Wenn man bei uns von Musicaltheater spricht, so kommen einem wohl als Erstes die großen Webber-Arien in den Sinn, die Menge der amerikanischen Musical-Filme oder auch die deutschen, eher dramatischeren Werke wie Elisabeth oder Der Tanz der Vampire. Woran hierzulande kaum jemand denkt, sind die große Vielfalt an französischen Musicals, die nur eine kurze Strecke von uns entfernt alljährlich durch Paris und Frankreich touren. Denn wenn es sich nicht gerade um den Überraschungsstar Les Misérables handelt, bleiben die Werke unserer Nachbarn zu einem Großteil erstaunlich unbeachtet – eine Tatsache, der ich mit dieser Artikelreihe ein wenig Abhilfe zu schaffen hoffe. Vorhang auf für die Comédies Musicales!

Beginnen werde ich diese Reihe mit einem absoluten Klassiker der französischen Literatur, der jetzt schon Musicalgeschichte geschrieben hat: Notre-Dame de Paris, bei uns bekannter als Der Glöckner von Notre-Dame.
Während Victor Hugos Mittelalterepos bei uns eher durch Disneys Verfilmung und die darauf basierende Musicaladaption musikalischen Ruhm erlangt hat, hat der Zeichentrickfilm außer einigen Grundelementen doch nicht mehr allzu viel mit dem klassischen Original gemein. Folglich mussten sich die Franzosen einige Jahre später also selbst um eine angemessene Musical-Adaption kümmern.
Das großangelegte Musicalspektakel Notre-Dame de Paris von Luc Plamondon und Richard Cocciante feierte seine Premiere 1998 in Paris und zog daraufhin einen für seine Umstände beeindruckenden Siegeszug durch verschiedene Sprachen rund um die Welt an. Wie bei den meisten aktuellen französischen Musicalproduktionen ist neben mehrerer CDs auch eine Filmaufnahme der gesamten Show auf DVD erhältlich – und da diese sogar über deutsche Untertitel verfügt, gibt es keinen Grund, sich diese Produktion nicht auch als weniger frankophiler Musicalfreund anzuschaffen.

Das Musical folgt dem Inhalt von Hugos Roman sehr genau: Von der allgemeinen Rahmengeschichte des verstoßenen Buckligen im Glockenturm, des zölibatären Priesters und seiner schicksalshaften Liebe zu der schönen Zigeunerin, über all die kleinen Details der vielen Nebenhandlungen bis zur genauen Darstellung der einzelnen Charaktere ist das Gesamtwerk auf beeindruckende Weise in den engen Zeitrahmen einer Theaterproduktion kondensiert worden. Solange man Hugos Roman mag, ist an dem Inhalt des Musicals folglich nichts auszusetzen – interessant bleibt die Frage, wie der schwere Stoff in den Liedern musikalisch umgesetzt ist.
Notre-Dame de Paris ist durchkomponiert und kommt, im Gegensatz zu den allermeisten französischen Musicals, vollkommen ohne Sprechpassagen aus. Auch hier wird sehr schnell die beeindruckende Originaltreue des Musicals deutlich, stammt ein großer Teil der Liedtexte doch direkt aus den Dialogpassagen des Buches. Doch die Gefahr dieser extremen Verbeugung ist offensichtlich, denn gerade in den handlungstragenden Rezitativen wird sie nicht selten zu einer – wenn auch gerade noch gelungenen – Verrenkung; die gesprochenen Stellen lassen sich eben nicht immer problemlos zu Liedtexten umwandeln.
Was die Musik selbst angeht, so ist sie größtenteils wunderbar geeignet, um die Handlung atmosphärisch zu unterstreichen; quasi wie ein allumfassender Soundtrack. Die Stücke erinnern von ihrem Stil her großteils an französische Chansons und einige Lieder wie Gringoires großer Prologauftritt „Les Temps des Cathedrales“ („Die Zeit der Kathedralen“) oder Quasimodos, Frollos und Phoebus gemeinsames Liebeslied „Elle“ („Sie“) haben in Frankreich mittlerweile allgemeinen Kultstatus erreicht.
Insgesamt könnte man allerdings beklagen, dass die Schwerpunkte der Emotionen teilweise seltsam verteilt sind – zum Beispiel erhält Phoebus mit „Déchiré“ („Zerrissen“) ein überraschend starkes Lied, dass von seiner Ausdruckskraft her eher zu Frollos inneren Dämonen gepasst hätte.

