Joseph Loseys Film Don Giovanni von 1979 ist eine der bekannteren Opernverfilmungen, und eine, die allgemein als vorbildliche Umsetzung gilt. Wenn man nach einem Grund sucht, etwas an der Verfilmung auszusetzen, so gibt es wirklich höchstens den Vorwurf, dass die Inszenierung durchweg auf der sicheren Seite bleibt: Man hat Mozarts Meisterwerk genommen und in einem altherrschaftlichen, prunkvollen Rahmen klassisch umgesetzt, ohne irgendwelche größeren Experimente oder Risiken einzugehen. Es liegt nun am Geschmack des Zuschauers, ob solch eine Entscheidung als angenehm oder bedauerlich eingestuft wird.


Die Inszenierung von Don Giovanni lebt und atmet aus der Besetzung der Hauptfigur, und gerade in diesem Punkt hat der Film mit Ruggero Raimondi einen absoluten Glücksgriff getan. Der knapp Vierzigjährige stellt keinen typischen Frauenhelden dar, keinen jungen Gigolo, wie man ihn mit der Rolle des Don Juan vielleicht verbindet. Er wirkt bei weitem älter, gesetzter und ist nicht einmal klassisch gutaussehend, doch er besitzt ein Charisma ohnegleichen, und niemand wird daran zweifeln, dass er seine Rolle voll und ganz ausfüllen kann. Dies ist ein Don Giovanni, der nicht nur die Frauen verführt, die insgeheim verführt werden wollen, sondern gerade die Standhaften gegen ihren erklärten Willen bezwingen kann.
Gerade neben dem männlichen Hauptdarsteller zeigt sich der Rest der Besetzung allerdings als vergleichsweise blass. Die drei weiblichen Gegenspielerinnen sind allesamt zufriedenstellende Sängerinnen und Schauspielerinnen, die auch äußerlich zu ihren Rollen passen, doch eine besondere Entdeckung ist nicht unter ihnen; im Gegenteil wirken sie durch ihr ähnliches Aussehen oft geradezu austauschbar, was durch Kostüme und Inszenierung noch unterstrichen wird. Man könnte vielleicht argumentieren, diese Entscheidung solle bewusst die Tatsache unterstreichen, dass Don Giovanni sich von allen drei Frauen angezogen fühlt (oder fühlte), doch diese Erklärung wirkt reichlich strapaziert und lässt ihn im Gegenteil blasser dastehen, als es die Rolle verdient. Gerade Zerlina, die durch ihren bäuerlichen Hintergrund einen wunderbaren Kontrast zu Donna Elvira und Donna Anna darstellen sollte, wird durch die herrschaftliche Kleidung vollends ihrer Identität beraubt. Auch die Entscheidung, die Damen mit Perrücken auszustatten, die von Szene zu Szene wechseln, macht die Unterscheidung nicht einfacher und führt dazu, dass Anna und Elvira schwer auseinanderzuhalten sind.
Auch die anderen männlichen Rollen sind mit soliden, doch nicht herausragenden Darstellern besetzt – die Ausnahme stellt vielleicht Leporello dar, der seinen Part als Don Giovannis Diener diensteifrig ausführt und Donna Elvira die Liste ihrer Vorgängerinnen mit geradezu eigenem Erobererstolz vorträgt. Fraglich bleibt nur, warum für die Rolle ein Darsteller gewählt wurde, der so eindeutig kleiner ist als Don Giovanni selbst. Denn wenn sich der Film auch Mühe gibt, die sowieso schon schwierige Verwechslungsszenerie der beiden einigermaßen glaubwürdig zu inszenieren, so scheitert jedes Darauf-Einlassen des Zuschauers spätestens daran, dass sich die Frauen nicht zu erinnern scheinen, ob ihr Liebhaber nun kleiner oder größer war als sie selbst …

