Auch wenn die Sage vom Fliegenden Holländer heutzutage wohl Richard Wagner als wichtigsten Verbreiter vorzuweisen hat, so handelt es sich doch um einen uralten Seemannsmythos. Schon im siebzehnten Jahrhundert wurden mündliche Geschichten des verwunschenen Geisterschiffes verbreitet, und Wagner selbst kam durch eine kurze Beschreibung von Heinrich Heine auf seinen Opernstoff:
„Die Fabel von dem Fliegenden Holländer ist euch gewiss bekannt. Es ist die Geschichte von dem verwünschten Schiffe, das nie in den Hafen gelangen kann, und jetzt schon seit undenklicher Zeit auf dem Meere herumfährt. Begegnet es einem anderen Fahrzeuge, so kommen einige von der unheimlichen Mannschaft in einem Boote herangefahren und bitten, ein Paket Briefe gefälligst mitzunehmen. Diese Briefe muss man an den Mastbaum festnageln, sonst widerfährt dem Schiffe ein Unglück, besonders wenn keine Bibel an Bord oder kein Hufeisen am Fockmaste befindlich ist. Die Briefe sind immer an Menschen adressiert, die man gar nicht kennt, oder die längst verstorben, so dass zuweilen der späte Enkel einen Liebesbrief in Empfang nimmt, der an seine Urgroßmutter gerichtet ist, die schon seit hundert Jahren im Grabe liegt. Jenes hölzerne Gespenst, jenes grauenhafte Schiff führt seinen Namen von seinem Kapitän, einem Holländer, der einst bei allen Teufel geschworen, dass er irgendein Vorgebirge, dessen Namen mir entfallen, trotz des heftigen Sturms, der eben wehte, umschiffen wollte, und sollte er auch bis zum Jüngsten Tag segeln müssen. Der Teufel hat ihn beim Wort gefasst, er muss bis zum Jüngsten Tage auf dem Meere herumirren, es sei denn, dass er durch die Treue eines Weibes erlöst werde.“

Bemerkenswert ist dabei vielleicht, dass das grausame Schicksal des Holländers in Wagners Bearbeitung endlich ein Ende findet; in der Kaufmannstochter Senta trifft er auf ein Weib, das ihm wirklich die Treue bis in den Tod hält. Natürlich ist eine solche Auflösung nötig, wenn aus einer kurzangerissenen Legende ein Opernstück werden soll, aber abgesehen von der pragmatischen Seite hebt dieses Ende die Geschichte ganz allgemein auf eine andere Realitätsebene: Dass Senta die Sage vom Fliegenden Holländer kennt und seine Ballade singt, hebt sie zumindest ansatzweise in unsere Wirklichkeit. Sie lebt in einer Welt, die sich ihrer eigenen Mythen bewusst ist, und somit erhält ihre eigene Begegnung mit der ersehnten Sagengestalt auch für den abgeklärten Zuschauer einen ganz anderen Realismus, als es in einer reinen Märchenwelt der Fall sein könnte.Auch wenn Der Fliegende Holländer ein ob seiner Eingängigkeit öfter geschmähtes Frühwerk ist, so handelt es sich dennoch um eine Wagner-Oper – und als solche muss sie sich in den letzten Jahrzehnten regelmäßig die seltsamsten Inszenierungsideen gefallen lassen. Dabei ist die Geschichte doch ein in sich schlüssiges Gesamtwerk, bei dem man den Meister nur beim Wort nehmen müsste, um ein wunderbar atmosphärisches Mythen-Stück auf die Bühne zu bringen. Und zum Glück für den Liebhaber klassischer Umsetzungen ist bereits 1975 genau so eine Inszenierung des Fliegenden Holländers vom Opernregisseur Václav Kaslik umgesetzt worden:

Wenn man die DVD der Verfilmung kauft, so kann man kaum erkennen, dass es sich um einen wirklichen „Film“ handelt; sowohl Cover als auch Beschreibung und Aufmachung suggerieren einen üblichen Bühnenmitschnitt. Und der Grund dafür wird schnell klar: Auch wenn der Film von seinen Kulissen bis zu dem Playback vorgetragenen Gesang ein Studio-Werk ist, so wurde er doch ganz nach üblicher Operntradition inszeniert. Wenn die Schiffe auch auf echtem Wasser schwimmen, so wirken sie doch wie elaborierte Kulissen, in jeder Szene kann man die Handschrift des Bühnenregisseurs erkennen und insgesamt macht der gesamte Film eher den Eindruck einer hochbudgetierten Theaterinszenierung.
Ich persönlich finde diesen Stil alles andere als schlecht. Lässt man sich einmal auf die unechte Kunstwelt ein (und das ist bei einer Oper schließlich so oder so nötig), dann bekommt man eine beinahe traumartige Opernwelt geliefert, die den perfekten Rahmen für Wagners Schauerstück bietet.

