Es ist nicht schwer, in den klassischen Märchenszenarien Parallelen und gängige Klischees zu finden, doch um einiges interessanter scheint es, wenn man sich die Ähnlichkeiten zweier eher ungewöhnlicher Werke moderner Märchenkultur ansieht: das Musical Wicked – und zwar speziell Musical und nicht Maguires Roman – und der Disneyfilm Die Froschprinzessin (ja, ich weiß, der Film heißt auf Deutsch offiziell Küss den Frosch – aber mein Blog, meine Regeln).

An sich liegt der Vergleich gar nicht so fern; bei beidem handelt es sich um die Invertierung einer klassischen Geschichte (Der Zauberer von Oz und Der Froschkönig), die die Urgeschichte aber mit einer eigenen moralischen Interpretation füllt. Daher werden auch beide Werke in einem eher unkonventionellen Tonfall erzählt; wenn sie (im Gegensatz zum Roman Wicked) auch beide als Märchen verbleiben, ist ihre Struktur doch neu und frisch. So kommt es bei beiden zu einer bewusst sonderbaren Konstellation mit einem mehr als ungewöhnlichen Liebespaar, bei dem die typische Braut leer ausgeht. Man könnte sagen, es ist ironisch, dass aus diesem „unkonventionellem“ Ansatz nun wieder höchst parallele Strukturen entstanden sind.

Beide Werke beginnen ihre erste Szene mit dem Fokus auf der üblichen Märchen-Hauptfigur: der guten Fee beziehungsweise Prinzessin mit blonden Locken und glitzerndem Kleid. Es dauert einen Moment, ehe deutlich wird, dass die eigentliche Betonung auf einer anderen Figur liegt, die üblicherweise nur da ist, um der typischen Hauptfigur zuzuspielen, nämlich der bösen Hexe, beziehungsweise der sozial niedrigerstehenden Freundin.
Man könnte jetzt auch noch herausstellen, dass sowohl Elphaba als auch Tiana ihrer Freundin und generell den üblichen Märchenfiguren durch eine ungewöhnliche Hautfarbe entgegenstehen, aber das geht wohl in den Bereich der Überinterpretation. Was wichtiger scheint, ist, dass beide Außenseiter mit wenig sozialem Anhang darstellen, die nur über eine wirklich verlässliche Freundin verfügen. Sie beide müssen arbeiten, um ihre hohen Ziele zu verwirklichen, im Gegensatz zu ihrem jeweiligen rosagekleideten Gegenstück, das offenbar alles geschenkt bekommt. Aus diesen Gründen stellen Elphabas wie auch Tianas Position einen vergleichsweise unwahrscheinlichen Ausgangspunkt für eine Liebesgeschichte dar – ganz selbstverständlich scheint der Prinz sich zuerst in das schöne bzw. reiche, ihm angemessene Püppchen zu verlieben.
Doch da es sich trotz allem um eine Märchenwelt handelt (und wie gesagt, gerade darin unterscheidet sich das Musical Wicked maßgeblich vom Buch), geht es für Elphaba und Tiana schließlich doch gut aus; sie bekommen ihren Märchenprinzen und ihr Happyend, wenn auch nicht ganz so vollkommen, wie ihre Freundin es bekommen hätte. Gerade was Glinda und Charlotte ausmacht, ihre Schönheit beziehungsweise ihr Reichtum, ist es, was Fiyero und Naveen am Ende nicht vorweisen können.

