiber, und nicht zuletzt der Hauptdarsteller (denn nichts anderes ist Johnny Depp schließlich in Disneys Augen) zusammengetan, um einem eingeschlafenen Abenteuerthema neues Leben einzuhauchen. Ach ja, und ganz nebenbei ist dabei auch der gleiche Film dabei herausgekommen.
Um die beiden Filme zu vergleichen, kann man direkt mit dem Umfeld der Geschichte beginnen. Es handelt sich um eine noch junge, unfertige Zivilisation, in der sich Gesetz und Banditen in stetem Kampf gegenüberstehen, während im Hintergrund eine dritte Gruppe (Indianer bzw. die „guten“ Piraten) einfach in Freiheit leben möchte.
Der Zuschauer erfährt diese instabile Welt durch die Augen des eigentlichen Helden, eines jungen, gesetzestreuen Bürgers, noch unerfahren, aber durchaus fähig, seinen Mann zu stehen. Emotional gebunden ist er durch seine große Liebe seit Kindheitstagen, die allerdings auf Grund ihres familiären Standes unerreichbar erscheinen muss.
Kurz nach Beginn des Filmes wird der Held in eine erste Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse mit hineingezogen, in der er auf einen anderen, höchst exotischen Gegenstreiter trifft, der buchstäblich einen Vogel hat (oder wenigstens im Namen trägt) – nennen wir ihn Johnny. Auf den ersten Blick wird klar, dass es sich bei Johnny um eine außergewöhnliche Gestalt handelt, seltsam und äußerst unkonventionell. Und während der Held (und vielleicht der Zuschauer) anfangs glaubt, Johnny sei ein typischer Vertreter seiner Art, so wird im Laufe des Films klar, dass er auch unter den Indianern/Piraten einen absoluten Ausnahmefall darstellt.
Da die beiden klar auf unterschiedlichen Seiten stehen, gibt es zwischen ihnen zu Beginn einige Kontroversen und der Held sorgt dafür, dass Johnny im Gefängnis landet, doch spätestens in dem Moment, als die Banditen sein geliebtes Mädchen entführen, muss er notgedrungen mit Johnny zusammenarbeiten, um sie zu retten. Johnny, der sich in der Wildnis perfekt auszukennen scheint, fungiert dabei als eindeutige Führungsgestalt. Er verfügt über die nötige Straßenschläue und Gerissenheit, um sich überall durchzumogeln und auch wenn er zum Thema Eigentumsverhältnisse einen etwas freieren Zugang hat, machen seine Gaunereien doch einen so fairen Eindruck, dass man ihm nicht böse sein kann. Außerdem wird eine gewisse Schwäche gegenüber Prostituierten angesprochen, vor allem, wenn diese die Farbe Rot als Name und Thema gewählt haben.

Irgendwann gelangen die unfreiwilligen Waffenbrüder in die Hände von Johnnys Kameraden, und spätestens hier wird klar, dass Johnny nach allgemeiner Meinung wirklich spinnt (was keineswegs abwertend gemeint ist). Auch die Vorgeschichte des schrägen Vogels wird dabei erzählt, und es wird klar, dass gerade er einen persönlichen Groll gegen den Bösewicht und Banditenanführer hegt: Einst brachte dieser ihn dazu, ihm den Weg zu einem riesigen Schatz zu zeigen – doch zum Dank wurde Johnny verraten und seiner Heimat beraubt. Seitdem ist Johnny überzeugt, dass ebendieser Schatz den Verräter mit einem Fluch belegt und zu einem Monstrum gemacht hat.
Nun sind die Bösen wiederum auf dem Weg zu dem Schatz, und mit ihnen die Liebste des Helden (auch wenn klar wird, dass sie sich dabei zumindest um ihre Tugend keine Sorgen machen muss). Eilig verfolgen der Held und Johnny sie weiter, wobei immer wieder zum Ausdruck kommt, dass dieses Band nur notgedrungen geknüpft ist, und auch der Held keine Skrupel hat, Johnny wo möglich im Stich zu lassen. Als sie die Banditen schließlich erreichen, kommt es zu einem großen Gefecht, das zwischen zwei parallel fahrenden Gefährten ausgetragen wird, inklusive mehrerer Seitentäusche und der ungewöhnlichsten Schussobjekte. Endlich bekommt Johnny in einem unerwartet ernsthaften Moment Gelegenheit zur Rache, und der Held lernt, seine überzogenen Prinzipien zugunsten selbstgefasster Moralvorstellungen fallenzulassen.
Am Ende stehen sich Johnny und der Held endlich als vollwertige Kompagnons gegenüber. Noch einmal erhält Johnny Gelegenheit, den Behörden durch seine Gerissenheit ein Schnippchen zu schlagen, und dann endet der Film mit einem triumphalen Zug in die Freiheit, deren Stellung als einzig zu erstrebende Lebensart offen propagiert wird.
Ende.

Um eine Sache klarzustellen: Ich empfand Lone Ranger als einen tollen Film, und ich habe mich seit über zwei Jahren nicht mehr so im Kino amüsiert. Sicher hat er einige logische Problemstellen – besonders herausstechend war für mich die Zugsequenz, in der zwei Zuggleise über viele Meilen hinweg parallel verlaufen, nur um dann wieder zusammenzuführen – aber insgesamt empfand ich den Film als grandioses Popcornkino, dass dieses Kassen-Disaster beileibe nicht verdient hat.
Ja, ich stehe zu meiner Meinung, dass der Film als „Fluch der Karibik im Wilden Westen“ perfekt beschrieben werden kann – aber warum eigentlich nicht? Es gibt in Hollywood genügend billige Abkupferungen, und ich habe nichts dagegen, einmal eine vollwertige Kopie eines genialen Filmes zu sehen, die sogar von denselben Machern geschaffen wurde. Und mit Sicherheit will ich mich nicht den Kritikern anschließen, die in Tontos Rolle eine Gelegenheit sehen, Johnny Depp wieder einmal vorzuwerfen, er würde immer nur die gleiche Figur spielen. Natürlich spielt er seine exzentrische Rolle wieder einmal voll und ganz aus, doch wen sollte das stören? Die charakterlichen Ähnlichkeiten zwischen Tonto und Jack Sparrow sind in etwa so groß wie die zwischen dem Typus Indianer und Pirat – beides sind heute vergangene Abenteuerfiguren, die ferne Welten und fremde Moralvorstellungen symbolisieren, doch damit hören die Gemeinsamkeiten schon auf. Es sind zwei unterschiedliche Rollen, die durch eine jeweils geniale Umsetzung von Johnny Depp verbunden sind (in Tontos Fall durch David Nathans Synchronstimme leider nur äußerst mäßig nachgeahmt).

Ich muss sagen, ich habe nichts dagegen, wenn es einen meiner absoluten Lieblingsfilme jetzt noch einmal gibt; in einem neuen Umfeld, mit dem Überschwang der FdK-Fortsetzungen und in 3D. Nur dass es am Ende doch der gleiche Film ist, bleibt für mich unbestreitbar …