Die Französische Revolution ist eines der historischen Ereignisse, von dem die Menschen bis heute nie genug hören können. Wenn sie auch um einiges brutaler und zur gleichen Zeit sinnloser ablief als der nur wenige Jahre vorher stattfindende amerikanische Unabhängigkeitskrieg, so scheint der folgenschwere Aufstand der Franzosen bis heute doch mehr Flair zu besitzen – oder auf jeden Fall mehr Anreiz, ihn wieder und wieder in allen Einzelheiten auszuleuchten.
Natürlich gibt es hier eine riesige Vielzahl von künstlerischen Bearbeitungen und gerade von Musicals. Das in Deutschland wohl Bekannteste ist das ganz nette Stück Marie Antoinette, das sich bemüht, dieses große Drama aus allen Perspektiven so gut es geht zu beleuchten. Aber nach dem schon etwas älteren Werk La Revolution Française gibt es jetzt auch wieder eine neue französische Adaption: 1789 – Les Amants de la Bastille

Was die Musik dieses Musicals angeht so hatte ich eine lange Zeit, mich in die Melodien einzuhören – und das ist hier auch nötig. Keines der Lieder ist bei erstem Hören ein direkter Treffer. Es gibt einige nette Stücke, aber der Großteil der Musik wird erst nach langem Nebenher-Reinhören interessant.
Aber neben ihrer Beliebigkeit ist zu bemerken, dass die Lieder an sich rein gar nichts über die Geschichte aussagen. Und gerade hier handelt es sich um ein einziges Stückwerk: Die notwendigsten Fakten werden hastig angerissen; in plötzlicher Detailverliebtheit wird eine Vielzahl an historischen Personen hineingeworfen, ohne dass man sich Zeit und Mühe machen würde, sie richtig einzuführen oder gar ihre Bedeutung zu klären.
Das an sich wäre vielleicht gar nicht so schlimm, wenn sich der Inhalt rein auf die Historie beschränken und diese damit lebendig machen würde. Aber stattdessen konzentriert sich das Musical auf das Schicksal eines fiktionalen Liebespaares – den titelgebenden „Geliebten der Bastille“ – die, aus verschiedenen sozialen Schichten stammend, die Revolutionsanfänge auf ganz eigene Weise wahrnehmen. Doch was eine interessante Geschichte hätte sein können, wird hier in seiner Kürze und Abgerissenheit nur lächerlich. Die tragische Hintergrundgeschichte des Jungen, ihre Liebe, der Klassenunterschied – alles wird angerissen, als sollte es den Zuschauer berühren, aber niemals kommt eine wirkliche Bindung zu den hastig gezeigten Figuren zustanden, und so wirkt das ganze Drama in Wirklichkeit nur nervig.
Dazu kommt ein tonaler Zwist, der die gesamte Produktion durchdringt. Es handelt sich um ein ernstes Thema, es will auch irgendwie ernstgenommen werden, aber dennoch konnten die Schaffer nicht widerstehen, wie für den Notfall an allen Enden komödiantische Einschübe hineinzubringen. Diese stellen nicht nur immer wieder eine krasse Unterbrechung dar, sondern sie haben auch mit der eigentlichen Handlung nichts zu tun und wirken so als vollkommene Fremdkörper. Das beste Beispiel dafür ist eine heimliche Flucht aus der Bastille, die dramatisch wirken sollte, hier aber in einem reinen Scoobydoo-Stil inszeniert wurde.
Die eine geniale Szene des Musicals ist „Je vous rends mon âme“ („Ich gebe euch meine Seele“) der angedeutete Tod Marie Antoinettes, inklusive schemenhaft gezeigten Fallbeils. Lied und Szene sind wundervoll atmosphärisch und insgesamt einfach stimmig, gerade weil hier keine klare, reale Darstellung, sondern eine emotionale Interpretation geboten wird.
Dabei wird allerdings nicht klar, was diese Szene nun genau darstellt – ist es Traum, Vorahnung oder Vorschau? Die echte Hinrichtung kann es kaum sein, es sei denn, diese wäre hier um vier Jahre und mehrere Herrschaftsabschnitte vorgezogen. Aber es ist klar, warum diese Vorverlegung notwendig ist: Man wollte das Musical ja mit dem Sturm auf die Bastille beenden, um dieses ikonische Datum als großes Finale bringen zu können.
Hier gibt es nun eine großartige Schlacht, die nichts mit der Realität zu tun hat; aus dem Nirgendwo kommt ein kurzfristig reingedrücktes tragisches Ende und eine große finale Nummer, bei der Franzose um Franzose sich auf die Schulter klopft um zu demonstrieren, was für ein großartiges Werk hier doch vollbracht wurde. Keine Frage, es würde nur stören, diesen Moment jetzt mit Tatsachen von Terrorherrschaft oder adeligen Massenmorden zu unterbrechen – von daher ist es für den leicht schockierbaren Zuschauer nur gut, wenn die böse Todesszene nun schon aus dem Weg gebracht ist.

Was Kostüme und Kulissen angeht, so bietet sich hier ein schon durch viele Produktionen bekannter Standard. Bei generell historischer Aufmachung konnte man es sich nicht verkneifen, immer wieder moderne Einflüsse einzubringen, wie um das Ganze stilistisch aufzulockern. Das Ergebnis ist allerdings kein eigener Stil wie beispielsweise bei Mozart – L‘Opéra Rock. Höchstens im ersten Auftritt Marie Antoinettes kommt so etwas wie ein ganz eigener Flair heraus, ansonsten versinkt jede stilistische Entscheidung in beliebigem Einerlei.
Ja, 1789 – Les Amants de la Bastille ist eine große Produktion, aber insgesamt bleibt sie eben alles in allem unterer Durchschnitt.

Musik                  1/3
Geschichte          0/3
Inszenierung      1/3

Insgesamt muss ich sagen, es ist interessant, wenn mit Marie Antoinette eine deutsche Produktion die Französische Revolution historiengetreuer und bei weitem überlegener zum Musical macht, als die Franzosen das schaffen – aber wenn die dafür eine bessere Mozart-Interpretation geliefert haben, warum nicht?
1789 – Les Amants de la Bastille ist eine nette Idee, und wer danach sucht wird auch den einen oder anderen Vorzug für sich entdecken, aber im Großen und Ganzen handelt es sich um eine durch und durch vergessenswerte Produktion.