Nachdem das Musicals Roméo & Juliette sich als riesiger Erfolg herausstellte, versuchte Komponist Gérard Presgurvic, das gleiche Konzept zwei Jahre später noch einmal umzusetzen. Wieder handelte es sich um eine weithin bekannte Liebesgeschichte: Diesmal ist es Margaret Mitchells Südstaatendrama Vom Winde verweht, das mit Autant en emporte le Vent in eine aufwändige Show verpackt wurde.

Die Parallelen zu Roméo & Juliette sind dabei allzu deutlich spürbar: Lieder wie „Le Bien contre le Mal“ („Gut gegen Böse“) könnten von der Musik wie vom Inhalt her direkt aus dem Vorgängerwerk stammen. Es ist ganz eindeutig der gleiche Stil, leidenschaftlich und mitreißend – eine Mischung, die zwar an sich sicher nicht schlecht ist, aber das Musical in gewisser Weise einer eigenen Identität beraubt. Und genau das ist vielleicht generell das Problem der Show: Was ihr fehlt, ist eine wirklich eigene Identität. Schon das Cover des Musicals bemüht sich nicht, eigene Assoziationen zu erwecken, sondern bedient sich ganz der Bildsprache des Hollywood-Films.
Dabei müsste sich das Werk in vielerlei Hinsicht überhaupt nicht hinter seinem „großen Bruder“ verstecken. Scarlett selbst wird gespielt von der Tochter des Komponisten, Laura Presgurvic, und man kann wohl sagen, dass sie zwar über Charisma verfügt, aber (anders als eine Vivian Leigh) keine klassische Schönheit darstellt – und gerade damit ist sie für die Rolle ideal geeignet. Der erste Satz von Mitchells Roman lautet „Scarlett O‘Hara war nicht eigentlich schön zu nennen“, und diese Einschätzung, zusammen mit der implizierten Aussage über ihre Ausstrahlung, passt wunderbar auf die trotz allem höchst verführerische Scarlett des Musicals.
Rhett Butler seinerseits ist gutaussehend, charismatisch, und wenn er auch etwas zu jung für die Rolle erscheint, so füllt er die großen Fußspuren doch perfekt aus.

Die Musik des Stücks ist durchgehend wunderschön, aber dennoch bleibt der Eindruck, dass Musik und Texte für dieses Thema zu kitschig sind. Während Presgurvics Stil für Roméo & Juliette geradezu perfekt war, schießt er dieses Mal in seiner gefühlsbetonten Art allzu oft über das Ziel hinaus. „Elle“ („Sie“), Rhetts große Liebesballade, ist an sich schön, aber sie trifft nicht wirklich, was man von Rhett Butlers Gefühlen erwartet. Im Musical gesteht er Scarlett zwar von Anfang an offen seine Liebe, aber auch wenn man diese Veränderung mit einbezieht, scheint sein Liebeslied doch zu plakativ und schlichtweg kitschig für die Figur zu sein.
Gerade die Nebenfiguren sind dagegen meist perfekt getroffen, sowohl was das Äußere angeht, als auch insbesondere in ihren Liedern. Gerade in Melanies „Que le Vent m‘Emporte“ („Soll der Wind mich verwehen“) und Ashleys „Scarlett“ gelingt es, das Innenleben dieser auf den ersten Blick womöglich blassen Figuren tiefgreifend zu erleuchten und im Zuschauer Sympathie zu erwecken.
Auch was die nötigen Kürzungen der Geschichte betrifft, zeigt das Musical ein gutes Händchen. Während selbst der Film mit seinen vier Stunden Laufzeit Mühe hatte, das Buch vollkommen umzusetzen, gelingt diese Leistung der Show hier in zweien. Die Geschichte wird ohne große Vereinfachungen erzählt und sämtliche Schlüsselszenen erhalten ihren gebührenden Raum, auch wenn sie, wie bei „Je jure“ („Ich schwöre“), teilweise in einem leicht abgeänderten Kontext erscheinen. Die stärkste Kürzung besteht darin, dass Scarletts gesamte zweite Ehezeit mit Frank Kennedy fehlt und das Musical von ihrer Verführung direkt zu ihr als trauernder Witwe springt. Mit diesem erstaunlich konsequenzlosen Überspringen hat man sich gleichzeitig um das pikante Thema der Nachkriegsprobleme und speziell des Ku-Klux-Klans (den im Buch sowohl Ashley als auch Rhett unterstützen) elegant herumgemogelt.
Dies führt mich zu dem Problem, dass den Roman aus heutiger Sicht generell durchzieht: Die Frage, wie die schwarzen Sklaven und ihre Rolle während und nach dem Bürgerkrieg dargestellt werden. Im Musical wird dieses kontroverse Thema bewusst in den Vordergrund gezogen und in zwei eigenen Liedern behandelt, „Être Noir“ („Schwarz sein“) und „Tous les Hommes“ („Alle Menschen“), ohne jedoch die eigentliche Geschichte um Scarlett irgendwie anzupassen. So entsteht das Gefühl, man hätte das Problem eben noch „abhandeln müssen“, ohne dass es der Geschichte dient und die Lieder erscheinen wie rein politisches Kalkül.

Zur Inszenierung bleibt zu sagen, dass sie wohl nicht allzu viele Möglichkeiten geboten hat – nachdem einmal der Weg eingeschlagen wurde, sich auf die Bildsprache von Buch und Film zu beziehen, musste man sich wohl auch inszenatorisch in etwa an das halten, was das Publikum erwartet. Natürlich gibt es gewisse künstlerische Freiheiten, wie die, dass der Umgang mit den weiblichen Unterröcken bewusst um einiges freier ist, als geschichtlich passend wäre, doch das sind Feinheiten. An sich macht das Bühnenbild durchgehend den Eindruck, als würde es sich um eine provisorische Kulisse für den Film handeln.

Meine Wertung:

Musik                  2/3
Geschichte          3/3
Inszenierung      2/3

Insgesamt fühlt sich das Musical oft nicht ganz wie ein wirklich einheitliches Werk an; sie erinnert eher an eine Art musikalische Illustration des Buches. An den Einzelteilen ist eigentlich durchgehend wenig auszusetzen, aber dennoch bleibt das Ergebnis in allem an seine Vorbilder – Buch und vor allem Film – angelehnt. Es handelt sich zweifellos um eine wunderschöne Show, die ich mir immer wieder begeistert anschaue, und doch habe ich nie das Gefühl, dass Autant en emporte le Vent wirklich auf eigenen Beinen steht.