Wes Andersons Grand Budapest Hotel ist ohne Zweifel ein faszinierender Film. So simpel die Prämisse klingt – der Concierge Gustave H. wird des Mordes an einer reichen Dame beschuldigt, es beginnt eine Hetzjagd um ein wertvolles Gemälde und um den Beweis seiner Unschuld – so phantastisch überbordend ist die Ausarbeitung. Ja, die Geschichte wird auf eine Weise erzählt, wie es sonst vielleicht nur Amélie Poulain im Drogenrausch schreiben könnte.
Beeindruckend ist gerade, wie der Regisseur es schafft, diesen absurden, irrealen Stil konsequent durch den gesamten Film zu ziehen und ihn durch jede erzählerische Entscheidung nur weiter zu stützen. So wird bereits in den ersten Minuten, in denen die Geschichte auf nicht weniger als vier Zeitebenen ausgebreitet wird, der Tenor klargestellt: Hier handelt es sich nicht um Fakten, nicht einmal um eine Geschichte, die behauptet, Fakt zu sein – es geht um Erzählungen, um lange Überliefertes, das vielleicht einmal wahr gewesen sein mag, doch jeden Anspruch auf Realität seit langem abgegeben hat. Man könnte durch die reale Inspiration, die der Regisseur aus den Büchern Stefan Zweigs gezogen hat, sogar noch eine Meta-Verschachtelung hinzuzählen. Auf jeden Fall ist dem Zuschauer am Ende vollkommen bewusst, dass das Resultat nicht mehr vertrauenswürdig ist – doch wer verlangt schon Vertrauenswürdigkeit, wenn er stattdessen diese Achterbahnfahrt des Erzählens erleben darf?
Kurz: Grand Budapest Hotel schafft eine Atmosphäre, in der alles akzeptiert und nichts als wahr angenommen wird – also die perfekte Atmosphäre für Gedankenspiele und absurde Assoziationsketten.

Der wohl einzige Moment, in dem der Film bewusst dunkler und ernsthafter wird, ist das Ende. Das Bild wird schwarz-weiß, es wird klar, dass das was nun folgt nicht mehr phantastisch ist, sondern eher der klaren, kalten Realität folgt. Es sind die Schrecken des Krieges, denen die Protagonisten nun trotz allen Einfallsreichtums endgültig nicht mehr ausweichen können.
So ist die finale Zugszene auch ganz konsequent die Spiegelung einer früheren Szene des Films. Doch wenn damals noch ein Deus ex Machina in Gestalt eines alten Freundes von Gustave (mit vielseitigen Implikationen) zu Hilfe kam, so gibt es nun am Ende keine Rettung mehr. Gustave und sein Lobby Boy und Freund Zero werden auf brutale Weise festgenommen, und wie wir vom Erzähler beinahe nebensächlich erfahren, ist Gustave wohl im Zuge dieser Festnahme erschossen worden.
Moment – diese Offenbarung lässt trotz des tragischen Augenblicks stutzen. Wieso ist es gerade der gutsituierte, beziehungsreiche Gustave, der erschossen worden ist? Zero ist der Einwanderer, der offensichtliche Ausländer, auf den es die Soldaten mit ihrer Attacke abgesehen haben. Ja, Gustave setzt sich mit seiner Reaktion klar in die Nesseln – aber ist es nicht trotzdem sehr viel wahrscheinlicher, dass Zero bei der Festnahme selbst gestorben ist?

Was, wenn es sich bei dem alten Herrn Moustafa, der die Geschichte erzählt, nicht um Zero handelt, sondern um Monsieur Gustave H. selbst?

Diese Identitätszuweisung würde von Moustafas Alter wie vom Aussehen her definitiv besser passen. Zwischen den beiden Zeitlinien sind nur 36 Jahre vergangen, nicht genug, um aus dem Jungen einen alten Greis (mit deutlich hellerer Pigmentierung!) werden zu lassen.
Natürlich ist es eine absurde Theorie, eine Theorie, die in ihren Einzelheiten nicht konsequent erklärbar ist – aber der gesamte Film ist doch bewusst absurd. Also, spielen wir einmal einfach mit.

