Kategorie: Literatur & Rezensionen

Shakespeare & Fluch der Karibik

Wahrscheinlich kennen einige der Leser das Gesellschaftsspiel „Tabu“, bei dem die Mitspieler vorgeschriebene Begriffe erklären müssen, ohne bestimmte naheliegende Assoziationen zu verwenden. Als wir dieses Spiel einmal in größerer Runde spielten, stellte mein neunjähriger Bruder die Frage: „Wer hat Fluch der Karibik geschrieben?“ Ich war mir ziemlich sicher, dass Ted & Terry keine mögliche Tabu-Antwort darstellen, und ich brach die Runde ab, um ihn nach der vermeintlichen Lösung zu fragen. So kamen wir darauf, dass der zu erratende Name „Shakespeare“ war – die Erklärung meines Bruders: „Romeo und Julia durfte ich ja nicht sagen!“
In der darauffolgenden allgemeinen Heiterkeit wurde ihm klar, dass er einen Fehler gemacht hatte und er wandte sich beleidigt ab. Ich musste ihm schnell erklären, dass wir nicht ihn auslachen, und dabei stellte sich die Frage: Warum ist diese spezielle Fehlannahme so amüsant?
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Große, schwarze Augenhöhlen – von kleinen Gespenstern und Kürbiskönigen

Nachdem gerade im Bereich der Kinderunterhaltung alles, was Fantasy und coole CGI-Wesen beinhaltet, seit Jahren im Trend liegt, war es nur eine Frage der Zeit, dass nach Krabat auch die anderen Kinderbücher von Ottfried Preußler für die große Leinwand adaptiert wurden. Nun wurde also auch der Kinderbuchklassiker Das kleine Gespenst mit großem Aufwand verfilmt, und das Ergebnis ist wie erwartet – mittelmäßig.

Die Vor- und Nachteile der Verfilmung sind schnell aufgezählt. Der Humor und der Charme des Buchs sind in vieler Hinsicht gut wiedergegeben und es ist herzerwärmend, die altvertrauten Szenen mit einem Mal ganz real zu erleben. Dagegen war es wirklich unnötig, einen zusätzlichen Kinderkrimi-Erzählstrang einzuweben, der mit mittelmäßigen Schauspielern und völlig übertriebenem Drama eher unterdurchschnittlich daherkommt.
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Die Reise des Asterix

Jüngst ist mit Asterix bei den Pikten ein neuer Asterix-Band erschienen – heutzutage ein seltenes und durchaus bemerkenswertes Ereignis. Dies zum einen, weil neue Abenteuer des kleinen Galliers selten geworden sind; der letzte neue Band kam 2005 vor nunmehr acht Jahren heraus. Zum anderen aber stellt gerade dieser Band ein spannend Ereignis dar, ist es doch der erste Band überhaupt, der nicht von den Schöpfern der Reihe selbst geschrieben wurde. Nun stellt sich die Frage: Wie ist dieser Band gelungen?
Meiner Meinung nach muss man dafür etwas ausholen …

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La Esmeralda: Heldin der falschen Geschichte

Der Glöckner von Notre-Dame, Victor Hugos großer historischer Roman, bildet seit beinahe zweihundert Jahren den Inbegriff einer allumfassenden Tragödie. Auch wenn die Disneyverfilmung längst nicht die einzige Adaption ist, die die Geschichte bedeutend weniger grausig enden lässt – im Original nimmt wirklich jede einzelne Figur ein tragisches Ende – so hat doch keine der Bearbeitungen irgendetwas an diesem Status zu ändern vermocht.
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Zum Thema Erbsünde im Grafen von Monte Christo

Ich habe vor ein paar Wochen hier einen Artikel über die verschiedenen Adaptionen von Alexandre Dumas‘ Der Graf von Monte Christo geschrieben. Ein besonderes Augenmerk habe ich dabei auf Wildhorns Musical gelegt und auf die Veränderung, Albert de Morcerf zum unehelichen Sohn des Grafen selbst umzudeklarieren (eine Wendung, die wie die meisten eher unerfreulichen Züge des Musicals von der Filmversion von 2002 übernommen wurde). Dass ich das für eine so unüberlegte wie törichte Idee halte, habe ich schon gesagt, aber hier möchte ich erklären, warum diese Veränderung für mich so direkt eine der Grundbotschaften des Romans pervertiert.
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Verschiedene Gesichter des Grafen von Monte Christo

Man könnte Alexandre Dumas‘ Klassiker Der Graf von Monte Christo wohl als die ultimative Vergeltungs-Geschichte bezeichnen: Ein junger Seemann wird von seinen Freunden verraten und verbringt 14 Jahre unschuldig im Kerker, ehe er schließlich fliehen kann und als reicher Graf zurückkehrt, um sich an seinen Peinigern grausam zu rächen. Abgesehen von den eigenen Adaptionen hat das Buch auch ganz allgemein einen großen Einfluss auf die heutige Zeit ausgeübt, ob es nun als Inspirationsquelle dient, wie für Sondheims Sweeney Todd, oder ob das Werk wie in V wie Vendetta ganz offen referenziert wird.
Dabei stellt sich mir aber gerade bei Letzterem die Frage, warum es speziell die Verfilmung von 1934 ist, die V Evey im Film zeigt. Gerade diese Adaption der Geschichte endet nicht nur wenig originalgetreu, sondern geradezu schmerzhaft kitschig, so dass Eveys Bemerkung, dass die Rache dem Grafen wichtiger war als seine Liebe, hier kaum zuzutreffen scheint – auch wenn es zugegebenermaßen wenige Verfilmungen gibt, in denen dieser Punkt des Buches wirklich deutlich wird.
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Der Besuch der Alten Dame – ein Musical-Abend bei den Thuner Seespielen

