Das Leben von Kleopatra VII, der letzten Königin Ägyptens (und einer von zwei weiblichen Herrschern des Landes) bietet seit über zweitausend Jahren Material für Berichte, Theaterstücke, Romane, Filme und verschiedenste musikalische Bearbeitungen. Zu faszinierend ist die Geschichte ihrer kurzen Herrschaft und ihres Bundes mit zweien der mächtigsten Männer ihrer Zeit, und zu verlockend die Möglichkeit, Kleopatra immer wieder verschiedenste Motive und Charakterzüge unterzuschieben – von der männerfressenden Kurtisane über die Strategin bis zur ehrlich verliebten Gattin Cäsars und Mutter seines Sohnes.
Die Version, die als Cléopâtre, la dernière reine d’Égypte 2009 von Kamel Ouali als Musical inszeniert wurde, bietet eine einigermaßen ausgewogene Mischung all dieser Einflüsse; das Leben der Königin von ihrer ersten Begegnung mit Cäsar bis zu ihrem Tod wird als fulminantes Spektakel präsentiert, das die Bekanntheit der Geschichte mit großen Schauwerten ausgleicht. Ohne Kleopatra je wirklich zu verdammen, werden ihre Bemühungen um die Gunst von Cäsar und später Marcus Antonius dabei als höchst strategische Entscheidungen dargestellt, bei denen die junge Frau ihre naturgegebenen Mittel ohne Skrupel einsetzt.

Eine der entscheidendsten Abweichungen des ansonsten sehr geschichtsgetreuen Musicals ist dabei das Alter Cäsars: Aus dem Fünfzigjährigen wird hier ein junger Mann in seinen Zwanzigern, der kaum älter zu sein scheint als Kleopatra selbst. Auch wenn die beiden dadurch ein ansehnliches Liebespaar darstellen, wird die gesamte Struktur der beinahe-Dreierbeziehung stark gestört. Cäsar und Marcus Antonius sind quasi gleichberechtigte Partner, und statt dass Kleopatra und Marcus Antonius nach Cäsars Ermordung um den älteren Führer und Patron trauern, scheinen sie hier eher einen gemeinsamen Freund verloren zu haben – eine Veränderung, die ihre spätere Liaison sehr viel weiter in den Bereich des Betruges Cäsar gegenüber stellt.
Cäsars Neffe Oktavian wird, wie eigentlich immer aus Kleopatras Sicht, als Feigling und Nutznießer des mächtigen Onkels dargestellt. Dagegen bekommt Oktavia, seine Schwester und spätere Frau von Marcus Antonius, hier eine erstaunlich tiefe Charakterisierung. Sie wird nicht wie gewöhnlich zum blassen Konkurrenzbild Kleopatras, sondern darf gerade während ihres Liedes „Je serai ton ombre“ („Ich bleibe dein Schatten“) die Sympathien ganz auf ihre Seite bringen.
Auch Ptolemäus, Kleopatras jüngerer Bruder und Konkurrent um den Thron, bekommt in dem Musical seinen eigenen Moment mit dem Lied „Main dans la main“ („Hand in Hand“), das ihn zwar gewohnt unleidlich darstellt, aber dennoch Gelegenheit für einen großen Showauftritt lässt.

Generell kann zu der Inszenierung des Musicals sagen, dass man sich bemüht hat, Pracht und Reichtum des alten Ägyptens überzeugend für das heutige Publikum aufzubereiten. Vergleicht man die Show mit der anderen aktuellen musikalischen Umsetzung von Kleopatras Geschichte, dem tschechischen Musical Kleopatra, wird der Ansatz noch eindeutiger: Während sich das tschechische Stück bemüht, die antike Welt in einer klassischen Art und Weise auf die Bühne zu bringen, haben die Franzosen mit Cléopâtre ein riesiges Spektakel aufgezogen, das mit Kostümen, Kulissen und aufwändigen Tanzeinlagen seine Zuschauer zu umwerben sucht.
Speziell erwähnenswert ist vor allem das Ende, bei dem Kleopatras erzwungener Selbstmord durch Schlangengift nicht nur mit „Pour nous“ („Für uns“) eine dramatische musikalische Untermalung erhält, sondern vor allem von Kleopatras Spiel mit einer echten Schlange begleitet wird.

Zu der Musik kann man sagen, dass sie generell genau das ist – eine musikalische Untermalung, die geeignet ist, die Show passend zu begleiten. Als alleinstehende Musicallieder dagegen begeistern sie nicht unbedingt; es sind zwar einige Ohrwürmer darunter, doch braucht es dafür mehrfaches, bewusstes Anhören. Auch bemüht sich die Musik nur am Rande, den altägytischen und römischen Stil auch in den Liedern einzufangen, sondern klingt größtenteils eher nach moderner Popmusik.

Meine Wertung:

Musik                  1,5/3
Geschichte          3/3
Inszenierung      2/3

Insgesamt stellt Cléopâtre, la dernière reine d’Égypte trotz seiner ernsthaften Thematik und des tragischen Endes kein wirkliches Drama-Musical dar, dafür liegt das Augenmerk zu sehr auf den reinen Showeffekten. Betrachtet man das Ganze aber als genau das, als großartiges Spektakel, so weiß die Show durchweg zu überzeugen.