Victor Hugos 1862 geschriebener Roman Les Misérables oder auf Deutsch auch Die Elenden ist ohne Zweifel eines der großen Werke der Weltliteratur – womöglich das größte überhaupt. Das Buch ist nicht nur den Seiten nach ausnehmend lang, es ist vor allem von seinem Inhalt her wahrlich ausufernd. Hugo hat es geschafft, in diesem Meilenstein der französischen Literatur in unwahrscheinlich viele verschiedene Gebiete einzusteigen, nicht nur, was den Inhalt und den Erzählungsrahmen angelangt, sondern vor allem auch von den philosophischen Themen des Romans her. Er geht ins Absolute, und das für so viele verschiedene Facetten des menschlichen Wesens und des Lebens an sich, dass der Leser am Ende nur sprachlos zurückgelassen wird. Die verschiedensten Themen werden behandelt, übersteigert bis ins Grenzenlose, ohne dabei doch je den realistischen Rahmen zu verlassen, der durch die ganz reellen menschlichen Leidenschaften aufgespannt wird. Das Ergebnis ist groß, ja gewaltig, und es funktioniert – auf philosophischer ebenso wie auf der reinen Handlungsebene.

Das einzige Problem, das ich bei dieser kompromisslosen Art der philosophischen Betrachtung sehe, ist das, dass sich gerade durch diese Vielzahl von Absolutismen ungewollte Kompromisse ergeben können. Wenn Hugo auf seine überbordende Weise so viele Themen geradezu ausufernd behandelt, so kann sich dabei die Situation ergeben, dass sich einige seiner Punkte unterschwellig in die Quere kommen, oder ganz direkt widersprechen.
Das Paradebeispiel dafür liegt gleich zu Beginn der Handlung, in der Vorgeschichte von Jean Valjean, die zugleich die Grundaussage für das gesamte Buch liefert.

Jean Valjean taucht im Buch zu Beginn als frisch in die Freiheit entlassener Bagno-Häftling auf. Er hat gerade eine neunzehn Jahre lange Haftstrafe hinter sich gebracht, für den Diebstahl von einem Stück Brot, dass er für die Kinder seiner Schwester genommen hatte, und dafür, dass er während seiner Strafzeit jede Fluchtmöglichkeit, die sich ihm bot, versucht hat zu ergreifen. Zusammen mit einer späteren weiteren Lappalie, wobei er einem kleinen Schornsteinfeger beinahe instinktiv zwei Francs wegnimmt, wird ihn dieser ursprüngliche Diebstahl buchstäblich ein Leben lang verfolgen, völlig ungeachtet aller guten Werke, die Valjean von diesem Moment an tut.
Es ist ein wunderbares, wie alles an diesem Roman ins Absolute gesteigertes Argument gegen ein viel zu striktes Justizsystem, das in seiner verhärteten Denkweise keinen Raum für Gnade, mildernde Umstände oder gar Rehabilitation lässt. Wer einmal an der falschen Stelle in die Mühlen dieser Justiz gerutscht ist, wird damit für sein Leben gebrandmarkt, so betont Hugo auf sehr überzeugende Weise. Besonders klar wird die inhärente Ungerechtigkeit von Valjeans Lage, wenn seine „Verbrechen“ gegen Ende mit denen des missglückten Revolutionärs Marius verglichen werden: Valjean ist ein Bagno-Sträfling, der rückfällig geworden ist, im Gegensatz zu Marius, der „nur“ an einem Aufruhr teilgenommen und dabei mit seinen Freunden eine Großzahl Soldaten verletzt und getötet hat.
Und nicht nur auf dieser oberflächlichen Ebene wird die Grausamkeit des Bagnos angeprangert; auch die innerlichen Folgen werden gerade zu Beginn des Buches deutlich hervorgehoben. Valjean wird gerade in seinen ersten Kapiteln als ein durch das Straflager vollkommen zerstörter, verbitterter Mensch dargestellt. Er kann sich nicht mehr über seine Freiheit freuen, er kann sie kaum als solche wahrnehmen, und bei der ersten Gelegenheit fällt er direkt in alte Verhaltensmuster zurück und bestiehlt erst den Bischof, und dann den kleinen Schornsteinfegerjungen, ohne auch nur über sein Handeln nachzudenken. Hugo macht deutlich: Der eine längst vergangene Mundraub hat nicht nur Valjeans Leben zerstört, er hat auch die Seele des Mannes vollständig abgetötet.

