Frankensteins Monster ist eine der absoluten Ikonen westlicher Horrorgeschichte. In den knapp zweihundert Jahren seit ihrer Erschaffung haben sich die Bilder von Victor Frankenstein und seinem unglücklichen Geschöpf so unwiderruflich in das öffentliche Bewusstsein eingegraben, dass ihr eigentlicher Ursprung mittlerweile tief hinter dem Popkultur-Image vergraben liegt.
Diese Norm-Verschiebung geht so weit, dass man sich fragen kann, was nach heutigem Bewusstsein eigentlich das „Original“ ist. Der Großteil des Publikums wird zumindest wissen, dass Frankenstein auf einem Roman beruht, „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“ von Mary Shelley, aber das allgemeine Bild der Figur beruht sehr viel mehr auf dem alten Film von 1931 – und selbst hierfür sind die Parodien des Stoffes wohl um einiges bekannter als Boris Karloffs Darstellung selbst. In der Tat dürfte es bei der Unzahl von Anspielungen und Hommagen von kaum möglich sein, den Film heutzutage ohne jegliches Vorwissen zu sehen.

Shelleys Buch selbst stellt seit 1818 einen absoluten Klassiker der Horror-Literatur dar, und das, obwohl man es bei allem Respekt als ein eher langatmiges Werk bezeichnen kann. Es heißt, weibliche Autoren würden sich mehr dem Innenleben der Figuren widmen als ihre männlichen Kollegen, und auch wenn meine Lesevorlieben in dieser Hinsicht generell eher ausgewogen sind, bin ich nach diesem Beispiel froh, dass ich nicht viel von Frauen geschriebene Horrorliteratur kenne. Meiner Meinung nach besteht das Buch neben seiner kurzgefassten Handlung zum Großteil aus bemüht tragischer Selbstbetrachtung – im ersten Drittel von Frankenstein, im zweiten Drittel von Seiten des Monsters und im letzten Drittel wieder von Frankenstein selbst. Das Buch bietet trotz seiner knappen Handvoll an Todesfällen nicht viel Horror und noch weniger Gruselstimmung, stattdessen wird alles von einer allumfassenden Tragik überlagert, die sich in ihrer Art und Weise nur noch in Selbstmitleid und bemühtem Melodram ausdrückt.
Doch mit meiner Meinung stehe ich in diesem Fall wohl eher alleine da; schließlich hat es Shelleys Roman problemlos geschafft, innerhalb von wenigen Jahren nach Erscheinen allgemein anerkannte Weltliteratur zu werden. Dabei ist Frankensteins Monster den üblichen Weg gegangen: Die Gestalt selbst hat eine überragende Berühmtheit erlangt, während das Ursprungswerk etwas in Hintertreffen geraten ist – und ein nicht unerheblicher Teil der Schuld daran liegt mit Sicherheit an Karloff und seiner eindrucksvollen Darstellung, die Frankensteins Monster nicht nur auf Jahrzehnte hinweg geprägt, sondern auch in völlig neue Bahnen gelenkt hat. Die Horrorfilme, die Universal in den dreißiger und vierziger Jahren veröffentlicht hat, laufen meist auf die Darstellung von Grusel-Stereotypen hinaus, und gerade die Frankenstein-Verfilmung von 1931 hat mit der Originalgeschichte nicht mehr viel gemein. Es wird der Urtypus eines manischen Wissenschaftlers dargestellt, der gedankenlos ein Monster erschafft und das ist auch schon praktisch das Einzige, was Buch und Film wirklich gemeinsam haben.
Die Tragik des auf Gedeih oder Verderb in diese Welt gesetzten Ungeheuers ist in dieser Interpretation zwar noch angedeutet vorhanden, insbesondere in der Szene, in der er aus Unwissenheit ein kleines Mädchen ertränkt, aber im Gegensatz zu der tragischen, hochintelligenten Figur des Buches, die fortwährend mit sich und ihrem Schöpfer hadert, führt Karloff das Geschöpf wirklich auf ein reines, simples Monster zurück. Es kann nicht sprechen und ist generell so dumm wie brutal in seinen Aktionen, die es begeht, ohne dass es wirklich weiß, was es tut. Damit ist Franksteins Monster eine zweidimensionale Schauerfigur, die den Zuschauern zur Entstehungszeit des Filmes wohl problemlos Gänsehaut einjagte und zeitlose Bilder wie dunkle Wissenschaftler-Türme, den wütenden Mob mit Fackeln und Mistgabeln und die brennende Windmühle schuf, die aber absolut nichts mit dem Existenzialismus des Buches zu tun hat; Karloffs Monster ist eine reine, wenn auch bemitleidenswerte, Horrorgestalt.

