Es heißt, Musicals seien immer Adaptionen – und der Grund dafür ist nicht schwer zu erkennen; bei den üblichen Eintrittspreisen ist es schwer, das Publikum für ein unerprobtes Thema zu begeistern. Wenn eine Bühnenshow nicht auf bestehenden Werken basiert, so sind historische Begebenheit oder Personen eine immer wiederkehrende Inspirationsquelle, umso mehr, wenn es sich um berühmte Blaublüter handelt. Und die berühmtesten Könige der französischen Geschichte sind zweifellos Louis XIV und Louis XVI. Zu dem Leben – genauer gesagt dem Tod – von Zweiterem existieren jede Menge gerade musikalische Adaptionen, 2005 bekam nun auch Ersterer mit Le Roi Soleil von Kamel Ouali eine moderne, großangelegte Bühnenversion

Das Musical gibt die Geschichte von Louis XIV wieder, angefangen von seiner Krönung und der anfänglichen Bevormundung durch seine Mutter und Kardinal Mazarin, und erzählt von verschiedenen Kriegen, Aufständen und Liebesgeschichten, die den Monarchen auf seinem Weg zum uneingeschränkten Sonnenkönig von Frankreich begleiten. Dabei kommt ein derartiges Werk natürlich nicht ohne gewisse Freiheiten aus; ob es die Volksaufstände sind, die hier einen geradezu revolutionär-romantischen Charakter haben, die Rolle des Herzog de Beaufort, der zum Mann in der Eisernen Maske wird, oder die verschiedenen, mehr oder weniger verklärt dargestellten Liebesbeziehungen. Zusätzlich könnte man dem Werk vorwerfen, dass die politische Relevanz von Louis XIVs Regierung unterschlagen wird, da es sich generell vor allem auf das Gefühls- und Liebesleben des Königs fokussiert. Aber trotz solcher Kleinigkeiten bemüht sich das Musical durchweg, ein historiengenaues Bild des Sonnenkönigs abzugeben.

Doch dieses eigentlich vorbildliche Vorgehen stellt gleichzeitig die größte Schwachstelle von Le Roi Soleil dar – das nüchtern erzählte Leben eines Monarchen, so bedeutsam er historisch auch sein mag, bietet nun einmal nicht unbedingt eine gute Geschichte. Wenn man sich zu der undankbaren Aufgabe entschließt, eine historische Zeitspanne realistisch wiederzugeben, sollte diese idealerweise mit einer herausstechenden Idee gewürzt werden, wie es zum Beispiel das deutsche Vorzeigemusical Elisabeth auf geradezu geniale Weise geschafft hat – oder man benötigt wenigstens das Fingerspitzengefühl, aus einer ausgestreckten Lebensgeschichte genau die richtigen Eckpunkte herauszugreifen, um eine runde Geschichte zu erzählen.
Stattdessen bietet das Musical oft das Gefühl, dass es sich eher um eine Doku als um ein Drama handelt. Louis findet in der Bürgerlichen Marie Mancini seine erste große Liebe, mit der er ein paar rührende Lieder singt, nur um sie nach ihrer Verbannung durch die Königinmutter sofort wieder zu vergessen. Über die standesgemäßen Heiraten des Königs wird lapidar hinweggegangen, und auch die eingeflochtene Aufruhr-Thematik wird nur kurz angerissen, dabei sollten gerade solche Themen doch eigentlich absolut perfektes Theater-Material abgeben. Wenn der König am Ende glücklich mit Françoise d‘Aubigné, der wiederum bürgerlichen Gouvernante seiner unehelichen Kinder vereint ist, hat man als Zuschauer aber kaum das Gefühl, für dieses Ziel seien große Hürden überwunden worden – dafür bleiben sowohl die einzelnen Figuren als auch vor allem ihre Beziehung zueinander viel zu blass.

Betont realistisch sind auch die Kostüme und angedeuteten Kulissen, und da wir hier von Zeit des Sonnenkönigs reden, stellt dies einen eindeutigen Pluspunkt dar. Der Regisseur und Choreograph Kamel Ouali hat sich sichtlich Mühe gegeben, sämtliche Angehörige der höfischen Welt angemessen herauszuputzen und in eine Versaill‘sche Luxuswelt zu stecken – und diesen Aufwand sieht man dem Werk an.
Dann bleibt noch die Musik, und diese ist größtenteils leider ebenso blass wie die Geschichte selbst. Der französische Solosänger Christophe Maé, der Philipp, den Bruder Königs spielt, hat es geschafft, sich mit „Ça marche“ („So läuft es“) und „Vice Versailles“ die zwei Ohrwurm-mäßigsten Lieder zu sichern und wurde dafür zurecht gefeiert. Der Rest der Stücke ist nett und geht nach mehrmaligem Hören auch gut ins Ohr, doch befindet sich zumindest für meinen Geschmack kein einziger wirklicher Hit darunter. Und so ist meine Wertung:

Musik                  1/3
Geschichte          1/3
Inszenierung      2/3

Ich persönlich muss sagen, dass Le Roi Soleil für mich ein insgesamt eher durchschnittliches Musicalerlebnis darstellt. Es feierte seinerzeit in Frankreich einen doch beachtlichen Erfolg – zu einem gewissen Teil vielleicht auch durch Nationalstolz begründet – aber seitdem scheint die Show eher in der Versenkung verschwunden zu sein, und ich gebe zu, dass ich sie absolut nicht vermisse.