Als leidenschaftlicher Anhänger sowohl von Gaston Leroux‘ berühmtestem Schauerroman als auch von Andrew Lloyd Webbers Adaption möchte ich den 25. Geburtstag des Musicals mit einem höchst subjektiven Überblick über seine Geschichte feiern – Vorhang auf für Das Phantom der Oper.
 
Nachdem „Le Fantôme de l’Opéra“ seine Premiere als erfolgreicher Fortsetzungsroman in der Zeitung „Le Gaulois“ hatte, erschien das Buch 1911 erstmals in Romanform. Die tragische Liebesgeschichte von Erik, dem entstellten Meister des Pariser Opernhauses und seiner Faszination für die junge Sängerin Christine Daaé ist heute weltbekannt und die Tatsache, das Leroux im Buch immer wieder beschwört, dass die Geschichte auf Tatsachen beruhe, gibt dem Roman noch einen ganz besonderen Reiz.
Das Buch ist eine typische „gothic novel“ seiner Zeit. Leroux benutzt die bekannte Kulisse des glänzenden Pariser Opernhauses, die jedem Pariser (zumindest von außen) altvertraut ist, und erfüllt die unerforschten Winkel und Kellergewölbe mit versteckten Geheimnissen und Schrecken.
Ein Teil dieses unheimlichen Effektes ist (ähnlich wie bei Dr. Jekyll und Mr. Hyde) an ein heutiges Publikum leider größtenteils verschwendet: An sich handelt es sich bei dem Phantom der Oper um einen mystischen Kriminalroman, in dem der unbedarften Leser bis zuletzt nicht sicher sein kann, wie viel Übernatürliches nun wirklich in den sich häufenden „Unfällen“ und dem geheimnisvollen Phantom, das die Oper heimsucht, stecken mag.
Die große Bekanntheit des Werkes dürfte diese Spannung aber für den Großteil der Leser von vornherein abmildern.
Ich hatte das Glück, im zarten Alter von acht Jahren noch nicht allzu medienverspoilert zu sein und konnte so die Wirkung der Geschichte voll genießen. Seit diesem Tag stellt Das Phantom der Oper – unterstützt von dem noch tiefer führenden Roman Das Phantom von Susan Kay – unbestritten mein am meisten geliebtes Buch dar.

Übrigens: Ich habe geklopft, aber es war nichts zu erkennen – nicht, dass das nach über hundert Jahren und jeder Menge Renovierungsarbeiten etwas heißen will …

Das Buch hat gerade in den letzten Jahrzehnten eine Unmenge an Filmen, Musicals, Theaterstücken, Büchern und sogar Balletten inspiriert; es sind so viele, dass es in der englischen Wikipedia einen eigenen Artikel allein für die Adaptionen des Buches gibt. Ich will nicht behaupten, dass ich auch nur einen signifikanten Teil davon gesehen habe (ich arbeite daran ;-), doch nach allem, was ich weiß ist die mit Abstand berühmteste Bearbeitung des Stoffes gleichzeitig die werkgetreueste und die meiner Meinung nach beste:
Das Musical von Andrew Lloyd Webber mit Texten von Charles Hart und Richard Stilgoe, das heute vor 25 Jahren, am 9.10.1986 in Her Majesty’s Theatre im Londoner West End seine Premiere feierte.
Die weibliche Hauptrolle des jungen „Singgenies“ schrieb Webber für seine damalige Frau Sarah Brightman, das Phantom wurde von Michael Crawford gewichtig in Szene gesetzt.
Ich muss zugeben, dass ich leicht schockiert war, als ich die „originale“ Londoner Aufnahme des Musicals zum ersten Mal hörte: Die Kombination von Crawfords Bemühungen und Steve Bartons unvergleichlichem Bariton haben doch wirklich dafür gesorgt, dass ich hier erstmals auf Raouls Seite war …
Die (meiner unmaßgeblichen Meinung nach) mit Abstand genialste Aufnahme ist die Wiener CD mit Luzia Nistler und Alexander Goebel, der deutschen Stimme von Jack Skellington – eine auf makabere Weise sehr passende Assoziation.
In dem Musical wird die düstere Geschichte auf fantastische Weise neu erzählt und einem breiten Publikum präsentiert. Die Umsetzung für die Bühne bleibt dem Kern des Buches treu ohne sich sklavisch daran zu halten und meistert so diesen schwierigen Balanceakt mit Bravour. (Eine der größten Freiheiten besteht darin, dass die „große Auflösung“ über die Identität des Phantoms innerhalb der ersten halben Stunde erfolgt – eine kluge Entscheidung, bedenkt man die heutige ikonische Stellung des Werkes.) Als wichtigste Zutat kommt dazu natürlich die grandiose Musik, in der Webber gekonnt das Beste von Oper und Musical verknüpft – gerade für diese Musik kann man doppelt dankbar sein, bedenkt man, dass Webbers erste Konzepte darin bestanden, lediglich bestehende klassische Lieder und Arien für das Musical neu zusammenzufügen.
Es handelt sich um eine Show, die wirklich alles bietet: Tiefe Tragik, die sich mit leichten Comedy-Liedern abwechselt, mystische Momente und wuchtige Spezialeffekte, und nicht zuletzt großartige Lieder, die die pure Leidenschaft großer Gefühle verkörpern.
 