Dennoch schaffte die Verfilmung ein in seiner Bedeutung unschätzbares Stück Filmgeschichte, dessen Einfluss so weit reicht, dass bis heute nicht nur zahllose Parodien und Anspielungen, sondern sogar ganze Filme als reine Hommagen auf den Universal-Film erscheinen. Insbesondere Tim Burton hat offensichtlich eine Schwäche für den Stoff, schließlich stellt der gerade erschienene Disneyfilm Frankenweenie bereits das dritte Mal dar, dass der Schauerregisseur das Frankenstein-Thema auf seine persönliche Art und Weise verfilmt. Das erste Mal widmete er sich dem Stoff 1984 mit dem Kurzfilm Frankenweenie, und wie kaum ein anderer, so stellt gerade dieser halbstündige Film eine prägnante, liebevolle Zusammenfassung des 1931er Filmes dar – aus dem Hause Disney natürlich als Kinderfilm mit einem Jungen und seinem jüngst verblichenen Haustier in den Hauptrollen. Gerade für einen Kurzfilm ist diese direkte Herangehensweise, inklusive wütendem Mob und brennender Windmühle, absolut ideal, denn in diesem beschränktem Rahmen können die Grundtypen von Anfang an klar definiert werden, und Burton kann sich vollkommen auf das konzentrieren, worum es ihm geht: eine simple, liebevolle Gratwanderung zwischen Hommage und Parodie.

Der Versuch, das Thema Frankenstein von einer ernsthafteren Seite anzugehen, wird gerade in den letzten Jahrzehnten bedeutend seltener gewagt, und der Grund ist klar ersichtlich: Wenn die Gestalt von Frankensteins Monster ein so eindeutiges Klischee darstellt, ist eine umso größere Herausforderung, Frankenstein als eine ernstzunehmende Horrorgeschichte zu präsentieren. Dass Kenneth Branagh dieses Projekt 1994 dennoch in Angriff genommen hat, führte zu einer Adaption, die die vielleicht ambitionierteste Version von allen darstellt – inklusive Shelleys Original. Branagh bemühte sich, den Roman so originalgetreu wie möglich zu verfilmen, und dennoch die allzu starke Melodramatik des Buches einigermaßen zu dämpfen. Die ausschweifenden Monologe wurden gekürzt, die pathetischen Tiraden der beiden Hauptfiguren auf das Essenzielle zusammengefasst. Wenn sich Schöpfer und Geschöpf erstmals in Ruhe gegenüberstehen, kann das Monster seine Lebenstragik hier in einem einzigen Satz auf den Punkt bringen: „Hast du jemals die Konsequenzen deiner Handlungen bedacht?“
Der Film wird bis heute häufig kritisiert und als schwülstig-pathetisches Kinostück bezeichnet, doch ich wage zu behaupten, dass die meisten derartigen Kritiker das Original nie gelesen haben – verglichen mit diesem ist Branaghs Film geradezu subtil. Der Vorwurf, dass er bei weitem zu gefühlvoll ist, rührt wohl eher aus einem Vergleich mit Karloffs klassischer Darstellung, doch wer den neuen nur auf Grund des alten Filmes beurteilt, geht von falschen Voraussetzungen aus. Branagh wollte sich bewusst nicht an Bekanntes anlehnen, sondern Shelleys Original verfilmen, und unter dieser Prämisse gelang ihm ein beeindruckendes Werk.
Natürlich ist auch dieser Film nicht hundertprozentig originalgetreu, sondern erlaubt sich gerade für sein Finale einige kreative Freiheiten, doch diese sorgen nur dafür, die Logiklöcher des Buchendes endlich zu stopfen. Außerdem, wenn Helena Bonham Carter in einem Horrorfilm die weibliche Hauptrolle übernimmt – was ist dann wohl vom Höhepunkt zu erwarten?

Burtons aktuelle Neuverfilmung von Frankenweenie kommt dagegen ohne die Mithilfe seiner Ehefrau aus, vielleicht gerade wegen ihrer vergangenen Beziehung zu dem Stoff; vielleicht sollte der Film gerade in Darsteller-Hinsicht bewusst auf eigenen Beinen stehen. Dies mag auch der Grund sein, weshalb sich Burton für dieses Projekt von Johnny Depp, seinem Stammschauspieler Nummer eins getrennt hat – auch er hat schon in einer Frankenstein-Verfilmung mitgespielt, in dem Fall sogar ein Film von Burton selbst: Edward mit den Scherenhänden von 1990, der trotz fehlender Namensähnlichkeiten ganz unmissverständlich auf Shelleys Roman beruht.
Auch Edward mit den Scherenhänden hatte keine Probleme, die potenzielle Tragik des Stoffes auszuleben, die Frage nach dem eigenen Ich und die Verzweiflung des unfertigen Geschöpfes im Widerspiel mit den Menschen. Aber hier liegt die Problematik auf einer anderen Ebene, nämlich der des „Unfertigen“; es geht nicht unbedingt um die Reaktionen der anderen, die sich zumindest am Anfang sichtlich alle Mühe geben, sondern darum, dass Edward selbst mit seinen Scherenhänden nicht wirklich mit seiner Umwelt in Kontakt treten kann. So ist der wohl berühmteste Gesprächsaustausch des Filmes der zwischen Kim und Edward: „Halt mich fest“ – „Ich kann nicht“

