Ich komme frisch zurück aus Paris, der sicherlich schönsten Stadt der Welt. Frankreichs Hauptstadt ist bekannt für vieles; Liebe, Kunst, Freiheit, doch eine Bewohnerin der Weltmetropole ist in den letzten hundert Jahren in Vergessenheit geraten (beziehungsweise ins Reich der Legenden gerückt): die grüne Fee, auch genannt Absinth.
Das hochprozentige Getränk aus Wermut, Anis und Fenchel – wir reden von bis zu 85%, auch wenn sie zum Trinken gewöhnlich stark verdünnt werden – war gegen Ende des vorletzten Jahrhunderts das Kult-Getränk schlechthin und fand gerade unter den Künstlern zahlreiche Liebhaber, wie Vincent van Gogh, Ernest Hemingway, Edgar Allan Poe, oder Oscar Wilde, bis es wegen zunehmender Skandale vor rund hundert Jahren in den meisten europäischen Ländern verboten wurde. Und auch wenn dieses Verbot mittlerweile aufgehoben ist, so sind es heute doch vor allem die Hollywood-Filme wie Moulin Rouge und From Hell, die dem früheren Seelentröster noch hin und wieder dem ihm gebührenden Tribut zollen.


Wenn man auf der Suche nach dem Absinth-Charme des neunzehnten Jahrhunderts ist, liegt es nahe, sich als Erstes zu Montmartre, dem alten Künstlerviertel von Paris aufzumachen. Gerade der Fuß des Berges und die Umgebung des weltbekannten Moulin Rouge galt seinerzeit als der Aufenthaltsort für Künstler aller Arten, die in den verrufenen Cafés und Spelunken ihre Muse suchten und auf dem Weg einige leere Gläser und so manche leichtherzige Affäre fanden.
Gerade in der Nacht wird dieses Viertel seinem Ruf auch heute noch voll und ganz gerecht, wenn sich in der Umgebung um das Moulin Rouge die leichten Mädchen vor einer bunten Sexshop-Kulisse tummeln. Einen besonderen Anstrich bekommt dieses verdorbenste Viertel von Paris allerdings dadurch, dass es gleichzeitig immer noch eine absolute Touristenattraktion verbleibt und sich so die Besucher aus allen Schichten und Interessengruppen fröhlich mischen.

Eine Querstraße von der großen Mühle entfernt, direkt neben einem riesigen Sexshop, liegt das altmodisch-gediegene Hotel Royal Fromentin. Das Äußere des Hotels macht zwischen all den zweifelhaften Leuchtreklamen eher weniger her, doch betritt man den edel ausgestatteten Vorraum, der direkt in die hoteleigene Bar übergeht, meint man, in ein anderes Jahrhundert überzugehen. In der Tat hat das Gebäude Vergangenheit; dieser Raum bot seinerzeit schon Herberge für Toulouse-Lautrec und Co., ehe das Haus zwischenzeitlich ausgerechnet als Kloster genutzt wurde.
Eigentlich passt diese Mischung aus Konvention und ehemaliger Verrufenheit perfekt in dieses Viertel, das von den Gegensätzen der verschiedensten Touristeninteressen nur so strotzt. Doch diese Ironie scheint nicht für jeden geeignet; so konnte ich nicht überhören, wie eine Amerikanerin sich am Telefon bei ihrer Freundin über die Unterkunft beschwerte – sie war empört, im Rotlichtviertel untergebracht worden zu sein, nachdem man ihr eine besonders gute und touristenfreundliche Lage versprochen hatte.

In dieser einmaligen Atmosphäre bekommt man nach Anfrage an der Rezeption den Absinth nach klassischer Art serviert. Eine geringe Menge des hochprozentigen Getränks wird zusammen mit dem großen Wassergefäß und einem Würfel Zucker gereicht, so dass der Gast sich die gewünschte Konzentration mit langsam tropfendem Wasserfluss selbst zusammenmischen kann. Da es sich bei dem Raum um die hoteleigene Bar handelt, ist es naturgemäß eine sehr ruhige Umgebung und für den Großteil der Zeit kann man erwarten, der einzige Besucher zu bleiben. Wen das nicht stört, der hat in diesem abgelegenen Salon wahrhaft ein echtes Schmuckstück gefunden.