Die ganze Geschichte beginnt mit der ersten Begegnung von Gustave und Zero, einem einigermaßen prägnanten Einstellungsgespräch, in dem der angehende Lobby Boy durchgehend als „zero“ qualifiziert wird. Es ist einfach vorzustellen, dass erst aufgrund dieser Unterhaltung Zero seinen Namen erhalten hat – es würde gut genug zu Gustave passen, einen solchen Spitznamen zu vergeben und ihn daraufhin als einzigen Namen fest eingemeißelt im Kopf zu behalten.
Und erst am Ende, als Zero von den Soldaten erschossen wird, würde Gustave klar, dass er nicht einmal den Namen seines jungen Freundes weiß.
Diese Erkenntnis, zusammen mit dem allgemeinen Untergang seiner gesamten Welt, könnte gut für einen großen, innerlichen wie äußeren Umbruch in Gustaves Leben sorgen. Was, wenn er sich seit dieser Zeit in einer Katharsis befindet, in einer Stimmung, in der er sich zwar noch weiter um sein Hotel sorgt, dabei aber buchstäblich nicht mehr er selbst ist? Was, wenn er sich in sein altes Zimmer zurückzieht, in dem er selbst, lange vor Zeros Zeit, als Lobby Boy einst gelebt hat?
Auch wenn das nicht heißt, dass er dafür seinen Geschmack aufgegeben hätte – diesen Sinn für das Schöne, den Gustave immer sehr viel mehr gepflegt hatte als Zero, und den Herr Moustafa nun weiter fortträgt.

Es gibt ein prägnantes Zitat von Gustave, das später von Herrn Moustafa wieder aufgegriffen wird:
„You see, there are still faint glimmers of civilization left in this barbaric slaughterhouse that was once known as humanity. Indeed that’s what we provide in our own modest, humble, insignificant… oh, fuck it.“
Moustafa nun macht daraus:
„There are still faint glimmers of civilization left in this barbaric slaughterhouse that was once known as humanity… He was one of them. What more is there to say?“

Was, wenn die Betonung am Ende nicht eigentlich auf dem „he“ liegt, sondern auf dem „was“?

Und so kommen wir zum nächsten Punkt dieser Theorie: Bei aller Sympathie, die zweifelsohne auf seiner Figur liegt, war und ist Monsieur Gustave immer ein riesiger Selbstdarsteller gewesen. Er ist der Mittelpunkt eines großen Hotels, in dem er sich unablässig präsentieren kann, das er beherrscht. Doch was würde von ihm übrigbleiben, wenn der Untergang seiner Welt fortschreitet, wenn das Hotel herunterkommt? Nichts als ein einsamer Mann, der interessierten Gästen ab und an von seinen Abenteuern erzählt.
Nun, wenn dem schon so sein muss, so sind diese Abenteuer doch um einiges faszinierender, wenn sie aus der Perspektive eines beeindruckten Zuschauers erzählt werden – garniert mit einem Ende, das Gustaves Wesen wirklich würdig ist.
Oder, wie Herr Moustafa es ausdrückt:
„To be frank, I think his world had vanished long before he ever entered it – but, I will say: he certainly sustained the illusion with a marvelous grace!“
Wäre das nicht ganz die Art, auf die Gustave gerne in Erinnerung bleiben würde?

Vielleicht muss man ja nur den ersten Buchstaben von Zeros Namen verändern, um auf den wahren Nachnamen von Monsieur Gustave H. zu kommen?

Natürlich ist und bleibt all das reine Gedankenspielerei. Ich will nicht sagen, dass dies die in dem Film versteckte Wahrheit sei, dass diese Theorie „echt“ ist – aber es ist mit Sicherheit ein faszinierendes Gedankenspiel. Und was ist in diesem Film schon „echt“?
Am Ende ist Grand Budapest Hotel ohne Zweifel ein so seltsamer Film, dass er zu genau dieser Art Überlegungen einlädt. Es sind gerade die versteckten, kaum angedeuteten Möglichkeiten wie diese, die den Charme des Werkes ausmachen, die den Zuschauer faszinieren, ihn beeindrucken, und die ihn noch lange nach Ende des Films immer weiter in die irreale Welt von Monsieur Gustave hineinziehen.