Ich bin ein großer Musical, oder genereller gesagt, Musiktheater-Fan, und ganz besonders interessiert mich der Werdegang, den das Genre des durchkomponierten Drama-Musicals in den letzten dreißig Jahren durchgemacht hat. Aber generell weckt das Stichwort Musical auch andere Assoziation; ob nun alte, beinahe operettenartige Stücke, Hollywood-Filme mit gloriosen Tanzszenen, oder einfach ein unbeschwerter Theaterabend mit Tanz und Musik.
Für viele ist die Personifikation des unbedarften Musical-Spaßes sicher Sir Andrew Lloyd Webbers erster Megaerfolg: Cats. Das Werk ist seit seiner Uraufführung 1981 ein Vorzeigestück modernen Musicaltheaters und hat eine nicht zu verleugnende Prägung auf die gesamte Theater-Szenerie ausgeübt.
Neben Webbers durchgehender Ohrwurm-Musik biete die Show Tanz, Comedy, Artistik und jede Menge Glamour – und dabei so gut wie gar keine Geschichte. Nebenbei: Diese Einschätzung hat Cats zwar mit Starlight Express gemein, doch haben in diesem Vergleich die Züge das bedeutende Nachsehen, dass sie im Gegensatz zu den Kätzchen felsenfest in dem Jahrzehnt ihrer Schöpfung festgebacken sind.

Als Musicalfan bin ich natürlich im Besitz der DVD-Aufnahme und kenne die Wiener CD auswendig, aber dennoch konnte die ganze Idee nie eine besondere Faszination auf mich ausüben. Letztes Jahr ist Cats nun in einer neuen Tour durch Deutschland gestartet und zum ersten Mal habe ich das Musical live gesehen – und mir am nächsten Tag Karten für eine andere Vorstellung gekauft. Und dann noch einmal …
Heute Abend tanzen die Katzen in Nürnberg, wieder bin ich mit dabei, und insgeheim kommt in mir die Frage auf, worin das Geheimnis dieses unheimlichen Suchtfaktors liegt. Sicher ist das Musical nicht prinzipiell in meiner Gunst gestiegen; es ist mir immer noch weniger wichtig als praktisch jedes größere Drama-Musical. Und trotzdem habe ich die Show nun einmal mehr besucht als mein heißgeliebtes Phantom der Oper.

Der Grund für diese persönliche Verschiebung – und vielleicht auch der Grund für den allgemeinen Erfolg des Musicals – ist meiner Meinung nach simpel, aber schwer reproduzierbar: Man kann es einfach immer wieder schauen! Diese Einschätzung klingt vielleicht einfältig, aber das dahinterliegende Konzept, von dem ich rede, ist genial: Auf der gesamten Bühne herrscht Bewegung, jede Katze macht etwas anderes, und dennoch fügt sich alles zu einem spektakulären Gesamtwerk.
Ein Erstbesucher des Musicals wird sich wohl (genau wie auch die DVD-Aufnahme) auf die Sänger und die Hauptfiguren der jeweiligen Lieder konzentrieren, und kommt damit auch voll auf seine Kosten. Aber zur gleichen Zeit gibt es da noch so viel mehr zu bestaunen; man kann die unscheinbaren Nebengeschichten bewundern, die pantomimischen Witzeleien, die Besucherinteraktion am Rand der Bühne, oder einfach die großartige Artistik. Und aus jeder Sichtweise ist das Ganze ein Riesenspaß.
Das Phantom der Oper bedeutet für mich einen wundervollen, beeindruckenden und unvergesslichen Abend – aber gerade deshalb ist solch ein Abend ein Einzelstück, und ich hätte ein schlechtes Gewissen, das Musical am nächsten Abend gleich wieder zu erleben. Bei Cats würde so ein Doppelbesuch dagegen genial passen; umso genauer kann man sich beim zweiten Mal auf alle bisher verpassten Kleinigkeiten konzentrieren.

Diese Vielfalt betrifft nicht nur die verschiedenen Hingucker auf der Bühne, auch die Katzen selbst bieten stimmungsmäßig ein kunterbuntes Durcheinander, in dem für jeden Zuschauer etwas dabei sein sollte. In einer guten Aufführung des Musicals hat jeder Darsteller seine eigene Gefühlsreise, und jede Katze ist jederzeit völlig auf ihre eigene, unabhängige Rolle konzentriert. So habe ich während des (für meinen Geschmack) etwas behäbigen Liedes von Bustopher Jones genug damit zu tun, Demeter und Jemima zu beobachten, die immer noch ihrer vorherigen Szene nachhängen und pantomimisch über Grizabella sinnieren.
Und apropos Grizabella: Man kann es vielleicht als Ironie bezeichnen, dass „Memory“, das berühmteste Lied des Musicals und vielleicht das ikonischste Musical-Lied überhaupt, als einziges nicht zu der sonstigen Stimmung des Stückes passt. Aber dennoch ist die Ballade sicherlich unverzichtbar für die allgemeine Attraktion von Cats; gerade dieser Funken Schwermut ist in dem bunten Spektakel dringend notwendig – und da er am Ende so herzerwärmend aufgelöst wird, besteht auch nicht die Gefahr, irgendeinen Besucher emotional zu überfordern …

Damit ist Cats in sich eine perfekte Mischung, die es schafft, dass man sich den ganzen Zirkus einfach immer wieder anschauen kann. Das Musical wird mit seiner fehlenden Handlung und dem seichten Gefühlsleben mit Sicherheit niemals einer meiner persönlichen Lieblinge, aber ich muss zugeben, dass es für wunderbaren, unbeschwerten Abend absolut ideal ist.