Natürlich kommt man bei einer Bewertung der Musik schwer um den Vergleich mit Disneys Werk herum – und in diesem Falle muss man zugeben, dass zumindest der geniale Soundtrack des Zeichentrickfilms die Emotionen weit grandioser zu übertragen weiß als der eher ruhige Stil der Musicallieder. Esmeralda hat mit „Vivre“ („Leben“) ein wehmütig-dramatisches Lied, das von Céline Dion als „Live for the one I love“ groß herausgebracht wurde, aber Frollo kann trotz mehrerer großer Momente nichts vorweisen, das sich auch nur annähernd mit „Das Feuer der Hölle“ vergleichen lässt. In anderen Fällen wie dem Hof der Wunder bieten beide Werke mit verschiedenen Liedern äußerst unterschiedliche Interpretationen derselben Szene, ohne dass eines dem anderen eindeutig überlegen wäre.

Generell weist das Musical einen sehr groben Stil auf, der durchaus zu Hugos dunkler Beschreibung des mittelalterlichen Paris passt. Für die Inszenierung wurde versucht, einen ähnlich rauen Look zu schaffen – mit eher zweifelhaftem Erfolg. Kostüme und Kulissen sind betont karg und modern, doch statt eine eigene sinnvolle Umgebung für die Geschichte zu schaffen, erinnert die inszenatorische Arbeit eher an die eines bemühten Kunsttheaters und hat Probleme, die nötigen Gefühle der Geschichte zu vermitteln.
Natürlich ist es schwer, ein Musical auf Bühne zu bringen, in dem die atemberaubende Architektur von Notre-Dame derart im Vordergrund steht – der Vergleich mit dem Original muss einfach notgedrungen scheitern. Aber schaut man sich die deutsche Bühnenversion des Disneyfilms an (oder selbst die neue Disneyland-Show Disney Dreams!), so wird offensichtlich, dass man mit einem engagierten Bühnenbild einiges tun kann, um die gigantische Wirkung der Kirche zumindest ansatzweise in Erinnerung zu rufen.
Das Musical Notre-Dame de Paris hat dagegen eine völlig andere Richtung eingeschlagen. Die Inszenierung ist vollkommen abstrakt gehalten, die Kathedrale selbst wird nur durch einen gewürfelten Hintergrund und einige bewegte Stelen dargestellt. Meiner Meinung nach nimmt diese karge Kulisse dem Spiel einen Großteil seiner emotionalen Kraft, und wenn Frollos Fall von der Kathedrale am Ende nur abstrakt angedeutet (und auf der DVD in Zeitlupe wiederholt) wird, so ist die Wirkung beinahe lächerlich.

Insgesamt lautet also meine Gesamtbewertung:

Musik                   2/3
Geschichte           3/3
Inszenierung       0/3

Es handelt sich alles in allem um ein grandioses Musical und die Gesamtaufnahme ist unbedingt hörenswert – wenn auch die DVD der Vorstellung dank der Inszenierung weit hinter ihren Möglichkeiten zurücksteht. Eine Verfilmung des Musicals in originalgetreuen Kulissen wird, so verlockend der Gedanke auch scheint, wohl eher ein Wunschtraum bleiben, zu gering scheint dann doch für ein wirklich großangelegtes Projekt die Besuchermasse. Ansonsten wäre eine Aufnahme einer neuen Inszenierung absolut wünschenswert – und ich träume weiter von einer Freilicht-Vorstellung auf dem Platz vor Notre-Dame vor dem Hintergrund der echten Kathedrale.