Kategorie: Literatur & Rezensionen

Silberschellen und Klatschmohn – der kleine Prinz, Anna und Mister Gott

Die beiden Werke Der kleine Prinz und Hallo Mister Gott, hier spricht Anna gehören für mich unbestreitbar zu den großen Klassikern der Weltliteratur. Diese beiden Bücher, in denen zwei einmalige, überlebensgroße Kindergestalten verewigt worden sind, scheinen mir auf geradezu sonderbare Weise verwachsen. Weswegen das so ist, lässt sich in einem Satz kaum sagen, aber ein Beispiel mag der Vergleich der berühmtesten Zitate der beiden Bücher sein – zwei Zitate, die eine wenn auch nicht ähnliche, so doch auf seltsame Art verwandte Aussage bieten:
„Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“
und
„Der Unnerschied von einen Mensch und einen Engel ist leicht. Das meiste von ein Engel ist innen, und das meiste von ein Mensch ist außen.“
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Schönheit und Tod in Venedig

Venedig ist sicherlich eine der faszinierendsten und sonderbarsten Städte überhaupt. Vollkommen auf dem Wasser erbaut, bietet jedes Bild der Lagunenstadt einmalige und unverwechselbare Aussichten auf alte Kirchen, schmale Kanäle und pittoreske Gehwege. Und die Fotos der Lagunen und der goldenen Paläste mit ihrem Prunk sind ohne Zweifel weltbekannt. Aber eine andere, sehr viel interessantere Seite der Stadt liegt zur gleichen Zeit eher versteckt – um sie zu finden muss man wirklich dort hinreisen, und einen Tag nur damit verbringen, durch unerforschte Gassen zu streifen; am besten ohne Stadtplan, Zeitlimit und vor allem ohne Ziel.

Das Venedig, das dann zum Vorschein kommt, lässt sich für mich am besten so beschreiben: Was geschähe, wenn ein wahnsinniger Multimilliardär Tim Burton die Mittel zur Verfügung stellen würde, eine ganze Stadt nach eigenem künstlerischen Gutdenken zu entwerfen und aufzubauen? Ich rede hier nicht von Spiralen und schwarz-weißen Streifenmustern, sondern von dem morbiden Stil, der so viel von Burtons Werk auf ausschlaggebende Weise durchzieht. Der Künstler, der seine Freude daran hat, Flickenpuppen und halb verweste Leichen als zarte Schönheiten darzustellen, könnte keine morbidere Stadt erschaffen, als das Venedig, das sich hinter der hauchdünnen Touristenfassade verbirgt.
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Rezension: der Hexenhammer

Ich bin zurzeit dabei, mich durch den Hexenhammer zu arbeiten; das große Standardwerk der frühen Inquisition.

Es handelt sich wirklich um ein spannendes Buch, auch wenn die Lektüre sicher nicht einfach fällt. Besonders beeindruckt mich, wie stark der Autor versucht, all seine „Erkenntnisse“ wissenschaftlich abzuleiten – nur dass all seine Schlussfolgerungen am Ende immer auf irgendeinem obskuren Bibelzitat oder den Schriften eines Heiligen begründet sind.

Das Ganze ist auf jeden Fall eine faszinierende Lektüre, besonders wenn man verstehen will, wie die Menschen damals „getickt“ haben. Wir machen es uns heute sicher viel zu leicht, wenn wir das Fehldenken früherer Zeiten einer simpleren (wenn nicht direkt dümmeren) Grundmentalität zuordnen wollen.

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Die Völkermühle Europas

In einem Gespräch über die aktuelle politische Lage habe ich mich neulich an General Harras‘ Monolog in ‚Des Teufels General‘ erinnert gefühlt. Eine kurze Suche hat ergeben, dass diese Szene des Theaterstücks sogar einen eigenen Wikipedia-Eintrag hat!

Dabei geht es darum, was das „Deutsch-Sein“ eigentlich ausmacht und welche Ahnengeschichte hinter unserem Land steht. Und Zuckmayers Zusammenfassung erscheint mir heute (trotz der etwas archaischen Wortwahl gegen Ende) durchaus beachtlich.

Das Stück ist von 1947 – sicher keine leichte Zeit für Deutschland oder das deutsche Selbstverständnis. Gerade in Anbetracht dessen finde ich diese Zusammenfassung der „deutschen Identität“ nach wie vor beeindruckend.

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Der Papyrus des Cäsar: Asterix ist endlich wieder da!