Man kann guten Gewissens sagen, dass Das Phantom der Oper einen Höhepunkt der Glanzzeit durchkomponierter dramatischer Musicals wie Les Misérables und Elisabeth darstellt – und das in jeder Hinsicht: Von Kritikern wie von Fans geliebt, ist The Phantom of the Opera das erfolgreichste „Entertainment Event“ aller Zeiten, das am längsten laufende Broadway-Musical überhaupt und mit über 10.000 Vorstellungen das am zweitlängsten laufende West-End-Musical, knapp hinter Les Misérables.
Wenn man bösartig sein wollte – was mir natürlich nie in den Sinn käme – könnte man es als tragische Ironie bezeichnen, dass Webbers erfolgreichstes Musical auch das letzte wirklich gute Werk ist, das er abgeliefert hat (über Sunset Boulevard lässt sich in der Hinsicht streiten). Daher ist es nicht verwunderlich, dass Sir Andrew seit einigen Jahren verzweifelt damit beschäftigt ist, seinen großen Wurf nach allen Regeln der Kunst auszuschlachten.
Nach langjährigen Planungen erschien Das Phantom der Oper 2004 als großer Hollywood-Blockbuster mit Gerard Butler und Emmy Rossum, der trotz allem Hype nur ein mittelmäßiges Einspielergebnis und gemischte Kritiken erhielt.
Meiner Meinung nach war das Ergebnis abzusehen – wir wissen alle, was passiert, wenn Joel Schumacher ein Projekt übernimmt, das geeigneter für Tim Burton wäre. Der Film war oberes Mittelmaß, eine Glamour-Show, die ihr Potential nicht ausnützte und im Gegensatz zu der Bühnenshow eben nicht mehr auf Leroux’s Buch basierte. (Und nein, die Tatsache, dass ich viermal im Kino war, hat hierbei keinerlei Relevanz…)
Aus dem entstellten Genie, das außer bei einem Schönheitswettbewerb in praktisch jeder Hinsicht unschlagbar ist, wurde – das hier:

Als Trost für das verletzte Fanherz erschien ein Jahr später Phantasia, eine wundervolle Suite für Violine und Violoncello (gespielt von Sarah Chang und Julian Lloyd Webber), die die Dramatik des Musicals perfekt einfängt, und dementsprechend völlig unbekannt ist.

Webber ist bekannt dafür, dass auf Kritik gerade von Seiten seiner Fans schnell beleidigt reagiert. Daher ist es nicht verwunderlich, dass er nach den gemischten Reaktionen auf seinen Film nach einer passenden Strafe für die verärgerten Stimmen suchte – und er fand sie in Gestalt einer Musical-Fortsetzung: des 2010 erschienenen Love never dies.
Das Logo zeigt (warum auch immer) eine reanimierte, herausgeputzte Leiche – unkonventionell, aber immerhin ein interessanter Ansatz und eine sehr passende Zusammenfassung des Musicals.
Selbst Webbers Katze Otto sah nur eine mögliche Reaktion auf dieses Machwerk und schaffte es, einen Großteil der Komposition am Keyboard zu löschen, was den Fortschritt des Unheils allerdings nur für kurze Zeit aufhalten konnte.
Ich muss zugeben, dass ich die CD nicht nur sofort nach Erscheinen gehört, sondern anfänglich auch gemocht habe. Sicher, die Geschichte des zurückgekehrten Phantoms mit eigenem Vergnügungspark ist unterirdisch, aber ein paar der Lieder fand ich wirklich gut – gut genug für einen neugierigen Kurzausflug nach London.
Sagen wir einfach, ich habe es bereut.

Nur noch einmal zum Vergleich: von der mystischen Bootsfahrt im Kerzenlicht zu einem sechshändigen Skelett-Steampunk-Rokoko-Roboter – ganz zu schweigen von dem gestreiften Pullover.