Es macht wohl kaum Sinn, Elphaba und Tiana auf die einzelnen Parallelen in ihrem Charakter zu untersuchen, dafür handelt es sich dann doch um zu unterschiedliche Werke. Die Geschichten spielen in einem anderen Rahmen und bemühen sich um vollkommen unterschiedliche Aussagen. Aber es ist interessant, zu bemerken, dass die beiden jeweiligen Nebenfiguren des Beziehungsdreiecks sich in Form und Ausprägung extrem ähnlich sehen:
Fiyero und Naveen fangen beide als Urtyp des Playboys aus reichem Hause an, die in ihrer Funktion als heiratsfähiger Prinz beginnen, das soziale Leben aufzurütteln und sich das beste Mädchen der Umgebung zu schnappen. Erst durch Elphaba beziehungsweise Tiana fangen die beiden Männer an, sich zu wandeln und sie erkennen den Wert der tieferen Charaktereigenschaften, so dass sie sich schließlich in die theoretischen Nebenfiguren ihres eigenen Märchens verlieben.
Noch interessanter finde ich allerdings den Vergleich zwischen Glinda und Lottie, denn bei allen Ähnlichkeiten gibt es gerade zwischen ihnen doch einen so subtilen wie wichtigen Unterschied. Sie könnten typisch zickige Tussen darstellen, wie sie in Märchen und modernen Geschichten durchaus üblich sind, aber sie beide sind absolut nicht antagonistisch angelegt, sondern stellen die beste und einzige Freundin der Hauptfigur dar. Gerade dadurch, dass Glinda und Lottie trotz aller Probleme am Ende zu ihrer Freundin stehen und ihr nach kurzer Bedenkzeit Glück und Liebe gönnen, stellt die unkonventionelle Anlage der jeweiligen Rolle dar.
Doch der größte Unterschied zwischen den beiden Mädchen besteht in ihrer unmittelbarer Reaktion auf die Nachricht, dass nicht sie es ist, an der der Prinz der Geschichte interessiert ist: Als sie beide quasi auf die Probe gestellt werden, reagiert Glinda mit extremem Zorn, während Lottie sich gerührt zeigt. Man kann diese Differenz vielleicht durch die äußeren Umstände erklären: Die Welt von Wicked bietet der Geschichte einen weitaus größeren Rahmen, während die Froschprinzessin schließlich doch eher einen Märchenfilm darstellt, der idealisiertere Figuren bieten darf. Aber es liegt noch etwas anderes darin; so ähnlich sich die beiden Märchenprinzessinnen in Ansatz und Funktion ihrer Rolle sind, so sind die Unterschiede in ihrem Charakter fundamental. Lottie ist weicher – und das in beiden Bedeutungen des Wortes, negativ wie positiv. Sie scheint anfangs den schwächeren Charakter zu haben, sie denkt wenig nach, ganz im Gegensatz zu Glinda, die definitiv nicht dumm zu sein scheint. Aber wenn es schließlich darauf ankommt, ist sie verlässlicher; sie ist die wärmere, unverbrüchliche Freundin.

Insgesamt kann man sicher nicht sagen, dass die beiden Werke austauschbar seinen oder gar die Froschprinzessin einen Abklatsch von Wicked darstellt. Die Geschichten sind höchst unterschiedlich und der Charakter der Hauptfigur selbst ist wie gesagt kaum vergleichbar. Aber es ist interessant, dieselben Schemata wiederzufinden und zu sehen, dass aus einem ähnlichen Versuch – man dreht eine klassische Märchengeschichte um – durchaus wieder ähnliche Konzepte entstehen können.
Ich selber bin froh, dass es beide Werke gibt, gerade wegen ihrer Unterschiede, und um ehrlich zu sein, gerade wegen der subtilen Unterschiede in der Charakterisierung von Glinda und Charlotte. Während ich in Wicked Elphaba für eine großartige Figur halte – im Buch noch sehr viel mehr als im Musical – ist es in der Froschprinzessin Lottie, der meine vollen Sympathien gelten.
Gerade für ein Studio wie Disney ist ihr Charakter eine besondere Leistung; dass sie es geschafft haben, eine typische Märchenfigur derart zu übersteigern, ohne aus ihr eine direkte Parodie zu machen, ist beachtlich. Aber vor allem handelte es sich um eine Rolle, die sofort dazu einladen könnte, dass man sie, wenn nicht von Anfang an, so doch im Laufe des Films zur bösen Tusse verkommen ließe – und dieser Versuchung ist das Storyteam in keiner Weise erlegen. Stattdessen ist Lottie ein ehrliches, gutherziges Mädchen, dass trotz ihrer Leichtgläubigkeit und Gedankenlosigkeit eine rein positive Figur bleiben darf und Tiana eine wahre Freundin in der Not ist.