Eines der künstlerisch ambitioniertesten Filmprojekte der letzten Jahre ist mit Sicherheit Darren Aronofskys Verarbeitung des Schwanensee-Stoffes in Gestalt von Black Swan, ein Werk, über dessen Genialität kaum noch ein Wort verloren werden muss.
Neben dem eigenen Inhalt des Films, der selbst genug Raum zu Interpretationen bietet, lässt sich zusätzlich eine Menge in das Grenzspiel zwischen Realität und Wahnsinn hineinlesen. So könnte der gesamte Film als eigene Schwanensee-Adaption gesehen werden, in der Nina als Odette auftritt, Lily als Odile und die Hauptrolle in dem Ballett als der von beiden begehrte Prinz. Zu dieser Überlegung fügt sich auch die Tatsache, dass der Film mit dem Prolog des Balletts beginnt und mit dem Finale endet; beides mit Nina in der Rolle eines perfekten Weißen Schwans.
Auch wenn seit Erscheinen des Films vielleicht schon alles Interessante zu dem Werk gesagt scheint, will ich doch die Gelegenheit nutzen, noch einmal meine eigenen Gedanken zu dem gemeinsamen Finale von Film und Ballett aufs Papier zu bringen – in der Hoffnung, dass sie vielleicht sogar helfen, dieses Kleinod noch ein wenig mehr zu schätzen.

Der Anfang, der mit einem Traum von Nina sowohl ihren Wunsch nach der Hauptrolle, als auch ihre psychische Zerbrechlichkeit andeutet, führt den Zuschauer auf geradezu mystische Art in die Welt des Balletts; die Welt von Schwanensee. Es handelt sich um eine der vollkommensten Ballett-Vorführungen des Films und somit setzt die Szene von Anfang an Standards, die das Finale schließlich zu halten hat. Gleichzeitig ist sie aber zu perfekt, um wahr zu sein: Wenn sich Ninas weißer Rock vom langen Ballettkleid zu dem Tutu des Schwans ändert, geschieht das nicht nur offen in der Szene, sondern sogar während einer einzigen Einstellung.

Die andere große Ballett-Darbietung des Films ist natürlich das Finale; die gespannt erwartete Premiere von Schwanensee.
Ein Ende wie dieses befriedigend darzustellen, ist für einen Film keine einfache Aufgabe. Jedem Plot-erfahrenen Zuschauer ist klar, dass Nina den Schwarzen Schwan schließlich darstellen wird und eine grandiose Performance abgibt, die Frage ist nur, wie und zu welchem Preis. Natürlich ist sich der Film dieser impliziten Herausforderung bewusst und kann für diese Problematik eine so unerwartete wie passende Lösung bieten, wenn es gerade der Mord an sich selbst ist, der Nina endgültig zum Schwarzen Schwan mutieren lässt. Aber sieht man sich den letzten Teil des Films genauer an, kann man diese einigermaßen offensichtliche Interpretation noch sehr viel weiter spezifizieren:
Nach dem vorangegangenen Alptraum zeigt sich der Beginn des Premierenabends beinahe erstaunlich realistisch. Nina wacht wie gewohnt in ihrem Bett auf und alles scheint wie gewohnt – das Einzige, was sich verändert hat, ist Nina selbst. Der ganze Film war eine Beschreibung ihres Weges zu ihrer dunkleren Seite, und als sie sich nun auf den Weg zum Theater macht, hat sie ihr Ziel offensichtlich so gut wie erreicht. Das „liebe Mädchen“ wird – diesmal im vollen Bewusstsein – handgreiflich gegen ihre Mutter und fertigt erst Lily, dann Thomas mit kaltem Selbstbewusstsein ab. Es ist klar, dass sie ihre Transformation fast vollendet hat; für den Schwarzen Schwan fehlt ihr nur noch der letzte Stich. Thomas Worte sind dabei kaum noch vonnöten: „Der einzige Mensch, der dir im Weg steht, bist du. Es ist Zeit für die Verwandlung. Lass dich fallen!“ Eine passende Aussage, wenn auch nicht ganz so treffend wie im englischen Original, wo er mit den Worten „It‘s time to let her go. Lose yourself!“ seiner Hauptdarstellerin überspitzt ausgedrückt bereits die Klinge in die Hand drückt.

