Ich bin ein großer Bücherliebhaber, und ganz besonders ein Fan der Literatur des neunzehnten Jahrhunderts. Und gerade bei den Werken der Autoren dieser Zeit kommt man früher oder später unweigerlich an ein ursprünglich als Fortsetzungsroman geschriebenes Buch. Gerade zu dieser Zeit war der Zeitungs- oder Feuilletonroman für viele Autoren die übliche Veröffentlichungsart, darunter so namhafte Schriftsteller wie Alexandre Dumas, Gustave Flaubert, oder auch Charles Dickens. Wie der Begriff schon andeutet, erschien das Buch dabei jeweils in kleinen Häppchen in einer regelmäßig erscheinenden Zeitung, oft über mehrere Jahre hinweg, und wurde dann bei Erfolg am Ende schlicht noch einmal in gebundener Form herausgebracht.

Ich persönlich befinde mich gerade in einer Phase, in der ich mir Gedanken mache über die Vor- und Nachteile einer solchen Veröffentlichung. Ich muss zugeben, ich habe den Zusatznutzen dieses Prinzips gewissermaßen nie ganz akzeptiert. Wenn ich mir die Unterschiede zu einer traditionellen Veröffentlichung anschaue, so sehe ich für den Leser auf den ersten Blick nur Nachteile. Das Erscheinen der Geschichte erfolgt langsam, Stück für Stück, und gerade damals muss es für Nicht-Abonnenten teilweise anstrengend gewesen sein, das Werk wirklich vollständig in die Finger zu bekommen. Dazu impliziert die stückweise Verpackung ja gewissermaßen eine genaue Bevormundung des Lesers durch den Autor. Oder wie Stephen King es ausdrückt: „Bei einer Geschichte, die in Fortsetzungen veröffentlicht wird, gewinnt der Schriftsteller eine Überlegenheit über den Leser, die er sonst nicht genießen kann: einfach gesagt, sie können nicht vorausblättern und sehen, wie die Sache ausgeht.“
Generell kann man vielleicht sagen, dass sich die spezielle Form gerade für Abenteuerromane und Thriller – oder generell eher „Trivialliteratur“ – besonders anbietet. Schließlich fördert das Format implizit die Nutzung von kurzen Spannungsbögen und regelmäßigen Ciffhangern. Und auch wenn ich persönlich das Prinzip dieser kurzen Abschnitte eher störend finde, so gibt es sicher ein großes Publikum, das seine Romane eher in mundgerechten Häppchen bevorzugt. Doch auch diese belächelnde Denkweise erweist sich schnell als vorurteilsbelastet, bedenkt man, dass auch die Werke von Gustave Flaubert, Lew Tolstoi oder Fjodor Dostojewski als Zeitungsromane erschienen sind.
Ein großes Problem, dass ich persönlich an dem Prinzip des Fortsetzungsromans sehe, liegt auf Seiten des Autors: Auf diese Weise kann oder muss der Schriftsteller sogar den Anfang eines Werkes veröffentlichen, ehe das gesamte Manuskript fertiggestellt ist. Natürlich, theoretisch ist es möglich, das Buch schon im Vorhinein vollständig zu schreiben. Doch dagegen spricht einerseits die natürliche Trägheit des Künstlers, und andererseits verlöre der Autor damit ja einen der größten Vorteile dieser Veröffentlichungsart: die Möglichkeit, das Feedback seiner Leser ganz direkt auszuwerten und anzuwenden.

Es bleibt die Frage, wie genau das Werk im Vorhinein geplant worden ist. Wenn man das Buch heute liest, bietet es dann eine in sich abgeschlossene Vision, ein schlüssiges Gesamtgefüge? Oder liest sich das Buch so wie es geschrieben ist, zusammengestückelt und quasi erst auf dem Weg erdacht?
Die Antwort fällt, wie immer, unterschiedlich aus.
Das beste Beispiel, wie unterschiedlich sich ein Fortsetzungsroman gestalten kann, liegt für mich bei Dumas, im Vergleich seiner beiden berühmtesten Romane Die drei Musketiere und Der Graf von Monte-Christo. Bei beiden Werken handelt es sich um Zeitungsromane, sie sind beide zur gleichen Zeit entstanden – aber von ihrem Prinzip, von ihrer Durchstrukturierung sind die Bücher vollkommen unterschiedlich.
Die drei Musketiere ist ganz klar eine klassische Abenteuerserie. Die Handlung spannt sich immer weiter fort, einmal geht es um die Diamantnadeln der Königin, dann um die Schlacht bei La Rochelle, es geschieht dies und das, und irgendwann fällt den Hauptfiguren ein, dass sie Milady nun langsam zur Strecke bringen könnten. Das Buch hat keine klare Struktur, keinen einheitlichen Spannungsbogen – im Gegensatz zu allen Verfilmungen und Adaptionen, die die Handlung immer zusammengefasst und erzählerisch geordnet wiedergeben.
Als Serie allerdings funktioniert die Geschichte perfekt. Das Buch ist spannend, es gibt jede Menge Cliffhanger, immer wieder bieten sich strukturelle Pseudo-Auflösungen an, die dann wieder unterbrochen werden durch einen neuen Handlungsantrieb für die Hauptfiguren. Dieser Stil ist perfekt geeignet, um die Leser bei der Stange zu halten; es handelt sich um ein klassisches Serienprinzip.
Auf der anderen Seite steht Der Graf von Monte-Christo, ein Werk, bei dem nach einer simplen Inhaltszusammenfassung schon klar sein dürfte, dass es auf einem genau ausgearbeiteten Konzept beruht. Der Roman stellt von Anfang an eine klare Aufgabe, die Hauptfigur hat ein eindeutig abgestecktes Ziel. Mit dem Ende seines großen Spannungsbogens schließt das Werk auch ab und wird nicht weiter in die Länge gezogen – kurz, ein in sich perfekt durchstrukturierter Roman.
Besonders interessant ist hierbei die Feststellung, dass das Buch zwar bei seinen Daten und Fakten immer wieder kleinere Fehler aufweist, doch bei den großen Zeitangaben und strukturellen Bögen immer korrekt ist. Bei genauerer Betrachtung wird somit klar, dass die Punkte, die dem Autor wichtig waren, auch wirklich von Anfang an in einem genauen Konzept ausgearbeitet worden sein müssen.

