Da mit Mozart! schon seit einiger Zeit ein deutschsprachiges Musical existiert, das das Leben des genialen Komponisten ganz annehmbar vertritt, war ich anfangs eher zurückhaltend, als ich von dem französischen Gegenentwurf hörte, der 2009 in Paris seine Premiere feierte: Mozart – L‘Opéra Rock

Doch das erste Anhören der Lieder hat mich sofort überzeugt, mir DVD und Musicalkarten für die Rockoper, wie sie sich selbst nennt, zu besorgen. Die Musik (die eine Koproduktion verschiedenster Künstler darstellt) ist schlichtweg genial, auch wenn (oder gerade weil) ich zugeben muss, dass ich anfangs von den Texten so gut wie nichts verstehen konnte. Ich kann die Gesamt-CD dieser Show wirklich nur jedem ans Herz legen, völlig egal, ob die entsprechenden Französisch-Kenntnisse vorhanden sind, oder nicht – die Lieder sind wirklich so gut.

Zur Geschichte des Stückes: Wie schon gesagt bietet das Leben Mozarts eine große Menge an unterschiedlichstem Material. Man kann es als persönliches Drama erzählen, als Lebensgeschichte eines Genies von Kindheit an mit eingeflochtenem Liebesdreieck. Oder man könnte die Sache von einer ganz neuen Warte anschauen, zum Beispiel so wie es der Film Amadeus tut, der sich mit dem neidischen Konkurrenten Salieri auf eine ganz andere, außen stehende Bezugsperson fokussiert.
In Mozart – L‘Opéra Rock hat man nun kurzerhand versucht, alle diese Sichtweisen zu vereinen. Von seiner Jugend bis zum Tod zeigt das französische Musical Mozarts gesamten Lebensweg und bemüht sich, die Geschichte des jungen Genies von jeder möglichen Perspektive aus zu beleuchten. Und genau darin liegt der größte Schwachpunkt des Musicals: Es lässt sich für keine seiner Seiten die nötige Zeit und weiß am Ende selbst nicht, was es ist.

Der erste Akt konzentriert sich auf Mozarts Jugend, angefangen mit dem ersten Zerwürfnis mit seinem Brotherrn Erzherzog Colloredo, über die langwierige Suche nach Arbeit und seine Romanze mit Aloysia Weber (einschließlich eingeworfenen Liebesdreiecks), die Reise nach Paris und Mozarts andauernden Erfolgsdruck, den Tod seiner Mutter und schließlich die Rückkehr und Aloysias Zurückweisung. All diese Entwicklungen, die gerade angerissen werden, würden emotional definitiv genug Material für ein eigenes Werk bieten.
Der zweite Akt gibt dann quasi 1:1 die Handlung des Theaterstücks Amadeus wieder, nur dass auch hier genug Material für einen knapp dreistündigen Film in einen einstündigen Musical-Akt gestopft wird. Salieri hat einige großartige Lieder, und durch die beiden wundervollen Darsteller ergibt sich eine faszinierende Kontrahenten-Beziehung zwischen ihm und Mozart – nur dass eben in keiner Weise genug Raum vorhanden ist, diese Beziehung atmen zu lassen. Es bleibt keine Zeit für Entwicklung und Charakterisierung, wenn zusätzlich zu diesem Erzählstrang noch Mozarts Karriere beschrieben, seine Liebe zu Constanze etabliert, seine Beziehung zu seinem Vater abgeschlossen und schließlich sein Tod vorbereitet werden muss.
Die Tragik an der ganzen Sache ist, dass die Lieder für all dies definitiv genug hergeben würden. Wie ich schon sagte, ist die Musik der Show schlichtweg grandios, und das in jeder Hinsicht. Manche Stücke sind schon von sich aus rein musikalisch über jeden Zweifel erhaben, wie „L‘Assasymphonie“ (etwa „Die Attentats-Symphonie“), andere brillieren gerade über den Text, wie „Le Bien qui fait Mal“ („Das Glück, das schmerzt“). Auf jeden Fall sind in den Liedern sämtliche Emotionen vorhanden; jede Figur wird charakterisiert und erhält ihre eigenen Glanzpunkte. Das Problem liegt nur an der Geschichte selbst: Es handelt sich bei der Struktur um Stückwerk, bei dem eilig von Lied zu Lied gehetzt werden muss, immer nach dem Schema Aufbau – geniales Lied – Szenenabschluss.
Es ist nicht so, dass dieses Problem die Musik selbst beeinträchtigen würde. Die Lieder kommen allesamt voll zu ihrem Recht – es ist nur das Musical als Gesamtwerk, das durch dieses Manko beeinträchtigt wird. Gerade das ist wohl auch der Grund, warum die Lieder als aufwändige Musikvideos auch alleine so perfekt funktionieren.

Zur Inszenierung ist wenig zu sagen; sie passt genau zum modernen und doch klassisch gehaltenen Stil der Show und unterstreicht die Lieder perfekt. Wie schon im Musical Mozart! wurde versucht, eine geradezu avantgardistische Stimmung zu schaffen, die trotz ihrer Modernität doch an Mode und Umfeld des achtzehnten Jahrhunderts erinnert. Doch dabei treibt das französische Musical es noch um einiges weiter als sein deutschsprachiger Cousin; Kostüme und Kulissen sind wahrhaft spektakulär und passen in ihrer Extravaganz ideal zum Stil der Show – und zum hier dargestellten Stil von Mozart selbst.

Damit sieht meine Gesamteinschätzung folgendermaßen aus:

Musik                  3/3
Geschichte          2/3
Inszenierung      3/3

Insgesamt hat Mozart – L‘Opéra Rock es wirklich geschafft, den Überschwang von Mozart selbst und seiner Musik einzufangen. Ein riskantes Unterfangen: Der Versuch, auf musikalischem Wege an Mozarts Werk selbst heranzureichen, gleicht schließlich an sich schon einem Sakrileg (und das ist auch der Grund, warum man es im deutschen Musical bewusst nicht darauf angelegt hat).
Doch hier war man schamlos gerade auf eine solche, musikalische wie stilistische Annäherung an das Genie aus – und das Ergebnis ist genial. Die Lieder klingen gerade so, wie Mozart heute vielleicht komponieren würde, mit dem gleichen Überschwang und der gleichen Kraft. Nichts erscheint dabei passender, als die klassischen Originalmelodien, die immer wieder in den Kontext der Musik eingebunden sind und eine perfekte Symbiose ergeben. Und immerhin sind die meisten von Mozarts größten Opern selbst schließlich auch nicht für ihre durchdachte Handlung bekannt.
Wenn das Bestreben, an Mozart heranzureichen, an sich schon eine Frechheit ist, so hat sich diese Frechheit hier voll und ganz ausgezahlt.