Bei Asterix handelt es sich um eine geniale Comicreihe – das ist ein Fakt, der bei Comicbuch-Liebhabern und Historikern gleichermaßen als festgesetzt dastehen dürfte. Dass Asterix seine besten Tage nun lange hinter sich gelassen hat, gilt wohl leider als genauso allgemeingültige Tatsache. Seit Asterix-Autor René Goscinny seine Figur 1977 durch seinen frühzeitigen Tod im Stich lassen musste, hat sich Zeichner Albert Uderzo bemüht, das Leben der unbeugsamen Gallier im Alleingang weiterzuführen – zunehmend mit zweifelhaftem Erfolg.
Über das Leid der späteren Asterix-Bände habe ich vor zwei Jahren schon einen ausführlichen Artikel geschrieben, damals, als der erste Band unter der Feder der neuen Autoren Jean-Yves Ferri und Didier Conrad erschienen ist. Asterix bei den Pikten glänzte mit einer Durchschnittlichkeit und Langeweile, die alles bisher Gesehene in den Schatten stellte, und die absurden Story-Katastrophen der späteren Uderzo-Bände in ein geradezu charmantes Licht rücken ließ.

ASTERIX-Bd36-Cover_finalNun hat das neue Autoren-Duo nach Asterix bei den Pikten seinen zweiten Band herausgebracht: Der Papyrus des Cäsar. Und trotz meiner unbarmherzigen Meinung dem letzten Asterix-Abenteuer gegenüber, habe ich mich entschlossen, den beiden noch eine zweite Chance zu gewähren (mehr …)

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Herr der Fliegen, Peter Pan und die Unschuld der Kinder

William Goldings Meisterwerk Herr der Fliegen ist ein grausames Buch. Es ist eine Erzählung von der Brutalität der Kinder, von Verrohung und Entmenschlichung und von dem Verlust der Unschuld.
Herr der Fliegen zeichnet ein Bild der Menschheit anhand einer Gruppe Kinder, die auf einer einsamen Insel gestrandet sind. Während die sechs bis zwölfjährigen Jungen zu Beginn noch fest vorhaben, eine geordnete Gesellschaft aufrechtzuerhalten, kippt das mühsam erhaltene Gefüge allzu bald ab: Die Kinder wenden sich gegeneinander, die kulturelle Erziehung fällt Stück für Stück zusammen und bald herrschen auf der Insel nur noch Gewalt und das Gesetz des Stärkeren.
vlcsnap-2015-09-24-10h11m46s221 Diese Geschichte könnte wohl alleine durch die dargestellte Grausamkeit wirken, doch die Genialität von Herr der Fliegen liegt darin, dass das Buch bei weitem mehr tut. Wenn es dem Buch heute noch genauso wie vor fünfzig Jahren gelingt, seine Leser zu schockieren und fassungslos zurückschrecken zulassen, so liegt das nicht an der Gewalt, die die jungen Hauptfiguren wirklich auswirken. Es ist viel mehr der Bruch zum Anfang des Buchs, als alle Jungen noch gemeinsam dabei sind, eine funktionierende Gesellschaft aufzubauen und zusammenzuarbeiten, und die Darstellung dessen, wie diese anfängliche Zusammenarbeit mehr und mehr auseinandergerissen wird. Die Kinder werden vom Herrn der Fliegen, von ihrer eigenen inneren Bestie, immer weiter zerrissen und korrumpiert. Es ist eine Geschichte von Zivilisation und Ordnung, und davon, wie zerbrechlich diese kulturellen Konstrukte wirklich sind.

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Asterix im Land der Götter: Rückkehr zu alter Glorie

Dieses Jahr war es wieder so weit; ein neuer Asterix-Film kam in die Kinos, um mit amerikanischen und japanischen Produktionen um die Zuschauerschaft zu streiten. Das Erste, was dabei an der neuen Comicband-Verfilmung auffiel, war, dass es sich um einen Computer-generierten Film handelte – ein Novum bei den Verfilmungen der gallischen Abenteuer. Für mich persönlich war es das erste Anzeichen, den Film mit einer gewissen Menge Misstrauen zu begutachten, denn da der klassische Zeichentrick sich vom Stil her eigentlich sehr viel besser für die Verfilmung eines gezeichneten Comicbands eignet, liegt die Vermutung nahe, dass die Wahl des Mediums in diesem Fall rein Marketing-bedingt getroffen wurde.
17deEin anderes ungünstiges Vorzeichen für den Film bestand darin, dass die gesamte Werbung sich rein an ein sehr kindliches Publikum zu wenden schien, mit Trailern, in denen außer Wildschweinjagden und verhauenen Römern kaum etwas vom Film selbst gezeigt wurde. Diese scheinbare Fokussierung auf die jüngeren Zuschauer mutet um so seltsamer an, als in diesem Film der Band Die Trabantenstadt verfilmt wurde, eines der politischeren und inhaltlich fordernderen Abenteuer der unbesiegbaren Gallier.
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Mary Poppins – Buch, Film und Musical