Doch die Inszenierung ist beileibe nicht der wichtigste Punkt dieser Opernverfilmung, auch die Darstellerriege kann sich absolut sehen lassen und gerade die Besetzung des Holländers mit Donald McIntyre ist schlichtweg traumhaft. Von Aussehen und Auftreten her könnte man ihn für den perfekten Bösewicht halten, und doch gibt er die tragische Hauptfigur der Oper mit einer solchen Aufrichtigkeit, dass der Zuschauer in jedem Augenblick ebenso sehr in seinem Bann steht, wie die junge Senta selbst. Er zeigt seine Verlassenheit, er hadert mit Gott und der Schöpfung selbst und bewahrt doch immer einen Funken Hoffnung – dies ist der Holländer, gerade so wie Wagner ihn sich erträumt haben muss.
Die Darstellerin der Senta ist alleine äußerlich gesehen nicht ganz so ideal wie ihr Gegenpart; sie macht einen etwas drallen Eindruck und ist genau betrachtet für diese Rolle wohl etwas zu alt. Dazu kommt gerade in ihrer ersten Szene eine etwas eigenwillige Regie, unter der sie wohl beinahe wie in Trance wirken soll, die im gestrengen Kameralicht aber eher verwirrt bis zugedröhnt erscheint.
Aber konzentriert man sich auf Sentas Gesang und Spiel, so kann man ihr diese kleineren Probleme anstandslos verzeihen. Die Sängerin hat keine Schwierigkeit, das so verträumte und doch standfeste Mädchen überzeugend darzustellen, und sie kann sich in der vielleicht subtilsten Rolle der Oper wunderbar zwischen ihnen männlichen Partnern behaupten.
Ein ähnlicher Punkt betrifft Sentas Verehrer Erik, der für seine Rolle einigermaßen alt und schmerbäuchig erscheint – ein etwas verlockenderes Äußeres hätte dem Part sicher gut getan und den Kontrast zu dem düsteren und eher unkonventionelleren Verehrer unterstrichen. Doch Erik erfüllt seine Aufgabe, gerade wenn man bedenkt, dass er genau wie der Rest der Besetzung größtenteils dazu dient, als Hintergrund für die dramatische Romanze zwischen Senta und dem Holländer zu fungieren.

So nahe der Film größtenteils einer „normalen“ Opernaufführung kommt, so bietet er doch ein nicht zu übersehendes Manko: Die gesamte Musik wurde im Studio eingespielt, die Sänger singen vor der Kamera Playback, und zu einem großen Teil tritt dies überdeutlich zutage. Wer über diese Schwachstelle der wohl eher filmunerfahrenen Besetzung hinwegsehen kann, dem bietet sich eine erwartungsgemäß makellose Gesangsdarbietung, die sich nicht zuletzt auch bemüht, wunderbar verständlich zu klingen.
Auch in anderer Hinsicht ist nicht zu übersehen, dass eine gewisse Publikumseingängigkeit für die Produktion essentiell war und man auch den unerfahrenen Zuschauern den Einstieg in die Oper erleichtern wollte. Generell ist der Sinn einer Ouvertüre der, in die Opernwelt einzustimmen und vielleicht schon an das eine oder andere musikalische Thema vorzustellen, und gerade im Fliegenden Holländer sieht das nicht anders aus. Doch die Verfilmung geht in dieser Hinsicht noch einen guten Schritt weiter: Die rauen Szenerie-Bilder, die die Ouvertüre untermalen, führen diese Einstimmung nicht nur in visueller Hinsicht fort und geben die Stimmung des Werkes an, sie stellen auch auf ganz subtile Weise bereits den Inhalt der Oper vor. Das Ganze wird begleitet von dem oben erwähnten Zitat Heines, das auf ganz direkte Art die Sage des Fliegenden Holländers erzählt und so einen eleganten Rückverweis auf Wagners eigene Inspiration liefert.

Insgesamt handelt es sich bei dieser Verfilmung des Fliegenden Holländers um eine durchwegs großartige Produktion; das Spiel der Sänger ist schlichtweg ergreifend und die Inszenierung fühlt sich opernhaft an, ohne die speziellen Möglichkeiten des Filmes zu vernachlässigen. Kurzweg: Es handelt sich um die für mich einfach ideale Version der Oper.