Wenn es einen Film gibt, bei dem sich die internationalen Synchronisationsstudios für die Bearbeitung wirklich in ihrer Kreativität ausschöpfen konnten, ohne dass die Mühe jedoch irgendwie anerkannt wird, so ist das wohl der Disney-Zeichentrickfilm Alice im Wunderland von 1951. Das englische Original lebt wie die literarische Vorlage von einer Unzahl an Sprachspielen, Nonsens-Texten und visuellen Referenzen, und der deutschen Version gelingt es so gut, die verschiedenen zugeworfenen Bälle aufzufangen, dass man von diesen Schwierigkeiten außerhalb des direkten Vergleiches rein gar nichts bemerkt.
Ein besonderes Beispiel bietet Alices Gespräch mit der Blauen Raupe. Da die Raupe dazu neigt, die einzelnen Wörter wo immer möglich durch Buchstaben aus Rauchkringeln zu unterstreichen, stellt dieses Gespräch eine ganz besondere Anforderung an die Synchronisation dar, die sich dieser Aufgabe begeistert angenommen hat: Aus dem immer wieder ausgesprochenen „Who Are You“, oder O-R-U wird „Oh, Reizend“, „unter Umständen Rätst dU‘s“ und „Onkel Raupe, Uhhh!“. Zugegeben, das gesamte Gespräch gewinnt dadurch nicht gerade an Sinn oder Stringenz – aber es ist nicht so, als ob das in diesem Fall eine wirkliche Rolle spielen würde …

Bei den Liedern sieht die Lage noch einfacher aus, da diese zum Großteil keine direkte Verbindung zur Handlung haben und dadurch sowieso jede Freiheit bei der Übersetzung lassen, wie den höchst willkürlichen Sprung vom „Caucus Race“ zur „Friedenskonferenz“ oder von „Old Father William“ zu „Methusalem“. Aber unter all diesen kontextlosen Gesangseinlagen ist doch ein Beispiel, das es wert ist, in seiner Übersetzung genauer betrachtet zu werden: das Ständchen, das die Blumen Alice zu Ehren gemeinsam anstimmen, „Goldner Abendstern“.
Das Lied selbst strotzt vor visuellen Referenzen und Wortspielen und muss deshalb notgedrungen ebenso frei übersetzt werden, wie alle anderen Stücke – doch der Teil, der wirklich bemerkenswert erscheint, ist der Titel und Refrain, der für die rahmengebende Stimmung nicht nur des Liedes, sondern der ganzen Szene sorgt, eben der goldene Abendstern. Dieses nächtliche Bild scheint wunderbar zu der geruhsamen, dunklen Atmosphäre zu passen, in die der Blumengesang getaucht ist, zu dem müden Gänseblümchen und der in Sternenschein getauchten weißen Rose. Mit der kleinen Störung, dass das Lied auf Englisch „The Golden Afternoon“ heißt, und somit mit dem hellen Nachmittag eine Tageszeit beschreibt, die so unterschiedlich ist, wie man es sich wohl nur vorstellen kann. Ein Blick auf unsere französischen Nachbarn zeigt, dass dort vom „Matin de Mai Fleuri“ gesungen wird, vom blühenden Maienmorgen, so als hätten sich die Synchronstudios abgesprochen, mit ihren Texten wirklich das gesamte Tagesspektrum abzudecken.

Wenn man sich die Szene neutral in den jeweiligen Sprachversionen anschaut, dann ist es verblüffend, wie gut sich die Stimmung der Bilder den jeweiligen Rahmenbedingungen anpassen kann. Gerade das schon erwähnte Gänseblümchen kann sein Schläfchen morgens, nachmittags und abends mit der gleichen Rechtmäßigkeit in Anspruch nehmen, und ansonsten gibt es wirklich keine Einstellung, die wirklich etwas über die momentane Tageszeit aussagen würde; kein Bild, auf dem auch nur ein Fleckchen Himmel über den Blumen zu sehen wäre.

Diese bemerkenswerte Wandelbarkeit der Szenerie hat mich dazu eingeladen, den gesamten Film genauer auf seinen stilistischen Umgang mit der Tageszeit und den „realen“ Hintergründen zu überprüfen. Und diese Ebene spielt eine so grundlegende Rolle für den allgemeinen visuellen Stil, dass alleine die Tatsache, dass es überhaupt solch eines Anlasses bedurfte, um mich darauf aufmerksam zu machen, für sich spricht: Es zeugt von einem wahren Meisterwerk, den Zuschauer einen ganzen Film über auf derart subtile Weise durch Hintergründe und Farben zu beeinflussen.