Es war eigentlich nur eine Frage der Zeit, dass auch der Disney-Klassiker Mary Poppins seinen Weg auf die Musical-Bühne finden würde. Seit Der König der Löwen 1997 als Bühnenshow unerwartete Erfolge zeichnete sind die Musical-Adaptionen der großen Disneyfilme zu einem nicht unerheblichen Standbein der Studios geworden – auch wenn seither keine Produktion an die Kreativität und die künstlerischen Ambitionen der aufwendig konstruierten Löwen-Puppen heranreichen konnte.
Gerade im Vergleich zu Zauberei- und Effekt-lastigen Filmen wie Die Schöne und das Biest oder Arielle, die Meerjungfrau muss Mary Poppins als ideale Vorlage für eine Bühnen-Adaption erscheinen. Seit nunmehr fünfzig Jahren einer der ganz großen Disney-Klassiker gilt der Film nicht nur als musikalischer Geniestreich, es handelt sich auch um einen Spielfilm, der in seiner bunten, aufwändigen Darbietung geradezu danach verlangt, für eine Live-Performance umgewandelt zu werden. Es wäre wirklich ein Leichtes gewesen, den Film so wie er ist zu nehmen, und in Stil und Handlung eins zu eins für die Bühne zu adaptieren – doch so einfach haben die Disney-Studios es sich nicht gemacht.

Mary Poppins

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Fluchtliteratur – von hässlichen Entlein, roten Rentieren und der Seeräuber-Jenny

Es gibt immer wieder den allgemeinen Vorwurf, jede fiktive Literatur sei eine Form von Eskapismus. Und je nachdem, wie man diesen Begriff definieren will, könnte man es sicherlich so ausdrücken. Jede Art Fiktion, ob nun in Buch oder Film, ja, jede Art von Kunst ist schließlich dazu geschaffen, den Rezipienten fortzutragen und ihm ein Erlebnis zu bieten, das jenseits der direkten, erfahrbaren Realität liegt.
Natürlich gibt es bei genauerer Betrachtung dann doch die unterschiedlichsten Impulse, die zum Schaffen von Kunst führen. Es gibt Kunst, deren Zweck es weniger ist, die Menschen aus der realen Welt fortzuführen, als vielmehr, sie dazuzubringen, nachzudenken, und ihre eigene Welt neu zu erfahren. Gerade im Bereich von Buch und Film genügen sich viele Werke auch darin, den Zuschauern eine simple Moral in hübscher Verpackung vorzustellen; einen Leitfaden, den man so oder so ähnlich auf das eigene Leben anwenden könne.
Aber unter all den Formen, die gerade moralisch angehauchte Kunst haben kann, gibt es dann doch immer wieder einen Bereich, der nicht anleiten oder gängeln will, sondern der sich darin genügt, seinen Zuschauern ein schönes, angenehm-gemütliches Bild zu bieten von einer Welt, in der am Ende schon alles gut werden wird. Eine Welt mit der einfachen Aussage: „Wenn es dir heute auch dreckig geht, morgen sieht sicher alles wieder besser aus.“

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Der Widerspenstigen Zähmung – ein Klassiker der BDSM-Literatur?

Es ist kein Geheimnis, dass das Prinzip des BDSM kein rein modernes Phänomen ist. Lange bevor Fifty Shades of Grey der sexuellen Spielrichtung zu einem neuen Hype verhalf, sorgte schon Die Geschichte der O für große Skandale, und der Namensgeber des Sadismus‘ selbst, Marquis de Sade, verfasste bereits im 18. Jahrhundert seine Werke, die quasi jede mögliche Spielrichtung von Sadismus und Lustschmerz offen darlegten.
Doch es gibt auch einen ganz anderen Typus von klassischen Geschichten, die sich mit dem Thema beschäftigen. Es ist schließlich gar nicht nötig, den Begriff BDSM offen zu propagieren, um ein entsprechendes Beziehungsgerüst zu beschreiben, und so gibt es über die Jahrhunderte hinweg genügend großartige Liebesgeschichten, die eine zumindest BDSM-inspirierte Beziehung darstellen, ohne offen darüber reden zu müssen. Eines der bekanntesten und eindeutigsten Beispiele dafür ist sicherlich Shakespeares Der Widerspenstigen Zähmung.

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Ähnlich wie beim Kaufmann von Venedig muss sich Der Widerspenstigen Zähmung regelmäßig die Frage gefallen lassen, in welche Richtung sich das Stück nun eigentlich interpretieren lassen will. Ist die Geschichte der feurigen Katharina, der von ihrem Ehemann der „Stachel gezogen“ werden soll, nun lehrreich, frauenverachtend oder gar emanzipatorisch? Die Frage ist in der Tat nicht einfach zu beantworten.
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