Die leichtherzige Teenie-Komödie hat sich in Hollywood längst zu einem eigenen Genre entwickelt. Und ganz allgemein gilt: Wenn es in einem amerikanischen Film um eine Gruppe Highschool-Schüler geht, wenn die Hauptthemen ihre jeweiligen Beziehungen und Affairen sind, in einer ausgewogenen Mischung aus Drama und Comedy, dann ist es allgemein nicht verkehrt, das Schlimmste zu erwarten. Aber umso besser ist es, wenn sich ein solcher Film dann als unerwarteter Treffer entpuppt. Denn ab und zu gibt es Filme, die nicht nur an sich ein Juwel darstellen, sondern die es auch ganz nebenbei schaffen, das Vertrauen in die künstlerischen Fähigkeiten der Filmbranche wiederzuerwecken.
Ende der Neunziger gab es eine Zeit, da sich mehrere Filme sich in dieser Hinsicht kurz nacheinander beweisen konnten. Diese Handvoll Filme zeigte nicht nur, dass Teenie-Filme und Beziehungskomödien wirklich klug gemacht sein können, sie bewiesen ganz nebenbei auch, dass es absolut kein Verlustgeschäft sein muss, einem heutigen Publikum im Kino klassische Werke anzubieten.
Da waren zum einen verschiedene Shakespeare-Verfilmungen, namentlich Baz Luhrmans durchstilisierte und doch wortgetreue Romeo+Julia-Adaption und 10 Dinge, die ich an dir hasse, eine freie, auf eine heutige Highschool versetzte Adaption von Der Widerspenstigen Zähmung. Und dann gab es meinen absoluten Favoriten in dieser Reihe: Eiskalte Engel, oder, wie der Film im Original sehr viel passender heißt, Cruel Intentions („Grausame Absichten“).

Es handelt sich um eine moderne Adaption von Choderlos de Laclos‘ Gefährliche Liebschaften, einem klassischen Briefroman aus dem achtzehnten Jahrhundert. Der Film überträgt die historische Geschichte um Verführungen und Leidenschaft auf die sexuellen Affären reicher Teenager im heutigen New York – und es funktioniert wunderbar.
Alleine das Setting der New Yorker Upper East Side ist ideal geeignet, um die Dekadenz des ausgehenden achtzehnten Jahrhunderts wiederzugeben. Auch hier sind weite Parks und hohe Barockräume zu sehen, nur dass diese Kulisse in einem modernen Umfeld nur umso mehr heraussticht.
Und auch die Figuren spielen die soziale Überlegenheit, ja Einzigartigkeit ihres Standes ins Extremum aus. Gerade bei den beiden Hauptfiguren Kathryn und Sebastian ist in dieser Hinsicht ab und zu der Vorwurf zu hören, sie würden es mit ihrer Performance übertreiben und die Teenager-Charaktere unecht wirken lassen. Und ja, man merkt dem Film an, dass die Charaktere der beiden für ältere Figuren geschrieben wurden. Bedenkt man, dass es sich eigentlich nur um ganz gewöhnliche Jugendliche handelt, so ist ihre Darstellung teilweise „überzogen“ – aber genau das ist es, was in dem Umfeld dieses Filmes benötigt wird. Genau wie die Kulissen in ihrer überbordenden Dekadenz regelrecht schwelgen, so sind auch sämtliche Schauspieler voll und ganz in ihre Rolle ergeben und zeichnen so eine Welt, die vielleicht nicht fotoreal ist, aber dafür in sich eine ganz eigene, nicht minder wahre Realität schafft.
Es ist eben nötig, diesen jungen Figuren ihre eigene Welt zuzutrauen und sie „für voll zu nehmen“. Genau das ist es ja, was in einer typischen Teenie-Komödie nicht geschieht. Und eben deshalb sind klassische Stoffe für eine solche Umsetzung wunderbar geeignet, weil auf diese Weise auch junge Menschen in ihrem Handeln ernstgenommen werden, mit all ihren Empfindungen und ihrem ganz eigenen, jugendlichen Drama.

Das Ergebnis ist ein perfekt durchgestylter Film, in dem die Musik, das Aussehen der Figuren und ihre Sprache, schlichtweg jedes Detail in absolutem Einklang zusammenspielt. Und gerade weil der Film als Kunstwerk so perfekt dasteht, weil es schlicht so einen Heidenspaß macht, dieses atmosphärische Arbeit anzuschauen, kommt das unbarmherzige Ende schließlich umso unerwarteter.
Dabei ist es wert zu bemerken, dass bei aller Modernisierung das Ende als Einziges wirklich vom Roman abweicht. Im Film ist der Schluss zwar hart und dramatisch; Sebastian stirbt (und das direkt nach der angedeuteten Versöhnungsszene), Kathryn ist entehrt und ihr Ruf endgültig zerstört – aber das Original ist in seinem Ende noch kompromissloser: Im Buch stirbt auch Madame de Tourvel, die Vorlage für Annettes Figur, geschwächt durch die grausame Offenbarung des Vicomte an einem Fieber.
Der Unterschied mag auf den ersten Blick gering erscheinen, doch es ist gerade der entscheidende Punkt, was den Charakter dieser Adaption angeht.
Dabei war ich selbst lange Zeit der Meinung, dass dieser zusätzliche Tod eher eine marginale Rolle für das Ende der Geschichte darstellt. Der Schluss ist größtenteils deprimierend, die Beziehung zwischen Sebastian und Annette ist so oder so zu einem Ende gekommen, und Kathryn bekommt ihre gerechte Strafe – was hat Annettes Schicksal also noch für eine große Handlungsrelevanz? Aber wenn man genauer hinschaut, wenn man die Gefühle und Stimmungen des Endes vergleicht, so wird klar, welch ein Unterschied sich durch diese Entscheidung ergibt.
Dieser Unterschied zum Original wird besonders deutlich, wenn man die letzte Szene von Eiskalte Engel mit der Schlussszene der ansonsten bekanntesten Verfilmung von Gefährliche Liebschaften von 1988 vergleicht. In beiden Filmen zeigt die letzte Szene, wie Kathryn (oder die Marquise de Merteuil) in ihren Intrigen entblößt und von der gesamten Gesellschaft öffentlich geschnitten wird. Doch in dem alten Film läuft diese Szene in absolutem Schweigen ab – alles, was am Ende übrigbleibt, ist Leid und Depression.
In Eiskalte Engel dagegen ist Kathryns Demütigung von aufreizender, beinahe manischer Musik begleitet. Es ist meiner Meinung nach eine geniale Liedwahl: Bittersweet Symphony ist ein wahrlich bittersüßes Musikstück, bei dem ich nicht entscheiden könnte, ob es nun eine fröhliche oder eine traurige Stimmung verströmt. Und diese Szene bleibt eben nicht bei Kathryn, stattdessen endet der Film mit Annette, in einer Einstellung, die den Anfang des Films auf wunderbare Weise spiegelt. Am Anfang war es Sebastian, der mit seinem geliebten Auto und seinem Tagebuch auf dem Beifahrersitz in die Stadt hineinfuhr; am Ende fährt Annette aus der Stadt heraus, mit Sebastians Dingen – mit ihrer Erinnerung an ihn – die sie umgeben. Nur der Friedhof, dessen Präsenz das Intro des Films beherrscht, ist am Ende nicht mehr zu sehen.