Als großer Bewunderer Friedrich Dürenmatts kann ich sagen, dass mich keines seiner Werke so gefesselt hat wie Der Besuch der Alten Dame, die grausame Tragikkomödie, in dem eine steinreiche Dame in ihre Heimatstadt zurückkehrt, um sich die langentbehrte Rache an ihrer Jugendliebe zu erkaufen. Und gerade weil die Grundidee des Stücks so simpel ist, ist das Theater wohl der einzig passende Ort für Dürrenmatts Geschichte – nur dort ist es möglich, die Handlung in all ihrer Vorbehaltslosigkeit gleichzeitig absurd und dennoch beklemmend realistisch darzustellen. Das ist auch der Grund, warum ich die Theateraufnahme von 1959 als die einzig wahre Verfilmung des Stoffes ansehe; die Hollywood-Fassung von 1963 oder gar dem jüngst erschienenen, krampfhaft vertragisierten Film von 2008 gelingt es einfach nicht, dem Stück wirklich Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Wie Dürrenmatt selbst sagte: „Die Alte Dame ist ein böses Stück, aber gerade deshalb darf es nicht böse, sondern muss aufs humanste wiedergegeben werden, mit Trauer, nicht mit Zorn, doch auch mit Humor, denn nichts schadet dieser Komödie, die tragisch endet, mehr als tierischer Ernst.“
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West Side Story vs. Shakespeare

Ich bin im Allgemeinen der Erste, der sich dagegen verwehrt, ein Werk als unantastbar einzustufen, nur weil es als hohe Kultur gilt. Keiner der großen Meister war wirklich unfehlbar, und viele althergebrachte Kunstwerke wurden seit Ewigkeiten so auf einen Sockel gestellt, dass ihre Schwächen gar nicht mehr wahrgenommen werden dürfen. Wenn dann doch einmal eine Adaption sich bemüht, ihr Ursprungsmaterial noch zu perfektionieren, so kann das Ergebnis überraschende und beeindruckende Züge annehmen. Aber gleichzeitig gilt sicherlich auch das Gegenargument: Wenn ein Buch, ein Bildnis oder ein Theaterstück seit Jahrhunderten als genial gelten, so hat das in den meisten Fällen auch seine Gründe, und ein moderner Bearbeiter sollte seinerseits einen wirklich guten Grund haben, diese Klassiker zu verändern.
Shakespeare kann wohl als Musterbeispiel für beide Seiten der Überlegung gelten. Größere Klassiker als die Stücke des Barden gibt es in unserem Kulturkreis kaum, und seine Texte wird man wohl mit jedem Recht als genial bezeichnen. Doch auf der anderen Seite haben auch die grandiosesten seiner Werke oft dieselben inhaltlichen Schwächen: Die Handlung wird von konstruierten Zufällen angetrieben, die Nebenfiguren sind zwei- bis eindimensional und nicht immer sind die Geschichten selbst wirklich durchdacht.
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Warum ich den Großen Gatsby für kaum verfilmbar halte

Während ich den Großen Gatsby von F. Scott Fitzgerald vor zwei Wochen aus Anlass der neuen Verfilmung zum ersten Mal gelesen habe, ging mir immer wieder ein Gedanke durch den Kopf: Dieses Buch muss verdammt schwer zu verfilmen sein. Natürlich ist so eine Einschätzung nicht allgemeingültig; es gibt genug Romane, die für unverfilmbar galten, bis ein genialer Regisseur das Publikum eines besseren belehrte. Und gerade Baz Luhrmann konnte ich mir wirklich noch als Ehesten vorstellen, um dieses Werk zu adaptieren – sein markanter Stil ist vielleicht der Einzige, der Fitzgeralds Worte für mich hätte filmisch umsetzen können.

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Die Wege des Leibhaftigen in Der Meister und Margarita

Eine der interessantesten Teufelsdarstellungen unserer Zeit bietet Mikhail Bulgakov in seinem 1940 fertiggestellten Roman Der Meister und Margarita. Das Buch erzählt, wie der Leibhaftige unter dem Namen Professor Woland mit seinem Gefolge nach Moskau reist, um dort seinen jährlichen Frühlingsball abzuhalten und es berichtet von den allgemeinen Verwirrungen, die diese Reise bei jedem hinterlässt, der der der Schar auf die eine oder andere Weise über den Weg läuft.
Dabei unterscheidet sich Woland die gesamte erste Hälfte des Buches über kaum von der typischen Teufels-Inkarnation. Praktisch jedes Mitglied der Moskauer Gesellschaft, das ihm begegnet, stellt sich als arrogant, gierig oder schlichtweg dumm heraus, und sie alle werden von ihm oder seinen Dienern auf die eine oder andere Weise abgestraft. Auf diese Weise bietet Bulgakov in seinem Roman eine so sarkastische wie trockene Kritik an der russischen Gesellschaft und dem Staatssystem, die dafür sorgte, dass Der Meister und Margarita mehrere Jahrzehnte auf seine Veröffentlichung warten musste.
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