Romeo und Julia dürfte William Shakespeares berühmtestes Stück sein, mit Sicherheit jedenfalls sein bekanntestes und die eine Liebesgeschichte, von der das Publikum offensichtlich nie genug bekommen kann. Neben den verschiedensten Opern-, Ballett- und Filmadaptionen, klassisch wie modern, existiert mit West Side Story ja auch seit langem eine sehr erfolgreiche Musicalversion des Stoffes – auch wenn ich persönlich einige Probleme habe, Bernsteins Klassiker als auch nur annähernd würdige Umsetzung von Shakespeare zu betrachten.
Die gerade in Amerika andauernde Beliebtheit von West Side Story hat die Franzosen aber zum Glück nicht davon abgehalten, 2001 ihre eigene Musicalversion des Klassikers ins Rennen zu schicken: Roméo & Juliette – de la Haine à l‘Amour von Gérard Presgurvic.

Sucht man nach Unterschieden, was die Handlung des Musicals im Vergleich zu seinem klassischen Ursprungsmaterial angeht, so fällt vor allem auf, dass Tybalt hier einiges mehr an Charakterisierung erhält: In dieser Version ist er selbst heimlich in Julia verliebt und hat damit einen noch sehr viel direkteren Grund, Romeo und dessen erwiderte Liebe zu verabscheuen. Eine andere Neuerung liegt darin, dass in dieser Version fast jeder von der verbotenen Romanze weiß – eine eher nebensächliche Veränderung, die gerade richtig ist, um einen zusätzlichen Konflikt zwischen Romeo und seinen Freunden zu schaffen.
Doch generell bleibt die Handlung des Musicals dem Original durchweg treu und erkennt an, dass Shakespeares Meisterwerk kaum eines inhaltlichen Wandels bedürfen sollte.

Was die Musik angeht, so muss man zugeben, dass es sich um eine Liebesgeschichte par excellence handelt: Es gibt hier alleine neun von den beiden Hauptdarstellern gesungene Liebeslieder. Generell bin ich kein großer Fan von Liebesliedern in Musicals, zu oft laufen sie auf uninspirierte Schmalzstücke hinaus, denen man anhört, dass sie nur pflichtweise eingefügt wurden. Anders hier: Trotz der beachtlichen Anzahl von romantischen Liedern fühlen sie sich allesamt als perfekt an ihren Platz gehörig an, und es sind kaum ein oder zwei nicht ganz so mitreißende Titel darunter. Auch musikalisch wird die Zusammenstellung von romantischen Stücken nicht langweilig, denn jedes hat seine eigene Stimmung, das die Handlung auf seine Weise perfekt begleitet. Man könnte sich alleine die Riege der Liebeslieder anhören, um die Stimmungswandlungen der Geschichte durchgehend mitzuerleben.
Doch das Musical wird beileibe nicht nur von den Liebesliedern definiert; auch die restlichen Stücke sind zu einem erstaunlich hohen Prozentsatz absolute Volltreffer – ob nun mitreißend wie „Vérone“ („Verona“), leichtherzig wie „Les beaux, les laids“ („Die Schönen, die Hässlichen“), oder tragisch wie „Duo du Désespoir“ („Duett der Verzweiflung“). Das absolute Highlight liefert aber zweifelsohne „Les Rois du Monde“ („Die Könige der Welt“), die große, sorgenfreie Selbstdarstellung von Romeo, Mercutio und Benvolio, die durch die allgegenwärtige Tragik des Endes nur umso tiefgreifender wird:

Generell ist auch erwähnenswert, dass es dem Musical gelingt, seine Handlung ganz in die Musik zu verpacken. Es gibt hin und wieder zwar gesprochene Passagen, doch die sind inhaltlich bedeutungslos und dienen eher der Auflockerung; alle handlungswichtigen Szenen sind ganz in die Dramatik des Gesangs verpackt. Besonders eindrucksvoll gelingt dies in der großen Konfrontationsszene zwischen Tybalt, Mercutio und Romeo ab „C‘est le jour“ („Dies ist der Tag“).

Die Inszenierung des Stückes ist bewusst nicht klassisch gehalten, und das wohl zu Recht – die charakteristisch puffigen Kostüme der Zeit würden neben der modernen Musik und der Tragik der Geschichte womöglich nicht ganz die richtige Stimmung erzeugen. Das heißt jedoch nicht, dass das Musical unter den Problemen so vieler moderner Inszenierungen leidet, die oft trist, langweilig oder schlichtweg lächerlich erscheinen.
Die Bemühungen, den Stil der dekadenten, kurzlebigen Stadt zu visualisieren, sind hier mit beeindruckendem Erfolg gekrönt: Mit den aufwändigen Kostümen aus paillettenbesticktem Leder, den langen Mänteln und angerissenen Kleidern wird auf den ersten Blick das richtige Bild geschaffen. Dabei entsteht durchaus auch die Assoziation von historischer Würde und Alter, doch sicher niemals von etwas Altmodischem. Und auch der Kontrast der beiden verfeindeten Familien wird durch die roten und blauen Kostüme ohne jeden Zweifel sofort deutlich.
Gemeinsam mit den surreal angehauchten Kulissen ergibt sich ein perfektes Gesamtbild, in dessen Rahmen sich die ikonische Liebesgeschichte so traditionsbewusst wie frisch entfalten kann. Zweifelsohne handelt es sich dabei zuallererst um ein gewaltiges Spektakel, das sich jedoch zu jeder Zeit selbst durch und durch ernst nimmt. Das Ergebnis ist ein wunderbarer Augenschmaus, und gerade in den häufigen Tanzszenen weiß man als Zuschauer kaum, wo man nun als Nächstes hinschauen soll.

