Einer der wichtigen Punkte beim Geschichtenerzählen ist es, das Ende der Geschichte richtig vorzubereiten und dann auf die stärkstmögliche Weise darzustellen. Und was wäre – gerade bei einer schlichten Märchenerzählung – dabei für ein großes Finale geeigneter als ein zu brechender Fluch? Wenn es den Zauber zu lösen, den Liebsten zu erretten gilt, ja, dann stehen die Einsätze hoch, das Fristende ist fest gesetzt, und die Gelegenheit für ein wunderbar packendes Finale ergibt sich quasi von selbst. Und daher ist es auch kein Wunder, dass die Aufhebung des Fluches und die Rettung in letzter Sekunde seit jeher zum Standardrepertoire der Disney’schen Märchen gehören.

Schon die Schlussszene des ersten Disney-Meisterwerks ist in dieser Hinsicht absolut ikonisch: Schneewittchen schläft den Todesschlaf, die Zwerge trauern um sie, das gesamte Waldleben scheint erstarrt – und dann, der Prinz kommt, errettet die Schlafende durch einen keuschen Kuss.
Diese gesamte Szene bewegt sich in einem stimmungsmäßigen Limbo, irgendwo auf der Schwelle zwischen Trauer und Hoffnung. Und als schließlich der Kuss, die Erlösung erfolgt ist sofort klar, nun ist die Zeit für den Schlusschor, für das große Finale gekommen!
Es ist in all seiner Einfachheit eine beeindruckend starke Szene, und es ist kein Wunder, dass das Ende des nächsten Disneyfilms Pinocchio gerade parallel dazu abläuft – auch wenn erst ein konstruierter Unfall nötig war, den hölzernen Jungen vor seiner Erlösung auf entsprechende Weise an die Schwelle des Todes zu bringen.
Als es dann in Cinderella darum ging, ihre Rolle bei dem Ball durch das Anprobieren des Schuhs zu beweisen, gab es eine gewisse Abwandlung der einfachen Erlösungs-Formel: Es ist nicht der beim Ball verlorene Schuh, mittels dessen sie sich beweisen darf – den hat die Stiefmutter erfolgreich zum Zerspringen gebracht. Stattdessen holt Cinderella ihren eigenen Schuh heraus, und als sie diesen dann anprobiert ist doch schnell alles wie erwartet; die Herzen steigen hoch, die Musik schwillt an, der Schuh passt.

Und auch als viele Jahre später die Schlussszene von Schneewittchen in Dornröschen notgedrungen wiederaufgearbeitet werden musste, war es doch das gleiche Prinzip. Der Kampf gegen den Drachen ist bestanden, es herrscht die Ruhe nach dem Sturm – alles leitet hin auf den großen Kuss, auf Auroras Erlösung durch ihren Prinzen.

Nun, das war 1959. Jeder, der Disneys jüngstes Machwerk Maleficent gesehen hat, weiß, dass gerade diese Szene in dieser aktuellen Bearbeitung sehr anders aussieht.
Zwar ist es auch hier Phillip, der von den drei Feen (und der nicht unerheblichen Hilfe von Malefiz) zu der Prinzessin gebracht wird. Aber nicht durch ihn wird schließlich der Zauber gebrochen – es ist Malefiz selbst, die Aurora in all den Jahren im Wald insgeheim begleitet und lieben gelernt hat, die ihr den Kuss der wahren Liebe schenkt.
Zu diesem allzu vorhersehbaren Twist kommt in dem Film eine großflächige Umstrukturierung des Endes: Anders als in Dornröschen kommt hier erst der ikonische Kuss und Auroras Erwachen, dann erst folgt der Kampf um das Schloss und die Verwandlung zum Drachen. Diese unnötige Verschiebung sorgt nun dafür, dass die Kuss-Szene in einer völlig anderen Stimmung steht – es ist für den Zuschauer vollkommen klar, dass in diesem Zusammenhang nicht durch Phillips Kuss die große Auflösung erfolgen kann. Das allerdings führt nun zu dem absurden Ergebnis, dass sowohl die Erlösung durch Phillip, als auch die durch Malefiz von Zuschauer erwartet, aber nicht geglaubt werden kann. Es ist eine an sich großartige Szene, die durch diese Verstümmelung jegliches Potenzial verspielt.

Ja, die Szene in Maleficent ist mies aufgebaut und funktioniert auf verschiedensten Ebenen nicht. Sie will zu viele falsche Erwartungen brechen und bricht sich dabei nur das eigene Genick. Aber dennoch handelt es sich dabei nur um die direkte Fortführung eines neueren Trends im Hause Disney – oder, anders gesagt: Jeder, der ernsthaft annahm, dass Phillips Kuss hier die Erlösung bringen würde, kennt den neuen Disneystil nicht.
Woher kommt nun diese Entwicklung?