Nun ist nach diesen beiden Burtonschen Frankensteinverfilmungen und den umfassenden Anspielungen in Nightmare before Christmas mit Frankenweenie ein weiterer Film von Burton erschienen, der im weitesten Sinne auf Shelleys Roman beruht, und er zeigt eine Handschrift, die ihn von allen bisher erwähnten Werken abhebt. Es handelt sich um eine eindeutige Neuverfilmung des Kurzfilms, wegen dessen Burton seinerzeit von Disney gefeuert wurde, und erzählt wie dieser die Geschichte von Victor Frankenstein, der seinen Hund Sparky auch nach einem fatalen Zustammenstoß mit einem Auto nicht aufgeben will.
Obwohl der Film mit seinen anderthalb Stunden dreimal so lange ist wie der Kurzfilm – und auch deutlich länger als die 1931er Verfilmung mit Karloff – setzt er die meisten Szenen des Kurzfilms praktisch eins zu eins als Stop-Motion-Version um. Die längere Laufzeit bedingt sich also nicht aus einer langsameren Erzählweise oder ausführlicheren Umsetzung, sondern eher daraus, dass Burton das bereits „vorhandene“ Material mit neuen Szenen und Nebenplots auffüllt. Insofern kann man sagen, dass der Film zuallererst Burton selbst die Reverenz erweist.
Natürlich kommt Burton dabei nicht ganz ohne seine Stammschauspieler aus, denn auch ohne Depp und Bonham Carter gibt es genug mittlere und große Stars, die nur zu gerne an ihre frühere Burton-Zusammenarbeit anknüpfen; insbesondere Winona Ryder, die als Elsa van Helsing, Victor Frankensteins Freundin, quasi ihre beiden bisherigen Burton Rollen von Kim aus Edward mit den Scherenhänden und Lydia aus Beetlejuice vereinigt. Auch darf Martin Landau in einer nur zu sehr an Vincent Price erinnernden Rolle nun zum zweiten Mal in einem Burton-Film eine Horrorfilm-Legende wieder zum Leben erwecken.

In seinen unzähligen Verbeugungen an die Stars der alten Horror-Klassiker, die gerade als Vincents Klassenkameraden und deren wiederauferweckte Tiere in Erscheinung treten, macht der in gloriosem Schwarz-Weiß gedrehte Film keinen Hehl daraus, was er ist und sein will: weder eine Frankenstein-Verfilmung noch eine einfache Parodie, vielmehr eine einzige Hommage an das gesamte Horrorgenre, und vor allem an Tim Burton selbst. Frankenweenie schreit geradezu nach „Selbstverwirklichung“, und man könnte meinen, dass Burton das nach seinen letzten beiden eher misslungenen Versuchen dringend nötig hatte. 
Die Frage ist dabei nur, wer sich diesen Film nun ansehen will – meine Kinovorstellung haben am ersten Vorstellungs-Nachmittag mit mir drei Personen besucht. Ein schwarz-weißer, höchst skurriler Film mit nicht unbedingt einladender Prämisse wirkt auf Kinder nicht allzu einladend, und ein eher simpel gehaltener Stop-Motion-Film spricht erst recht nicht den typischen erwachsenen Kinogänger an. Es bleibt der typische Tim-Burton-Fan, der dafür aber wohl mit Sicherheit auf seine Kosten kommt …

Unwillkürlich stellt sich mir die Frage, was die Autorin wohl zu dieser Bearbeitung ihres Werks gesagt hätte – mit der Intention ihres Buches hat Frankenweenie wohl nicht mehr viel zu tun. Doch bedenkt man andererseits, dass dies ein Film ist, der eine Hommage auf eine Parodie einer Verfilmung des Buches darstellt, kann man dann deutlicher machen, welchen Status Frankenstein ungebrochen noch im heutigen Bewusstsein hat?
Vielleicht wäre Shelley doch vor allem stolz auf den merkwürdigen Werdegang ihrer Figur.