Am Ende komme ich schlicht zu dem Ergebnis, dass es offensichtlich selbst für ein und denselben Autor verschiedene Arten gibt, einen Fortsetzungsroman anzugehen. Doch es bleibt die Erfahrung, dass die strukturellen Probleme bei Die drei Musketiere (wenn man sie denn als Probleme werten will) beileibe kein Einzelfall sind.
Die von mir leidenschaftlich gehasste Moralitätenerzählung Pinocchio wurde beispielsweise auch in Teilen veröffentlicht. Und neben der unerträglichen pädagogisch wertvollen Darbietung und seiner inhärenten Gehässigkeit hat das Buch für mich noch ein ganz anderes Problem: Es ist auf die Dauer stinklangweilig zu lesen. Die Geschichte zieht sich weiter und weiter fort, ein ergebnisloses Abenteuer folgt auf das andere, während Pinocchio von einer Bredouille in die nächste stolpert. Das lang ersehnte Ende ist schließlich abrupt und strukturell sinnlos; am Ende wird die Puppe kurzfristig gnädigerweise in einen Jungen verwandelt, ehe ihr die nächste Versuchung begegnen kann.
Auch Oliver Twist, ein anderer von mir nicht geliebter Klassiker der Kinderliteratur, leidet an einem ähnlichen Problem: Das Martyrium des armen Waisenknaben zieht sich einfach von einem Drama zum nächsten, ohne dass je abgesehen werden kann, was genau für ein positives Ende nun noch geschehen müsste.
Aber genau das ist für ein einheitlich verfasstes und durchstrukturiertes Buch wichtig! Die Leser müssen zumindest grob abschätzen können, was eigentlich los ist und wohin die ganze Sache führt. Allerdings nicht unbedingt bei einer Serie, wo es eher darum geht, jede Woche einen neuen, interessanten Abschnitt zu bieten.

Und dann gibt es da natürlich noch eines meiner großen Lieblingsbücher: Das Phantom der Oper.
Es fällt mir schwer, hier die genauen Auswirkungen der Veröffentlichungsart zu beurteilen. Der Roman leidet sicher nicht unter den oben angeführten Schwachstellen klassischer Fortsetzungsromane. Die Handlung ist von Anfang bis Ende genau durchdacht, alle Twists und Wendungen waren dem Autor ganz offensichtlich von Anfang an klar.
Und doch: Das Buch ist nicht perfekt – beileibe nicht. Es basiert auf einer großartigen Idee, die allerdings immer wieder von einer ins Mittelmäßige reichenden Ausführung überschattet wird (ganz im Gegensatz zu Susan Kays Das Phantom, der großartigen Weiterführung ebendieser Idee).
Ich frage mich, inwieweit meine Probleme mit dem Roman mit seiner ursprünglichen Episodenform zusammenhängen könnten, ohne diese Frage wirklich beantworten zu können. Wie viel von der nervigen Raoul-Perspektive ist dem beim Zeitungsroman so essentiellen Spannungsdruck geschuldet? Um wie viel wären die Emotionen, wäre Eriks Sicht stärker ausgeprägt, wenn das Buch von Anfang an als Gesamtwerk angelegt wäre? Ich kann es schlicht nicht sagen.

Das Phantom der Oper ist Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts entstanden, zu einer Zeit, als die Kunstform des Zeitungsromans ihren Höhepunkt schon lange überschritten hatte. Wenn es heutzutage noch Fortsetzungsromane gibt, so liegen sie sich von ihrer Länge her meist auf einem völlig anderen Niveau, in Gestalt von Mehrteilern und Buchreihen. Auch George R. R. Martins Lied von Eis und Feuer ist schließlich nichts anderes als ein epischer Fortsetzungsroman, mit allen klassischen Stärken und Schwächen dieser Kunstform – und einer Seitenanzahl, die selbst die Schriftsteller des neunzehnten Jahrhunderts zum Erblassen bringt.
Doch der klassische Zeitungsroman in seiner häppchenweisen Veröffentlichung ist heute quasi ausgestorben. Und dass, wo sich gerade in der heutigen Zeit von Ebooks und Bloggern die idealen Plattformen für diese Veröffentlichungsart geradezu aufdrängen. Was wäre besser geeignet als ein Blog, um ein Buch Kapitel für Kapitel zu veröffentlichen, und es den Lesern damit so direkt wie nur möglich zu präsentieren?
Ich muss zugeben, es ist kein Zufall, dass ich gerade jetzt auf dieses Thema komme. Ich bin stark am Überlegen, einen eigenen Roman in kurzen Abschnitten herauszubringen, indem ich ihn auf diesem Blog veröffentliche. Ich denke, die Geschichte zeigt, dass es mit der richtigen Vorbereitung und genauer Planung möglich ist, auch auf diese Weise am Ende ein gutes Gesamtwerk zu schaffen.
Erst einmal werde ich eine Zeit lang weiter über diese Möglichkeit nachdenken. Wir werden sehen, was sich im Laufe der nächsten zwei bis drei Monate noch weiter aus diesen Gedanken ergibt.