Dieses Ende ist wunderschön, und so bittersüß, wie ein Filmende nur sein kann. Es ist klar, Annette hat ihre erste große Liebe gefunden. Sie hat ihre Prinzipien gebrochen, hat Sebastian ihre Jungfräulichkeit geschenkt – und auch wenn es nicht andauern konnte, so hat sie doch keinen Grund, irgendetwas zu bereuen.
Und genau darin liegt der große Unterschied zwischen Vorlage und Film.
Um die Geschichte glaubwürdig in ein neues Setting zu verpacken, wurden unter anderem die Gründe für Annettes unbedingte Keuschheit geändert. Im Buch ist Madame de Tourvel verheiratet, sie hat ihre große Liebe erlebt, und sie will ihren Mann und ihre Ehre um keinen Preis aufgeben. Wenn Madame de Tourvel sich dem Vicomte de Valmont schließlich ergibt und mit ihm schläft, so hat sie ihre tiefsten Ideale verraten. Es ist klar, ihre Leidenschaft ist trotz allem böse und destruktiv, und so ist es nur passend, dass auch sie am Ende vor Verzweiflung stirbt.
Im Film dagegen rührt Annettes Zurückhaltung auf einem Keuschheitsversprechen; sie will schlicht auf die wahre Liebe warten. So hat Annette mit ihrer Hingabe an Sebastian nicht gegen ihre eigentlichen Ideale gehandelt, sie hat nur ihre Weltsicht der Liebe gegenüber geöffnet. Schließlich hat sie am Ende mehr hinzubekommen, statt irgendetwas zu opfern.
Auf die Bedeutung der ganzen Geschichte erweitert bedeutet diese Veränderung, dass in Eiskalte Engel nicht die Leidenschaft als böse, sondern die wahre Liebe als gut definiert wird. Es ist eine subtile Änderung mit großen Folgen, und es ist genau die richtige Änderung; eben diese Betonung ist notwendig, damit die Geschichte in diesem modernen Umfeld wirklich funktioniert.

Mann kann den Wert dieser subtilen Änderung nicht genug hervorstellen – gerade wenn man sich überlegt, was die möglichen Alternativen für eine überarbeitete Geschichte gewesen wären. Es hätte sich wirklich angeboten, aus dem alten Klassiker mit der einen oder anderen Anpassung eine allzu typische Teenie-Schnulze zu machen. Denn die Anlagen zu der klischeebelasteten Romantic Comedy sind ja alle vorhanden:
Kathryn hätte das typische Highschool-Cheerleader-Miststück sein können. Sie hätte es sein können, die Annette schließlich von der Wette erzählt und damit das „große Missverständnis“ zwischen ihr und Sebastian hervorruft. Es hätte eine tränenreiche Auflösung durch Cecily geben können, gefolgt von einem wunderbar zuckrigen Happyend, gewürzt mit der verdienten Strafe und Missachtung für Kathryn.
Wirklich, schaut man sich den typischen Plot heutiger Highschool-Filme an, so scheint eine solche Handlung für den typischen Produzenten ungeheuer verführerisch zu sein.

Aber solch eine Anpassung ist in diesem Fall nicht geschehen. Roger Kumble, der Regisseur und Drehbuchschreiber des Films, hat offensichtlich ganz genau gewusst, was er da tut. Und das Ergebnis ist ein Film, der die Aussage des Buches erweitert und auch verändert, ohne aber dem Charakter des Originals zu widersprechen. Die Verfilmung geht nicht so weit, ihre Vorlage zu verraten, sie beleuchtet die dargestellten Figuren nur auf eine etwas andere, vielleicht idealere, Weise.
Und genau das macht Eiskalte Engel für mich zum Inbegriff einer gelungenen Adaption. Der Film verändert (man könnte sagen verbessert) das Buch, ohne ihm wirklich untreu zu werden und schafft damit keinen Abklatsch des Originals, sondern ein eigenständiges Werk mit einer ganz eigenen Bedeutung. Ich denke, es ist nicht übertrieben, von einem wahren Meisterwerk zu reden.