Was die Statue des toten Komturs angeht, so hat man sich entschieden, die Möglichkeiten des Films im großen Finale auszunutzen. Es ist hier wirklich eine unbewegliche Statue, die Don Giovanni auf spukhafte Weise verfolgt und die singt, ohne den Mund zu bewegen – eine Inszenierung, die die Szene vielleicht reeller erscheinen lässt, aber deshalb nicht unbedingt realistischer. Das darauf folgende Höllenfeuer, das Don Giovanni verschlingt, ist dagegen geradezu mondän aufgezogen: Es ist ein brennender Pfuhl im Nebenzimmer, auf den der Sünder rückwärts zustolpert, um dann von den Flammen mehr sinnbildlich als real verschlungen zu werden. Dieser fast „realistische“ Ansatz, der nur durch Musik und Kamerabewegung übersteigert und verfremdet wird, zeigt meiner Meinung nach sehr viel besser als die levitierende Statue, wie die Mittel des Films in einer Operninszenierung genutzt werden können: Da durch die Verfilmung schon eine per se wirklichkeitsgetreuere Realität geschaffen wird, ist es das Wirkungsvollste, wenn die „übernatürlichen“ Opernelemente auf ganz natürliche Art in diese Welt mit einfließen dürfen.
Inszenatorisch gesehen ist es übrigens eine höchst spezielle Wahl, Don Giovanni gerade in seiner Todesszene mit weißer Kleidung und einer weißen Perrücke zu versehen. Die unschuldig-helle Dreistigkeit, mit der er die Forderung des Komturs nach Reue abschlägt, lässt frei, ob es sich hierbei nur um eine vorgeschützte, lasterhafte Scheinheiligkeit handelt, oder ob Don Giovanni wirklich subjektiv reinen Gewissens dem drohenden Strafgericht entgegensieht.

Auch wenn die Handlung der Oper bis auf das Finale durchgängig realistisch bleibt, gibt es im Film doch eine Figur, die von Anfang an einen dezenten, potentiell mystischen Schimmer hinzufügt. Einer von Don Giovannis Dienern, eine an sich stumme Statistenrolle, wird durch Inszenierung und Kameraarbeit derart herausgestellt, dass er von seiner ersten Szene an eine besondere Bedeutung innezuhaben scheint – und das, ohne dass diese Bedeutung je auch nur ansatzweise geklärt wird. Er steht im Hintergrund, beobachtet seinen Herrn und provoziert ihn gelegentlich sogar leise, doch alles, ohne je wirklich aus dem Schatten herauszutreten.
Was dieser Diener nun genau darstellt oder bedeuten soll, bleibt bis zum Ende hin offen. Es scheint ungewohnt, dass eine solch eindeutige zusätzliche Bedeutungsebene nicht doch noch auf die eine oder andere Weise aufgelöst wird, doch insgesamt halte ich es für eine so geschickte wie kunstvolle Idee. Sieht man sich die Diskussionen im Internet an, so wird klar, dass beinahe jeder Zuschauer die Figur anders deutet: Von mondänen Interpretationen wie der des Bastard-Sohnes, über verschiedenste Allegorien, bis zu der Überlegung, der Diener sei der Geist des noch unschuldigen Don Giovannis ist wirklich jede Ansicht enthalten. Gerade die letzte Szene, in der die Augen des jungen Mannes nicht an der Erscheinung des Komturs, sondern nur an Don Giovannis entsetzter Reaktion hängen, schließt zumindest für mich jede weltliche Erklärung aus, und meine persönliche Interpretation sieht in ihm den infernalischen Abgesandten, der nur darauf gewartet hat, Don Giovanni zum Abgrund zu geleiten.
Auf jeden Fall ist die Rolle ein sehr interessanter Touch, der den Zuschauer zum Nachdenken anregt, ohne eine persönliche Meinung des Regisseurs aufzudrängen.

Der Rest der Inszenierung bleibt mit seinen klassischen Bildern solide und altbewährt, was wahrscheinlich nicht die schlechteste Art ist, die Oper für ein Filmpublikum zu inszenieren. Die Verfilmung konzentriert sich auf ihr Ursprungsmaterial und lässt die Oper für sich selbst sprechen – und dazu ist Mozarts Meisterwerk schließlich voll und ganz in der Lage.
Don Giovanni ist ein grandioses Werk, das Mozart selbst angeblich als sein bestes einschätzte. Dieser Film nun hat nicht mehr, aber auch nicht weniger geleistet, als die Oper in angemessener Form für die Leinwand umzusetzen.