Es ist immer wieder eine schwierige Frage – wie sollte man Kunstwerke am gerechtesten bewerten? Schließlich ist dabei jedes Mal eine unendliche Menge unterschiedlicher Faktoren und Einflüsse zu berücksichtigen; Herkunft, Wirkung, Gesamtqualität, und, und, und. Und ein ganz besonderes Problem stellen für mich bei dieser Bewertung Filme dar, denn wo wäre die Masse unterschiedlichster Ansatzpunkte für eine Bewertung größer? Man kann das Ganze von der Seite der Emotionen aus angehen, von der reinen Qualität der Geschichte, von den Schauspielern, der Regie – und dabei habe ich von der ewigen Unterscheidung zwischen bestes und liebstes Werk noch gar nicht angefangen.

Ich habe für all diese Bewertungsprobleme nun einen neuen Extremfall gefunden, in Gestalt der aktuellen französischen Verfilmung von Die Schöne und das Biest. Und so ziemlich das größte Problem dabei ist, dass ich im Geiste den Vergleich nicht loswerden kann zu der heute wohl berühmtesten Fassung dieses Märchens: dem Disney-Meisterwerk von 1992.
Und dabei hätte es der neue Film wirklich verdient, bei seiner Bewertung alleine dastehen zu dürfen.
Der Film hat an sich einer sehr klare Intention: Er ist definitiv kein Remake, sondern eine völlig eigene Version des klassischen Märchens. Schon von Anfang an ist klar, dies ist weder die Disneyversion noch der Cocteau-Film; stattdessen kann dieser Film (im Gegensatz zu manch anderer Schöne-und-das-Biest-Verfilmung der letzten Jahre) gänzlich auf eigenen Beinen stehen. Bedenkt man den Platz, den die beiden berühmten Vorgänger innehaben, so stellt dieser Anspruch schon alleine ein mutiges Unterfangen dar.
Und es ist sicherlich Raum da für eine solche Version. Die Geschichte von Jeanne-Marie Leprince de Beaumont, und mehr noch die Originalversion von Gabrielle-Suzanne de Villeneuve sind lang, eher ein Buch denn ein wirkliches Märchen. Sowohl bei Disney als auch bei Cocteau wurde diese Geschichte allerdings zu einer einfachen Märchenparabel heruntergetrimmt (eine Zusammenfassung des Originals und ein Vergleich zu dem Disney-Meisterwerk finden sich hier). Diese Version dagegen bietet keinen Märchenfilm, sondern eine ernsthafte Romanverfilmung.
Es ist ein ambitioniertes Projekt, und dieses große Vorhaben ist bei dem Film überall zu spüren. Die Schauspieler sind international bekannte Stars, die sicherlich eher ein erwachsenes Publikum ansprechen sollten. Der Film ist erfüllt von einer gewaltigen Bildsprache und zeigt sich vom ersten bis zum letzten Bild in jeder Hinsicht beeindruckend. Natürlich wurde gerade bei der Vermarktung auch auf den Faktor Nostalgie gesetzt, doch das zeigt sich nur in einer überschwänglichen, romantischen Bildsprache, wie sie bei jedem großen Historienfilm zum Einsatz kommen könnte.
Und ebendiesen Eindruck einer ernstzunehmenden Historienverfilmung will der Film auch ganz klar von der ersten Sekunde an erwecken. Die Geschichte beginnt mit einer weit ausgeführten Einführung, die die Hintergrundgeschichte von Belle und ihrer Familie ins Detail beleuchtet, ohne den eigentlichen Fokus außer Acht zu lassen.  (Wobei der Zuschauer wohl stark daran erinnert werden dürfte, wie sehr das eigentliche Märchen Die Schöne und das Biest an unsere Version von Aschenputtel erinnert.) Auch unter der ständig vorhandenen Märchen-Prämisse gelingt es dem Film, seine Figuren bei aller Komik nie als reine Parodien erscheinen zu lassen, und selbst die allzu klischeehaften Schwestern haben immer wieder ihre menschlichen Momente, in denen ein gewisser Charakter zu erfahren ist.
Diesem sehr originalgetreuen Einstieg steht im späteren Film die Vorgeschichte des Prinzen gegenüber, die auch in diesem ansonsten so vorlagengetreuen Film stark verändert wurde – und das wieder einmal zum besseren. Anstelle der verworrenen Familien-Rache-Saga des Buches wird hier eine neue, äußerst reizvolle Geschichte des Fluches erzählt, die gerade für das nötige Maß an Geheimnis und Spannung in der sonst so bekannten Geschichte sorgt. Das Gleiche gilt für die Nebenhandlung um Belles Bruder und seine so verhängnisvollen Schulden; sie sorgt für einen Bösewicht und gerade genug Spannung, um dem Finale schließlich die nötige Schwere zu verleihen.