Der erste Film, der ganz bewusst mit den klassischen Erwartungen an die Erlösungsszene brach, war Arielle, die Meerjungfrau. Damals war dieser bewusste Konventionsbruch ein wahrer Geniestreich. Mit Arielle wurde ja eben das alte Märchengenre im Hause Disney wiedererweckt und es ging darum, einen neuen Rahmen für die alten Muster zu finden.
Für den heutigen Disneyfan, der den Film auswendig mitsprechen kann, ist es gar nicht mehr offensichtlich, wie genial am Ende mit den Erwartungen der Zuschauer gespielt wird: Arielle erreicht Erics Schiff, um die Hochzeit mit der Meerhexe zu verhindern. Mithilfe ihrer Freunde gelingt es ihr, Vanessa zu besiegen – der finale Kampf ist geschlagen, das Gute hat gesiegt! Dann, in perfekter romantischer Abendstimmung, folgt endlich der langerhoffte Kuss der beiden – und es ist zu spät.
Dass erst jetzt das wirkliche Finale folgt, die große Seeschlacht gegen eine allmächtige Ursula, ist in dieser Szene keineswegs abzusehen. Es ist die perfekte Brechung mit der „traditionellen“ Disney-Märchenumsetzung, um dadurch ein so überraschendes wie beeindruckendes Ende zu schaffen.

Dann folgte mit Die Schöne und das Biest der nächste Märchenfilm, und auch hier dreht sich die Geschichte um einen Fluch, und um die große Erlösung am Ende. Aber in diesem Falle ging es um etwas anderes: Das Ziel war nicht, das Interesse am klassischen Disneymärchen wiederzuerwecken, sondern es zu halten.
Folglich ist das Finale auch nicht als große Überraschung geplant, sondern es will schlicht in sich stimmig sein. Das letzte Blatt der Rose fällt, der Fluch scheinbar dauerhaft zu sein – ein Fluch, von dem Belle nicht einmal etwas weiß. Sie weint schlicht um den Geliebten, den sie nun verloren glaubt. Und dann, gerade im richtigen Moment, geschieht es: Es wird klar, es ist doch noch nicht zu spät; Belles Liebeserklärung hat den Fluch gebrochen.
Es ist ein wunderbares Ende mit absolut perfektem Timing. Und auch wenn das Ergebnis der Szene absehbar ist (allerspätestens nach dem zweiten Mal sehen), so macht das nichts. Die Szene, die Stimmung, alles ist hier absolut stimmig, perfekt in sich angelegt.

Nach Die Schöne und das Biest gab es für die klassischen Märchen erst einmal wieder eine Weile Pause, bis mit der Froschprinzessin endlich wieder ein Versuch gestartet wurde, das Disney’sche Zeichentrick-Märchen wiederzuerwecken. Und als würde Die Froschprinzessin ganz bewusst die Rolle von Arielle einnehmen wollen, so ist auch die Erlösung des Fluchs hier sehr ähnlich getimt wie bei der Meerjungfrau.
Das Ende des Filmes ist schon erreicht, der Bösewicht ist besiegt, nun muss nur noch der Fluch gebrochen werden – und wieder erfolgt der rettende Kuss gerade um eine Sekunde zu spät. Doch dieses Malheur spielt hier nun keine allzu große Rolle; schnell finden sich die Hauptfiguren mit ihrem neuen Schicksal ab. Und dann, schon zwei Szenen später, bekommen sie den Rest ihres wohlverdienten Happyends ganz unerwartet dazugeschenkt.
Es ist eine Erinnerung an ein altes Prinzip, das hier auf nette, unaufdringliche Weise wieder aufgegriffen wird – nicht mehr und nicht weniger.
Dann folgte das Trio der neuesten Disney- und Pixar-CGI-Märchen: Rapunzel, Merida und Die Eiskönigin. Wieder geht es um Flüche, die gebrochen, Verletzungen, die geheilt werden müssen – und nun zeigt sich, dass das perfekte Ende von Die Schöne und das Biest einen neuen Gegentrend gestartet hat. Ganz offensichtlich ist es, nach einer langen Tradition der klassischen Erlösungsszene, nun nicht mehr angesagt, dass das Finale einfach aus einer althergebrachten Erlösung bestehen darf; man braucht stattdessen irgendeine Art von Bruch. Aber gleichzeitig ist dieser Bruch nun so erwartet, so weit etabliert, dass er auch nicht mehr ernsthaft als Überraschung gespielt werden kann – wie der neueste künstlerische Reinfall mit Maleficent überdeutlich zeigt. Also hat man sich bei Disney auf das „sichere“ Pferd verlassen, und die Fluchbrechung von Die Schöne und das Biest wieder und wieder kopiert.