Der Geschmack der grünen Fee ist etwas ganz Besonderes: Von seiner Würze her erinnert das Anisgetränk etwas an den griechischen Ouzo, doch die zusätzlichen Zutaten fügen gleichzeitig eine bittere und wunderbar sanfte Note hinzu. Dazu kommt, dass man durch die Zuckerwasser-Verdünnung ja selbst die Möglichkeit hat, sich das Getränk ganz nach eigenem Gutdünken zurechtzumischen. Und der Absinth beinhaltet genug Alkohol, um auch in verdünnter Form und langsam genossen über einen längeren Zeitraum zu Kopf zu steigen. Grundsätzlich scheint der liebevolle Name „Fée Verte“, der sowohl an die Künstlermuse, als auch an aufreizende Naturgeister denken lässt, also in jeder Beziehung wunderbar zu dem Getränk zu passen.
Die Tatsache, dass die Hotelbar nicht auf einen steten Besucherfluss angewiesen ist, führt übrigens dazu, dass man den Absinth hier ganz ungestört auch über lange Zeit hinweg genießen kann – und da das Getränk dank seiner Natur beliebig zu strecken ist, kann man sich so praktisch den gesamten Abend aufhalten und die Gelegenheit beispielsweise nutzen, um stundenlang völlig ungestört zu arbeiten.

Eine andere renommierte Adresse für den Absinth-Genuss ist das Il Cantada im Osten von Paris, auch hier in einem Gebiet, das mit seinen dreckigen Kneipen und Lokalen eine eher spezielle Besucherschicht anzulocken scheint. Doch im Gegensatz zu der seltsamen Kultur-Mischung des Montmartre handelt es sich hier um ein hundertprozentiges Saufmilieu, in dem frau nicht die Straße überqueren kann, ohne mehrere derbe Kommentare auf sich zu ziehen.
Hier befindet sich in einer düsteren Seitengasse die Rock-Bar, die sich nicht nur hinsichtlich der Getränkeauswahl auf eine modernes „Wiederauflebenlassen“ des alte Paris spezialisiert hat: Unter dem eigentlichen Schankraum wird dem Besucher auch eine zeitgemäße Version des einstmals weithin berühmten „Théatre du Néant“ geboten.
Diese krasse Umgebung fühlt sich von vornherein authentischer an, um ein potentiell skandalträchtiges Getränk zu genießen – hier hat man nicht das Gefühl, sich einer konventionellen Vergangenheit hinzugeben, sondern für den Absinthgenuss einen passenden Platz in der heutigen Welt gefunden zu haben. Mit seiner stimmungsvollen (wenn auch etwas bemühten) Einrichtung und dem herrschenden Tumult ist diese Bar definitiv der richtige Ort, wenn man eine gute Zeit verbringen will.

Obwohl das Il Cantada auch als „gewöhnliche“ Bar fungiert, ist es ganz speziell auf die Absinth-Liebhaber ausgerichtet. Dem interessierten Besucher bietet sich eine Karte mit einer riesigen Auswahl der verschiedensten Sorten des Getränks aus Frankreich, Deutschland und der Schweiz. Bei meinem ersten Versuch habe ich mich für eine „Libertine“ entschieden, in der Hoffnung, dass dieser Freigeist seinem Namen gerecht werden würde – ironischerweise stellte sich das Getränk aber als sehr viel zahmer heraus, als das Label erwarten lassen könnte.
Gerade im Vergleich mit seinem „großen Bruder“ vom Montmartre ist dieser Absinth um einiges lieblicher, und auch bei minimaler Verdünnung ließ sich nur ein leichter Hauch von Alkohol feststellen. Auch der Geschmack ist zahmer als bei der anderen Adresse; es ist mehr Anis zu spüren, doch dafür rücken die bitteren Komponenten fast völlig in den Hintergrund.
Nicht nur durch die niedrigere Konzentration wird deutlich, dass man hier – anders als in dem Hotel – reell auf die Kunden angewiesen ist, denn gerade das längere Strecken der Flüssigkeit wird vom Barkeeper sehr schell rigoros unterbunden. Von seinem Effekt her erscheint diese Version daher mehr ein Modegetränk und weniger das „eigentliche“ Absinth-Erlebnis zu sein; schließlich sollte man das Getränk eigentlich über eine längere Zeit genießen können, und idealerweise trotzdem spüren.
Dennoch ist dies wohl die Adresse, an die sich die heutigen Künstler und Schriftsteller eher wenden würden – wenn auch nicht unbedingt, um dort inspiriert zu arbeiten …

Insgesamt kann man eindeutig feststellen, dass die Stadt der Künstler den Einheimischen wie den Touristen auch in dieser Hinsicht alles bietet, was das Herz begehrt. Ob nun klassisch oder modern, stark oder lieblich: Paris ist und bleibt das einzig wahre Heim der grünen Fee.

„Der Absinthtrinker“ – Viktor Oliva