Also – die Verfilmung ist in jeder Hinsicht quasi perfekt; sie schafft es, aus der klassischen Märchen-Novelle einen ganzen, in sich stimmigen und traumhaft schönen Film zu erschaffen.
Aber.
Ich habe gesagt, man sollte diesen Film nicht mit der Disneyversion vergleichen – und ich stehe dazu. Es scheint mir nicht nur das Recht dieses Films zu sein, alleine zu stehen, in den beiden Fassungen liegen auch an sich so andere Intentionen, dass es einen Vergleich wirklich unnütz macht. Aber trotzdem, sosehr ich versucht habe, mich zurückzuhalten – der Vergleich drängt sich einfach zu sehr auf!

Zum einen liegt das daran, dass der neue Film selbst die Bildsprache der Disneyversion immer wieder aufgreifen muss. Er ist zwar in keiner Weise an Disney angelehnt und hätte solche Referenzen definitiv nicht nötig – und doch. Ob es nun die niedlichen Kreaturen sind, die das Schloss bewohnen, die große Tanzszene im Ballsaal oder der Ansturm der mit einem Rammbock bewaffneten Angreifer; Bilder, Figuren und ganze Szenen erinnern immer wieder zu stark an das Disney-Meisterwerk. Und selbst Disneys allzu nutzloses Midquel Die Schöne und das Biest – Weihnachtszauber wird hier in einer ebenso nutzlosen Eisszene reflektiert.
Das Schlimmste dabei ist, dass es sich hier nicht um irgendwelche Szenen handelt – es sind gerade die Szenen, die im Disneyfilm um so vieles eindrucksvoller wirken! Wenn der neue Film alleine stehen will, weshalb erinnert er mich immer wieder daran, dass dieses und jenes in einer anderen Version schon besser gemacht worden ist?
Und dann, wenn die Verbindung einmal geschlossen worden, kommen die Vergleiche plötzlich an jeder Stelle ungerufen auf. Die Verzauberung zur Bestie, das erste Aufeinandertreffen mit Belle, der animalische Wutanfall des Biestes, sein Schmerz über Belles Verlust, ihre Liebeserklärung und schließlich die Erlösung. Einfach alle großen Momente der Geschichte, all die Szenen, die in Film wirklich emotionales Potenzial aufweisen – sie erinnern nur daran, wie grandios sie im Disney-Meisterwerk umgesetzt wurden. (Und das, obwohl gerade an diesen Stellen der Disneyfilm nicht einmal den „unfairen“ Vorteil seiner Lieder nutzt.)
Im neuen Film sind diese Szenen – gut. Sie sind genauso gut wie der Rest des Films, nicht mehr und nicht weniger.
Ich weiß nicht, wie ich den Film alleine, ohne Vergleichsmaterial sehen würde, ob ich dann auch an jeder Stelle bemerken würde, welches Potenzial hier vergeudet wird. Aber ich habe die Disneyversion nun einmal im Kopf: Ich weiß, wie furchterregend das Biest wirken, wie tragisch ein einfaches Märchen wirklich erscheinen kann. Und gerade das will ich erst recht in einer „richtigen“ Verfilmung sehen!


