Nachdem gerade im Bereich der Kinderunterhaltung alles, was Fantasy und coole CGI-Wesen beinhaltet, seit Jahren im Trend liegt, war es nur eine Frage der Zeit, dass nach Krabat auch die anderen Kinderbücher von Ottfried Preußler für die große Leinwand adaptiert wurden. Nun wurde also auch der Kinderbuchklassiker Das kleine Gespenst mit großem Aufwand verfilmt, und das Ergebnis ist wie erwartet – mittelmäßig.

Die Vor- und Nachteile der Verfilmung sind schnell aufgezählt. Der Humor und der Charme des Buchs sind in vieler Hinsicht gut wiedergegeben und es ist herzerwärmend, die altvertrauten Szenen mit einem Mal ganz real zu erleben. Dagegen war es wirklich unnötig, einen zusätzlichen Kinderkrimi-Erzählstrang einzuweben, der mit mittelmäßigen Schauspielern und völlig übertriebenem Drama eher unterdurchschnittlich daherkommt.
Aber das eine, was mich wirklich gestört hat, ist das Aussehen des kleinen Gespenstes selbst. Und warum das? Schließlich ist es doch nah genug an den originalen Illustrationen dran. Es ist ein einfaches Design: ein weißes Laken, ein runder Kopf, große schwarze Augenhöhlen – nein, doch nicht. Dieses Gespenst hat Augen, und was für welche!
Das größte stilistische Problem des Films ist, dass das Gespenst viel zu niedlich ist. Die blauen Babyaugen, mit denen es in die Kamera lächelt, machen den gesamten Stil des Originals kaputt. Die Illustrationen des Buches waren für seinen Charakter ideal: Das Gespenst war süß und sympathisch, aber nach wie vor wirklich geisterhaft.
Hier wurde nun die „sichere“ Route eingeschlagen, ein Geisterwesen, das aus konzentrierter Knuddeligkeit besteht. Nun ja, das Ergebnis ist ein Film, den keiner wahrgenommen hat und der ohne weitere Aufmerksamkeit untergegangen ist. Kein Wunder, bei einem Plakat, das reinen leichtverdaulichen Kinderunterhaltungs-Brei verspricht …


Künstlerische Integrität gut und schön, allerdings stellt sich natürlich die Frage, wie man es anders hätte tun können – und ob überhaupt. Man könnte sicher sagen, dass das Problem eben nicht anders lösbar war. Eine Figur den ganzen Film über nur mit gruselig schwarzen Augenhöhlen darzustellen – und nicht irgendeine Figur, sondern gerade die sympathisch dargestellte Hauptfigur – wie sollte das funktionieren? Nun, dieser Herr hätte darauf vielleicht eine Antwort:


In der Tat hat man genau dieselben Argumente schon bei einer anderen Verfilmung gehört, als es um die Frage ging, wie man noch sehr viel außergewöhnlichere Illustrationen in annehmbare Animationen adaptieren kann. Es war genau das Gleiche, was man Burton sagte, als es darum ging, seine Kurzgeschichte The Nightmare before Christmas zu verfilmen. Dabei war es damals sowieso ein kleines Wunder, dass Disney sich an diesem Thema versucht hat, einer Geschichte, die wirklich zu skurril und abartig erscheint, um sich als für Kinder geeignet zu erweisen. Die Zeit zeigt, dass sich derartige Wagnisse oft genug als nicht nur künstlerisch wertvoll, sondern auch höchst profitabel erweisen.
Aber zurück zu Jacks leeren Augen: Natürlich stellte sich seinerzeit die Frage, wie der Kürbiskönig und seine so skurril gezeichnete Welt in einem so physischen Medium wie der Stop-Motion-Animation auf die Leinwand gebracht werden sollten. Und während sich Burton in Kleinigkeiten wie der Frage von Sallys zu dünnen Fußgelenken hin und wieder kollaborativ zeigte, so ließ er sich, was das Aussehen seiner Hauptfigur anging, nicht von seiner ursprünglichen Vision abbringen: Jack Skellington ist ein Skelett, groß, hager, und mit leeren Augenhöhlen – das muss für die Animatoren als Material reichen.