Als Flynn sterbend in Rapunzels Armen liegt, sind ihre Haare abgeschnitten – sie dürfte also keinen Heilungszauber mehr innehaben. Und wirklich gibt sie ja ihr Äußerstes, um ihren Liebsten doch noch zu retten, doch es ist scheinbar umsonst. Erst einige Augenblicke später, als wirklich die letzte Hoffnung verloren scheint, folgt auf einmal durch Rapunzels Träne die ach so unerwartete Heilung.
Warum die Rettung nun dennoch gelingt, wird nicht erklärt. Man kann sicherlich mit der Tradition des Originalmärchens argumentieren, wo es ja Rapunzels Tränen sind, die dem Königssohn das Augenlicht wiedergeben – aber dennoch macht das in Disneys Version der Geschichte keinen direkten Sinn. Am ehesten hat mich noch die Erklärung überzeugt, dass diese Träne der letzte Funken Sonnenlicht ist, mit dem der Zauber Rapunzel nun endgültig verlässt.

Dann folgte Merida, und auch hier haben wir wieder eine klassische Frist: Bis zum zweiten Sonnenaufgang muss Merida ihre Mutter retten, sonst wird Elinor dauerhaft zum Bären. Nun, der Sonnenaufgang ist da, das Rätsel ist scheinbar gelöst, Merida wartet auf die Verwandlung – doch es geschieht nichts.
Nun, hier, in dieser Szene ist das Herauszögern von Elinors Rettung natürlich vollkommen begründet. Es ist eben nicht das Flicken eines einfachen Teppichs, das den Fluch bricht. Es sind Merida und Elinor selbst, die das Band zwischen sich neu knüpfen müssen. Und die kurzfristige Trauer von Merida ist nötig, damit sie sich über ihre Gefühle wirklich klar wird, und damit sie es schafft, ihre eigenen Fehler einzusehen. Erst dann kann sie sich in die Arme ihrer zurückverzauberten Mutter lehnen, in einer Wiederbegegnungsszene, die schlichtweg zu Tränen rührt.

Und schließlich ist da das jüngste Disney-Meisterwerk: Die Eiskönigin. Wie ich wiederholt geschrieben habe, mag ich den Film wirklich, und insbesondere das Ende finde ich wunderschön. Aber ich muss zugeben, die wiederholte Anwendung einer bestimmten Stilmittels für die Erlösungsszene finde ich in diesem Fall grenzwertig ärgerlich.
Hier ist es Anna, die durch Elsas Zauber langsam zu Eis erstarrt, wenn sie nicht durch ein Zeichen der Liebe rechtzeitig gerettet wird. Wenn die Brechung auch sehr gekonnt ist, dass mit der Liebe hier nicht romantische Verbindung zu einem der beiden gerade kennengelernten Kerle, sondern die tiefe Schwesternliebe der beiden gemeint ist, so ist es doch unnötig, dass die Szene auf solch inhaltlich unnötige Art und Weise hingezogen ist. Ja, die Szene wirkt großartig – die lange Stille über dem Eis, der sich ewig hinziehende Moment, in dem die Gefühle selbst erstarrt scheinen – aber dennoch macht die Szene so keinen Sinn! Die beiden Schwestern haben sich die gesamte Zeit über geliebt; der Zauber müsste gebrochen sein in dem Moment, da Anna sich für Elsa opfert. Was nebenbei gesagt dafür gesorgt hätte, dass sie von Hans erschlagen wird, aber lassen wir das.
Natürlich ist es eine wunderschöne Szene, und ich hätte auch nichts gesagt, wenn sie und dieser Film ganz alleine stehen würden – aber das tun sie nicht. Diese Szene beruht auf einer langen Disney-Tradition von Märchenenden, eine Tradition, die Machern wie Zuschauern gleichermaßen bewusst ist. Und nach den letzten Filmen bleibt für mich einfach der Geschmack, dass mittlerweile jede Erlösungsszene – und damit jedes Märchenende – von Disney nun absolut gleich aussieht.

Aber ich will ja eigentlich gar nicht meckern. Ich sage auch nicht, dass ich wüsste, wie man eine entsprechende Szene nun noch auf andere Weise gestalten könnte. Aber dennoch, ich bin überzeugt, dass man im Hause Disney auf etwas kommen könnte.
Also, bei dem nächsten Märchen, dem nächsten Fluch, gebt uns etwas Neues! Und ohne ketzerisch klingen zu wollen: Wie wäre es zum Beispiel mit einer ganz klassischen Erlösungsszene, eine wie vor fünfzig Jahren? Das wäre nun eine Brechung, die sicher niemand erwarten würde.