Das Musical ist nach knapp anderthalb Jahren Spielzeit in London abgesetzt worden, die Broadway-Premiere wurde erst verschoben und schließlich aufgegeben.
Von der australischen Version erschien im Februar 2012 eine Aufnahme – nun ja, bei manchen Musicals dauert das 25 Jahre, bei anderen etwas weniger. Theoretisch könnte man der anderen Inszenierung noch eine Chance geben, reell hoffe ich, dass sich jemand findet, der mich von einer derartigen Torheit abhält.
Kurz darauf darauf ist nebenbei bemerkt auch Webbers neues Musical Der Zauberer von Oz in London gestartet, eine Produktion, in der der Meister die weltbekannten Melodien des Films von 1939 mit eigenen Liedern (zum Beispiel für den Zauberer und die Hexen) ergänzt hat – Kompliment, so schafft er es mit minimalem Aufwand, zwei ikonische Musicals gleichzeitig auszuschlachten.
Trotz dieses traurigen Abwärtstrends der letzten Jahre bot sich für das Musical doch im Oktober 2011 eine Möglichkeit zur Ehrenrettung: Zum 25. Geburtstag fand in der Royal Albert Hall eine spektakuläre Jubiläums-Aufführung von The Phantom of the Opera statt. Dieses Event wurde weltweit live in die Kinosäle übertragen und ich habe es mir natürlich nicht nehmen lassen, mir diese Aufnahme anzuschauen.
Meine Meinung in einem Wort: wunderbar!
Das Musical wurde für die Bühne der Royal Albert Hall „neu“ inszeniert, aber natürlich ist diese Inszenierung stark an die bekannte Version angelehnt. Dank der größeren Bühne und des besonderen Anlasses sind die Szenen zum Großteil noch um einiges aufwändiger als sonst – so gibt es beim Maskenball zwei Treppen statt nur einer – allerdings ist die Bühne eben nicht speziell auf das Musical ausgelegt, so dass an manchen Special Effects wie den emporsteigenden Kerzenständern leicht gespart wurde.
Im Großen und Ganzen finde ich die Veränderungen aber durchweg positiv – es wurde sogar auf die Christine-Puppe verzichtet, die mich während „Music of the Night“ seit jeher aufgeregt hat.
Der berüchtigte Lüster musste natürlich auch zu der Größe des Saales passen, und so wurde statt des üblichen Kronleuchters eine der Originalrequisiten aus dem Film genommen. So gut mir dieser gewaltige Lüster gefallen hat, so enttäuschend war doch die unangenehme Konsequenz: Es war offensichtlich unmöglich, das riesige Stück mit annehmbarem Aufwand auf der Bühne zerschellen zu lassen, und so muss der Lüstersturz – die vielleicht ikonischste Szene des Musicals – in dieser Version ausfallen. Der Lüster leuchtet hier nur bedrohlich auf und das Einzige, was niederfällt, ist ein großer Funkenregen.
Trotzdem überwiegen für mich die positiven Aspekte der Inszenierung, und das absolute Highlight der Aufführung stellten die wunderbaren Darsteller dar; allen voran Ramin Karimloo und Sierra Boggess. Sie glänzten nicht nur durch perfekten Gesang, sondern überzeugten auch als Schauspieler auf ganzer Linie. Vor allem das oft unterschätzte „I remember – Stranger than you dreamt it“ mit der ersten Demaskierung hat mir noch nie solche Gänsehaut beschert.
Manche Musicals (wie Evita oder Les Misérables) sind geradezu prädestiniert für eine überschwängliche Hollywood-Verfilmung, bei manchen (wie Cats oder Elisabeth) scheint eine solche Verfilmung geradezu absurd, und eine professionelle Aufnahme der Aufführung ist alles, was das Fanherz begehrt.
Einige Musicals wie Chicago, Sweeney Todd oder eben Das Phantom der Oper scheinen mir eine Mischung aus beidem: Obwohl sie Seele der Stücke fest mit der Musical-Bühne verwachsen wirkt, ist eine Verfilmung nicht ausgeschlossen und ein Regisseur mit viel Fingerspitzengefühl kann mit Hilfe des Mediums „Film“ ganz neue Facetten aus dem Werk herausholen. Eine Verfilmung des Phantoms hätte wundervoll werden können, hätte man versucht, die Eigenheiten der Bühne zu bewahren und dem Stück seinen morbiden Charakter belassen, statt es zu einer reinen Effektorgie auszuschlachten.
Umso schöner ist es, das dem Musical nun quasi eine zweite Chance gegeben wurde und dieser Fauxpas somit ausgebügelt ist. Natürlich ist die grandiose Aufnahme aus der Royal Albert Hall  auch auf DVD erschienen, und somit gibt es auch für Das Phantom der Oper nun endlich eine nahezu perfekte Heim-Edition, die für jeden Liebhaber dieses Werkes als Referenzaufnahme dienen kann.

Mit freundlicher Genehmigung von SirDonnerboldsBagatellen: ein Nachdruck meines Gastartikels vom 9.10.2011