Der Glöckner von Notre-Dame, Victor Hugos großer historischer Roman, bildet seit beinahe zweihundert Jahren den Inbegriff einer allumfassenden Tragödie. Auch wenn die Disneyverfilmung längst nicht die einzige Adaption ist, die die Geschichte bedeutend weniger grausig enden lässt – im Original nimmt wirklich jede einzelne Figur ein tragisches Ende – so hat doch keine der Bearbeitungen irgendetwas an diesem Status zu ändern vermocht.

Auch wenn die meisten Übersetzungen des Titels Quasimodo zur Hauptfigur deklarieren, hat die Geschichte doch eigentlich einen anderen Angelpunkt: In Wirklichkeit dreht sich die gesamte Handlung um Esmeralda. Sie ist die einzig wichtige Frauengestalt des Buches, und für jeden der Männer bildet durchgängig sie alleine den Handlungsimpuls.
Esmeralda ist sicher nicht die unschuldige, perfekte Hauptfigur, zu der sie in den Bearbeitungen oft erklärt wird. Sie ist simpel und oberflächlich, benimmt sich Phoebus gegenüber schmerzlich naiv und ist zu Quasimodo und zu Frollo geradezu grausam. Aber dennoch ist sie immer noch die mit Abstand zarteste, reinste Figur des Romans.
Und genau das ist das Problem: Die Tragik von Esmeralda liegt darin, dass sich die Sechzehnjährige schlicht in der falschen Geschichte befindet. Sie hält sich für die jungfräuliche Hauptfigur ihres eigenen Märchens und sie wartet sehnlich auf ihre einzig wahre Liebe, ihren Traumprinzen, der sie aus ihrem niederen Leben entführen wird.
Doch nicht hier. Hugos Mittelalter ist eine zutiefst grausame Welt, ein Ort, an dem kein Platz für Ideale übrig ist. „La Esmeralda“ ist eine einfache Zigeunerin und von ihr wird erwartet, dass sie sich dieser Position entsprechend verhält. Wenn sie sich an ihre Umgebung anpassen würde, so wäre alles für sie in Ordnung und sie würde unbeschadet aus der Geschichte herauskommen, wenn auch mit einer vielleicht nicht mehr ganz so reinen Tugend.

Im Disneyfilm ist das Ende positiv, und der Grund liegt genau in dieser Übereinstimmung von Verhalten und äußerer Erwartung. Zum einen ist es eine bessere Welt, die Esmeralda hier bewohnt: Hier gibt es für sie in Phöbus einen perfekten Ritter in strahlender Rüstung. Doch vor allem ist sie hier eine echte Zigeunerin, schlagfertig und straßenschlau.
Sieht man sich die alten Illustrationen von 1844 an, so sieht man darauf ein zartes Geschöpf, eher die klassische Jungfer denn ein Zigeunerweib – sie scheint nicht zu der Erwartung zu passen, die man an dieses heute ikonische Zigeunermädchen hat. Eben wie Esmeralda mit ihrem Buch-gegebenen Charakter nicht wirklich in ihre Rolle passt.
Im Roman hat sie sogar einen guten Grund dafür, sich mit ihrem simplen Zigeunerhintergrund nicht zu identifizieren: Esmeralda ist in Wirklichkeit ja ein im Säuglingsalter vertauschtes Mädchen. Sie scheint die Reinheit und die romantischen Vorstellungen, die ihre Mutter sich für ihre Zukunft ausmalte, quasi mit der Muttermilch aufgesogen zu haben. Und sie besitzt sogar eine physische Erinnerung daran, in Gestalt eines smaragdgrünen Säckchens, das sie an ihr ursprüngliches Schicksal erinnert. Nun allerdings ist Esmeralda eine Zigeunerin, und es wäre an ihr, sich auch entsprechend zu verhalten – doch genau das tut sie nicht; sie weist den unglücklichen Frollo ab und verschmäht jede sich ihr bietende Hilfe.

Der Roman ist kein Märchen, hier gibt es für die Jungfer in Nöten keinen Märchenprinzen. Für eine Zigeunerin könnte es in dieser Welt einen guten Ausgang geben. Für Esmeralda besteht das einzig mögliche Ende in einem reinen Heldentod.