All diesen Faktoren ist es zu verdanken, dass Roméo & Juliette nicht nur in Frankreich zu einem großen Erfolg wurde, sondern auch weltweites Exportmaterial abgab. Unter anderem lief das Musical als Romeo & Julia auch in Wien, und ein inoffizieller Proshot dieser Produktion ist vergleichsweise einfach zu finden:


Doch obwohl die deutschsprachige Version sicher nicht schlecht ist, so kann sie es doch, gerade was die Texte angeht, nicht mit dem Original aufnehmen. Die französischen Texte sind oft blumig und überbordend, aber insgesamt passen sie doch immer noch perfekt zum romantisch-tragischen Inhalt des Stückes.
Bei dem tapferen Versuch, diesen Stil so getreu wie möglich zu übernehmen, gerät die deutsche Fassung allerdings oft an den Rand des Kitschig-Lächerlichen. Die ikonische Balkon-Szene, die Julia auf Französisch mit der Zeile beginnt „À quel étoile, à quel dieu je dois cet amour dans ces yeux?“ („Welchem Stern, welchem Gott verdanke ich die Liebe in seinen Augen?“), erhält in der deutschen Übersetzung einen geradezu kindischen Unterton: „Welch‘ Liebespfeil, welch‘ Amor hebt mich in Himmelshöh‘n empor?“. Sicher, die Übertragung ist generell nicht schlecht, aber insgesamt kommt sie eben nicht an die Poesie des Originals heran.

Auch in anderer Hinsicht hinkt die deutsche Produktion stark hinter der französischen hinterher: Im Original ist der wohl genialste Regieeinfall der Inszenierung der, den im Stück allgegenwärtigen Tod als weißen Todesengel die ganze Zeit auf der Bühne anwesend zu haben. Sie beobachtet das Geschehen, kokettiert mit Mercutio und versucht ganz direkt, Romeo zu verführen. Auf diese Weise bleibt trotz des oft leichtherzigen Inhalts die Tragik der Geschichte allseits deutlich, doch das auf eine so lyrische Weise, dass es jederzeit absolut perfekt zu passen scheint.
In der deutschen Version fehlt diese Todesinkarnation ganz, vielleicht nur wegen des Genus des Wortes „Tod“, vielleicht aber auch, weil man in Wien eine solche Figur unweigerlich mit dem anderen Musical vergleichen würde. Doch was auch der Grund ist, es nimmt dem Stück einen spürbaren Teil seines Charakters und liefert für mich den letzten Grund, dass ich die französische Urversion definitiv bevorzuge.

Nach seinem großen internationalen Erfolg ist das Musical schließlich wieder nach Frankreich zurückgekehrt: 2010 gab es eine Neuinszenierung mit dem neuen Untertitel Les enfants de Vérone.
Die Veränderungen, denen sich Musik und Inszenierung unterwerfen mussten, scheinen insgesamt dazu ausgelegt, die Show sich noch realistische und härter anfühlen zu lassen. Die Kulissen sind weniger stilisiert und asymmetrischer, die Lieder sind zum Teil neu arrangiert und vor allem „La demande du mariage“ („Der Heiratsantrag“) wurde von einem leichtherzigen Comedy-Stück zu einer tragischen Frauenklage umgeschrieben.
Was die Charakterisierung der Figuren angeht, so hat vor allem Mercutio eine spürbar neue Richtung eingeschlagen. Während er in der alten Inszenierung als Romeos treuer, wenn auch etwas leichtsinniger Freund eine vergleichsweise unauffällige Rolle einnahm, zeigt er sich hier als tollkühner Lebemann, der fortwährend mit dem blanken Wahn zu liebäugeln scheint. Entsprechend dazu erhält er mit „Je rêve“ („Ich träume“) ein neues Lied und „La Folie“ („Der Wahnsinn“) wurde wieder eingefügt.

Auch der Tod selbst hat eine ähnliche Richtung eingeschlagen: Gerade in den Szenen mit Mercutio wirkt sie nun selbst eher wie der personifizierte Wahnsinn. Wenn ihr irres Lächeln auch hilft, die bedrohliche Stimmung des Stückes weiter zu unterstreichen, so geht dadurch doch ein guter Teil der Schicksalsschwere verloren, weshalb ich persönlich diese Veränderung eher als Verlust empfinde.
Doch insgesamt halten sich die beiden Inszenierungen des Musicals erstaunlich gut die Waage, und wenn ich das musikalische Arrangement und das Liebespaar der Urversion auch bevorzuge, so gelingt es doch den neuen Besetzungen von Mercutio und Tybalt, die Show ganz für sich zu vereinnahmen.

Meine Wertung:

Musik                  3/3
Geschichte          3/3
Inszenierung      3/3


Bei Roméo & Juliette handelt es sich durchweg grandioses Musical, das es nicht umsonst zu einem weltweiten Erfolg geschafft hat. Es ist eine würdige Adaption von Shakespeares Stück, die alle anderen Bearbeitungen weit in den Schatten stellt, und die, wenn nicht in sprachlicher Hinsicht, so doch in jeder anderen dem Meisterwerk absolut ebenbürtig ist.