Die Kumulation von all dem liegt in dem wohl wichtigsten Thema des Films: der Liebesgeschichte. Die Schöne und das Biest weist im Original eine sehr simple Liebesgeschichte auf – am Ende handelt es sich eben doch um ein einfaches Märchen. Die beiden Hauptfiguren leben über längere Zeit zusammen, das Biest bittet Belle Tag für Tag erneut um ihre Hand, bis ihr schließlich bewusst wird, was sie seit langem für ihn empfindet.
Natürlich ist diese Entwicklung im Film weiter ausgeführt. Belle zeigt hier einen ungekannten Esprit, sie hat ihren eigenen Kopf und weiß sich zu verteidigen, und gerade das Biest wirkt in all seiner Dramatik immer menschlich und real. Wenn hier etwas zu einfach gemacht wurde, so ist es sicher die Szene auf dem Eis, wo eine panische Flucht ohne Übergang zu einem Beinahe-Kuss umschwenkt. Doch all dies ist kein wirkliches Problem, und man könnte sagen, dass die Entwicklung für Märchenverhältnisse annehmbar gelöst wurde – wäre da nicht wieder der Disneyfilm! Dieser Zeichentrickfilm, mit seiner kurzen Laufzeit und seiner an Kinder gerichteten Erzählweise, schafft es, die Beziehung der beiden und ihre langsame Romanze um so vieles glaubwürdiger und besser auszuführen als der neue Film!

Ich habe ein wirkliches Problem, den Film zu bewerten, umso mehr, wenn es mit der Disneyversion als Vergleich geschieht. Ja, Die Schöne und das Biest ist (neben Fantasia) mein liebstes Disney-Meisterwerk, aber ich bin mir doch vollends bewusst, dass der Film nicht perfekt ist. Die Disneyversion ist einfach gehalten, sie macht keinen Hehl daraus, dass es sich im Grunde um einen Kinderfilm handelt. Da sind der Slapstick-Humor, die lustigen Nebenfiguren, eine Welt, die in ihrem Aufbau und ihrer Zeitlinie in keiner Weise Sinn machen will, eben lauter Kleinigkeiten, die in einem Kinderfilm schlichtweg gleichgültig erscheinen.
Disneys Die Schöne und das Biest ist kein perfekter Film, und nicht einmal ein durchweg guter. Er ist in diesen Punkten kein Vergleich zu dem neuen Film, der in sich stimmig aufgebaut ist, um eine einheitliche glaubwürdige Märchenwelt aufzubauen. Aber wo der Disneyfilm gut ist, da ist er perfekt! Disney nutzt seine Chancen und nimmt jede Gelegenheit wahr, um aus einer potenziell starken Szene ein grandioses Erlebnis zu machen.

Also, wie soll ich diese beiden Werke vergleichen? Ein Film, der die eigenen Schwächen bewusst in Kauf nimmt, dafür aber seine Stärken und großen Momente vollends ausspielen kann auf der einen Seite, gegen ein ambitioniertes Kunstwerk, das auf gleichbleibend hohem Niveau steht, ohne irgendwelche Ausbrüche nach oben oder unten zuzulassen auf der anderen?
Eine mögliche Antwort auf diese Frage bietet die Reaktion der Academy: Der Disneyfilm hat es seinerzeit immerhin geschafft, als einziger Zeichentrickfilm überhaupt für den Oscar für den besten Film nominiert zu werden. Das ist nun eine Ehre, die ich für den neuen Film nicht sehen kann. Die Kostüme, die Ausstattung, die Spezialeffekte erscheinen auszeichnungswürdig, aber von einem Oscar für den besten Film ist dieses Werk weit entfernt.
Es sind eben zwei unterschiedliche Welten, in denen die beiden Filme fungieren, und das in weit mehr als einer Hinsicht – sie haben einen anderen Zweck, sie erzählen eine unterschiedliche Geschichte. Das eine ist die originalgetreue Bearbeitung eines klassischen Werkes, das andere die Destillation der Geschichte auf ihren emotionalen und ethischen Kern.
Es sind zwei Filme, die ich nicht vergleichen sollte, und die ich nicht vergleichen kann. Und doch, ich weiß, für welche der beiden Versionen mein Herz schlägt.