Das Erste was auffällt ist, dass das Wunderland generell sehr mit der Darstellung des offenen Himmels geizt. Im Gegensatz zu der ersten und letzten Szene, die Alice auf einer in jeder Hinsicht gewöhnlichen Blumenwiese unter blauem Himmel zeigt, befindet sie sich im Wunderland fast andauernd im Wald, von dichten Gräsern umgeben oder in einschüchternd hohen Räumen gefangen – eine Entscheidung, die natürlich Sinn macht, bedenkt man, dass das Wunderland ja augenscheinlich tief unter der Erde liegen muss. In den wenigen Szenen, in denen der Himmel nicht vermieden werden kann, ist er schlicht grau oder in phantasmagorische Farben getaucht, doch auch das meist, ohne dass es speziell auffallen würde. Die Szene im Haus des weißen Kaninchens fühlt sich von der ganzen Beleuchtung her an, als würde sie an einem sonnigen Vormittag spielen – nur dass eben weder Sonne noch blauer Himmel zu sehen sind. Das, was durch diese Entscheidung im Zuschauer zurückbleibt, ist ein unbestimmtes Gefühl der Unsicherheit, da die innere Uhr eben doch nie wirklich über die Tageszeit entscheiden kann.
Der einzige wirklich eindeutige Himmel mit offen sichtbaren Gestirnen wird im Lied von „Walross und Zimmermann“ gezeigt – wobei das Wort „eindeutig“ eine seltsame Wahl erscheint für einen Himmel, auf dem sich Mond und Sonne offen um die Vorherrschaft streiten.
Während Alice dagegen durch den Wald streift, werden Unsicherheit und fehlende Griffigkeit der äußeren Umstände weiter bis ins Unerträgliche gesteigert. Die Hintergründe scheinen von schwarzer Ungewissheit geradezu durchdrungen und nur die momentane Gefühlslage der Szene lässt erahnen, auf welche Tages- oder Nachtzeit sie wohl angelegt sein könnte. Wenn Alice schließlich völlig verzweifelt durch ihre Umgebung stolpert, entsteht wirklich das Gefühl finsterster Nacht – doch wieder trügt der Schein; der Mond am Himmel ist nur das Grinsen der Tigerkatze und eine schnell geöffnete Tür führt ohne jeden Übergang aus der Finsternis ins helle Tageslicht.

Die Burton-Adaption von 2010 wollte sich offenkundig an die unverwechselbare visuelle Stimmung des Zeichentrickfilms anlehnen, doch gerade dies ist einer der Punkte, in dem der Meister des optischen Überschwanges kläglich versagte: Gerade die vielen offenen Einstellungen und weitschweifigen Kamerafahrten sorgen dafür, dass sich Burtons Wunderland eben nicht wie eine surreale Traumwelt, sondern wie ein übliches Fantasy-Märchenland anfühlt.
Insgesamt erinnert die allumfassende Dunkelheit, die trotzdem keine einfache Nacht signalisiert, stark an die unwirkliche Welt der Disneyland-Märchenbahnen. Vielleicht ist diese Assoziation kein Zufall, schließlich öffnete Disneyland nur vier Jahre nach Erscheinen des Filmes die Pforten – auf jeden Fall gelingt es mit Sicherheit keiner der Bahnen des Parks so gut, die Stimmung des Filmes wirklich einzufangen, wie bei der 1958 eröffneten Alice in Wonderland-Fahrt.

Alice im Wunderland bietet gerade in der Frage der dargestellten Tageszeiten einen genial durchgesetzten Stil, der auf subtilste Weise dafür sorgt, die Zuschauer die ganze Zeit latent zu verunsichern und ein unwirkliches Gefühl zu erschaffen, das gerade auf der Grenze zum Unangenehmen liegt, ohne dadurch offen düster zu werden. Und das Wunderbarste: Auch wenn man diesen Trick erkannt hat, büßt er dadurch doch nichts von seiner Wirksamkeit ein. Eben genau wie ein wirklicher Traum.