Das heißt, zumindest bis hin zu der denkwürdigen Begegnung Valjeans mit dem Bischof von Digne. Denn da ist ja noch etwas anderes, was Hugo am Fallbeispiel Valjeans herausstellen will, ein noch sehr viel wichtigerer Punkt, der an sich die zentrale, innerste Seele des gesamten Romans ausmacht.
Jean Valjean ist so wütend und verbittert, dass er nicht zurückschreckt, den Bischof zu bestehlen, selbst nachdem dieser ihm als Einziger ein Obdach und Essen gegeben hat, ihn als Einziger wie einen Menschen behandelt hat. Es wird klar, dieser Mann schreckt auf moralischer Ebene wirklich vor nichts mehr zurück.
Doch die Reaktion des Bischofs ist anders als erwartet: Anstatt Valjean den Soldaten zu überlassen, errettet er ihn, indem er Valjeans Lüge deckt; statt ihn mit leeren Händen weiterziehen zu lassen, lässt er dem ehemaligen Sträfling nicht nur das Diebesgut, sondern gibt ihm zwei silberne Leuchter, seinen wertvollsten Besitz, noch mit dazu. Und mit dieser guten Tat errettet der Bischof Valjeans Seele, auf so tiefgreifende Art, wie man es sich nur vorstellen kann. Diese gute Tat führt dazu, dass Valjean sein Wesen überdenkt, dass er sich selbst ändern will, und seinem Leben dauerhaft einen neuen Sinn verleiht. Von nun an ist er ein anderer Mann.

Man sieht, worauf ich mit dieser Rekapitulation hinaus will: Hugo stellt hier zwei Argumente in den Raum, die sich bei genauerer Betrachtung gegenseitig schwächen. Das gesamte Buch handelt eigentlich von dem zweiten Punkt, von dem Wert einer guten Tag und den Einfluss, den diese Geste im Idealfall selbst auf den verkommensten Menschen ausüben kann. Doch dieser eine Punkt hat dem Autor an dieser Stelle nicht gereicht, zusätzlich musste er aus dem Schicksal Jean Valjeans ein Fallbeispiel für das unbarmherzige, ungerechte französische Justizsystem machen. Ja, es ist beeindruckend, zu lesen, was das Bagno in neunzehn Jahren mit einem Menschen anstellen kann – doch diese Darstellung hat keinerlei Nachhaltigkeit.
Dass Valjean durch das Bagno gebrochen, dass seine Seele scheinbar für immer verhärtet wurde, das wird selbst im Buch nur in wenigen Sätzen angerissen. Es reicht nicht, um einen wirklichen eigenen Punkt daraus zu machen – deshalb ist dieser Aspekt in jeder Adaption auch höchstens angedeutet.
Auf der anderen Seite wird nun aber das Argument von Valjeans Rehabilitation, das eigentliche Thema des Buches, durch diese Vorbereitung nachhaltig geschwächt. Man stelle sich nur vor, es wäre ein Mord gewesen, für den Valjean ursprünglich im Gefängnis gelandet wäre. Wenn er in den Rückblicken auf diese Zeit, während seiner Strafzeit und schon davor, durchgehend als skrupelloser, amoralischer Mensch dargestellt worden wäre, was hätte das dann erst für die spätere Berührung durch den Bischof bedeutet?
Ja, vielleicht wäre es schwerer gewesen, diesen durch unerwartete Güte ausgelösten Sinneswandel dann überzeugend darzustellen, doch wenn Hugo in seinen Werken eines kann, dann ist es, die Motive und Hintergründe menschlichen Handelns verständlich zu machen. Und wenn der Sinneswandel dieses Schwerverbrechers, dieses wahrhaftig verhärteten Menschen, einmal überzeugend dargestellt wäre, um wie viel stärker wäre dann nicht das gesamte Argument gewesen?

Ich denke, ich habe deutlich gemacht, für welch ein Meisterwerk ich Les Misérables wirklich halte. Wenn ich mich für ein einzelnes Lieblingsbuch entscheiden müsste, so wäre es sicherlich dieses. Somit ist diese Kritik kaum als wirkliche Schmälerung meiner Wertschätzung gemeint – und doch: Wenn mich an dem Roman eine Sache immer gekratzt hat, so sind es diese beiden Punkte, die sich in ihrer absoluten Aussage gegenseitig herabsetzen. Wenn Valjean von Anfang an eigentlich ein guter Mensch war, wen wundert es dann, dass er sich von der Tat des Bischofs hat bewegen lassen? Und umgekehrt; wenn er durch den Bischof zu einem solchen Gutmenschen geworden ist, wie schlimm kann dann der Einfluss, den das Bagno auf seine Seele hatte, wirklich gewesen sein?  Es ist für mich ein perfektes Beispiel, wie der Versuch, zu viele Seiten gleichzeitig darzustellen, das Ergebnis schwächen statt stärken kann.
Doch wie schon gesagt: Zum Glück handelt es sich bei dem Roman um ein solches Meisterwerk, dass er auch diesem einen Kritikpunkt ohne Probleme standhält.