Und das Ergebnis gibt Burton natürlich voll und ganz recht. Jack ist eine unglaublich ausdrucksstarke Figur, mit einer emotionalen Ausdrucksbreite, die manch echten Schauspieler weit hinter sich lässt. (Nicht zu vergessen das wunderbare Stimmenspiel, sowohl im Original als auch vor allem in der deutschen Synchronisation.)
Natürlich wurde bei der Darstellung der leeren Augenhöhlen „geschummelt“. Die Form der Augenlöcher selbst dient Jack ja als Emotionsmittel, und teilweise hat er zusätzlich sogar gewöhnliche „Augenlider“ bekommen. Aber warum auch nicht? Das Ergebnis überzeugt mit seinem Rang der Gefühle schließlich auf ganzer Linie.
Ja, es war ein Risiko, Jack so darzustellen – ein Risiko, das sich gelohnt hat. Und ein gutes Beispiel dafür, dass es sich gerade auf künstlerischer Ebene wirklich lohnt, Schwierigkeiten in Kauf zu nehmen und als die Gelegenheiten zu sehen, die sie wirklich sind. Das Ergebnis zahlt sich schließlich oft genug aus.


Ein anderes Beispiel, das dieses Prinzip noch weitertreibt, ist die Hauptfigur der Comicbuchverfilmung V wie Vendetta, ein Mann, der den ganzen Film über nur mit Maske zu sehen ist. Die Guy-Fawkes-Maske, die an sich schon eine feste Mimik angibt, muss ausreichen, um Vs gesamten Gefühle dem Zuschauer deutlich zu zeigen. Während der Zeichner in der Graphic Novel das jeweilige Aussehen der Maske noch stark beeinflussen konnte,hat man im Film der Versuchung widerstanden, für die verschiedenen Szenen einfach leicht unterschiedliche Masken anzufertigen. Es ist wirklich immer die gleiche Larve, in der V sich nun zeigt, und nur durch künstlerische Tricks wie Kameraeinstellung und Beleuchtung – unterstützt natürlich durch Stimme und Haltung des Schauspielers – werden Vs Gefühle und Stimmungen deutlich gemacht.
Das Resultat ist beeindruckend. Nicht nur, dass diese Darstellungsform überhaupt klappt, in vieler Hinsicht zeigt sie sich stärker darin, den wahren Charakter des Anarchisten einzufangen, als es menschliches Schauspiel je könnte.
Nebenbei stellt sich die Frage, wie genial das Musical Das Phantom der Oper hätte aussehen können, wenn man sich in der Inszenierung wirklich etwas getraut hätte (und Crawfords Eitelkeit nicht im Weg gestanden wäre), und man sich für eine dem Original entsprechende Gesichtsmaske entschieden hätte.

Mein Gesamt-Fazit ist nicht verwunderlich. Ich finde es immer wunderbar, wenn in künstlerischer Hinsicht Risiken eingegangen werden, ganz egal, ob es sich nun um ein Polit-Drama handelt oder um einen Kinderfilm. Natürlich impliziert das auch immer die Möglichkeit eines Fehlschlags, doch ohne jede Risikobereitschaft ist es so gut wie sicher, dass das Ergebnis in Mittelmäßigkeit untergeht – wie eben die Verfilmung Das kleine Gespenst.
Es bleibt nun die Erwartung an Die kleine Hexe, höchstwahrscheinlich das nächste Filmprojekt aus dem Preußler-Nachlass, und die Hoffnung, dass man sich dort trauen wird, dem Buch gerecht zu werden – mit einer als alte Frau dargestellten Hexe, einer skurrilen bis direkt gruseligen Szenerie und einer wahrhaft beeindruckenden Walpurgisnacht.