Was folgt, ist der zweite Akt des Balletts, in dem Nina ihren ersten großen Auftritt in der Hauptrolle des Weißen Schwans hat – und ihn prompt vermasselt. Erneut von ihren Fantasien verfolgt fällt sie hin und schmeißt auf grandiose Weise die Szene. Natürlich werden dadurch die Erwartungen nur höher geschraubt, doch was wie ein simpler Spannungsaufbau wirkt, kann auch sehr viel tiefgreifender gelesen werden. Nina hat sich so sehr angestrengt, voll und ganz zum Schwarzen Schwan zu werden, dass sie ihre eigentliche Persönlichkeit, den Weißen Schwan, auf dem Weg verloren hat. Sie hat sich in der Tat gewandelt, und zwar so weit, dass sie in ihrer jetzigen Verfassung wohl keine der beiden Rollen überzeugend darstellen könnte.
Erwähnenswert ist auch, dass dieser misslungene Auftritt im einzigen Akt des Balletts geschieht, in dem Nina physisch noch unversehrt ist.
Dann kommt die denkwürdige Szene in der Umkleide, in der Nina die Situation nutzt, sich nun vollständig ihrer dunklen Seite zu überlassen. Es ist buchstäblich ein Kampf mit ihrem Spiegelbild: Der Schwarze Schwan will den Weißen töten und endlich schlägt dieser zurück, befreit sich von allen Fesseln und wandelt sich selbst zum Schwarzen Schwan.
Als Schwarzer Schwan betritt Nina die Bühne und ihr gelingt ein grandioser Auftritt, der wirklich keiner weiteren Worte mehr bedarf. Doch das große Finale von Ballett und Film braucht nicht den Schwarzen Schwan, sondern den Weißen – die Rolle, in der Nina noch kurze Zeit zuvor so denkwürdig versagte.
Erst als sie wieder das Kleid des Weißen Schwans trägt, ist das Blut auf dem Boden verschwunden und Nina kann begreifen, was während der Pause wirklich geschehen ist. Es war kein Mord, sondern ein Selbstmord, der sie zum Schwarzen Schwan machte, und nun, da ihr das klar wird, ist sie selbst auf einmal nicht mehr Täter, sondern Opfer des tödlichen Unfalls.

Erst in diesem Moment erhält Nina gedanklich wie auch reell ihre Unschuld zurück und nun mit der geöffneten Wunde ist sie fähig, mit Leib und Seele ihr Bestes zu geben.
Was den oft kritisierten Realismus des Endes angeht, so ist diese Entwicklung wohl weit weniger unglaubwürdig als weithin behauptet: Natürlich ist das blutige Loch nur im weißen Kleid; dies war das Kleid, das Nina während der Pause trug. Das schwarze Kleid ist dunkel und undurchlässig und es ist nicht verwunderlich, dass niemand während des dritten Aktes die Verletzung bemerkte. Und erst, als Nina die Scherbe aus ihrem Körper entfernt, beginnt die Wunde wirklich zu bluten und leitet das Ende ihrer verbleibenden Lebenszeit ein. Dass Nina trotz ihrer Verletzung zwei derart denkwürdige Darbietungen abgeben kann, lässt sich zum einen sehr gut durch einen gewaltigen Adrenalinschub erklären, der unter den gegebenen Umständen alles andere als unwahrscheinlich scheint. Zum anderen ist ja das gerade der Punkt des Endes; nur so, durch absolute Selbstaufopferung und -verleugnung ist es Nina erst möglich, zu der von ihr so ersehnten, vollkommenen Perfektion zu gelangen. In gewisser Weise lässt dieses Finale an den Prolog von Dornenvögel denken, in dem eine Art von Vögeln beschrieben wird, die nur, wenn sie sich in völliger Selbstaufgabe auf einem langen Dorn eigens durchbohren, das einzige und wundervollste Lied ihres Lebens singen können.

Eine andere Sage, die Ninas Wandlung zum Schwarzen und dann zum Weißen Schwan in Erinnerung ruft, ist das Märchen der Schneekönigin. Auch hier ist die Spiegelscherbe im Herzen ein Symbol der Kälte und Bosheit und erst durch das Herausziehen des dämonischen Splitters kann die verhärtete Seele wieder gesunden.
Erst jetzt ist Nina wieder rein von all dem Groll, der sich während der Entwicklung des Films in ihr aufgebaut hat; erst jetzt, gerade zur rechten Zeit für ihr so lange ersehntes Finale, erreicht sie wieder die Perfektion der Anfangsszene und gegen den Preis ihres eigenen Lebens wird der Fluch gebrochen.